Anläßlich der 150-Jahr-Feier der größten Wissenschaftsorganisation der Welt, der American Association for the Advancement of Science (AAAS), wagte US-Präsident Bill Clinton Mitte Februar in Philadelphia eine Prognose: "Schon schenken raffinierte neue Aids-Therapien HIV-Infizierten ein neues Leben. Wenn dieser Fortschritt anhält, dann glaube ich, daß wir in einem Jahrzehnt über einen wirksamen Impfstoff verfügen werden."

Kaum waren seine Worte verhallt, da trafen sich im gleichen Hause Aids-Forscher, um über den Stand ihrer Kunst zu referieren. Über Impfstoffe sollte David Baltimore sprechen, doch der Medizin-Nobelpreisträger und Vorsitzende des Forschungskomitees für Aids-Vakzine der Nationalen Gesundheits-Institute (NIH) erschien erst gar nicht, sondern ließ sich durch seinen Kollegen Peter Kim vertreten. Der konstatierte kurz, trotz mehr als zehnjähriger Forschung sei noch immer kein wirksamer Impfstoff in Sicht, man suche dringend neue Ideen.

Der Offenbarungseid macht deutlich: Trotz aller Erfolgsmeldungen ist die Aids-Epidemie längst nicht besiegt. Denn mehr als neunzig Prozent aller Infizierten verhelfen die "raffinierten Aids-Therapien" nicht zu neuem Leben. Die Arzneien sind viel zu teuer. Nur billige Impfstoffe können die Seuche stoppen.

Doch die Forscher haben immer noch nicht verstanden, wie das Virus das Immunsystem zerstört. Lange Zeit galt als Credo, die Viren würden bestimmte weiße Blutzellen (CD4-T-Zellen) entern, sich in ihnen vermehren und sie dabei zerstören. Doch in der Februarausgabe von Nature Medicine hieß es, nun sei "der letzte Nagel im Sarg" dieser einfachen Theorie eingeschlagen. Offenbar findet das virale Zerstörungswerk nicht im Blut, sondern auf unbekannte Weise im Gewebe statt.

Verflogen ist auch die Hoffnung, die Kombinationstherapie mit neuen Medikamenten könne die Viren ganz aus dem Körper vertreiben. Die Patienten müssen die teuren, nebenwirkungsreichen Medikamente vermutlich lebenslänglich schlucken - weil sich einige HI-Viren in den Lymphknoten oder im Gehirn verstecken. Besonders frustrierend ist, daß diese wenigen Viren auch scheinbar Gesunde wieder erkranken lassen, die längst große Mengen Antikörper gegen HIV im Blut haben. Denn das Erzeugen solcher Antikörper gegen bestimmte Bestandteile der HI-Virushülle ist nämlich das Ziel zahlreicher Impfstrategien. John Moore vom New Yorker Aaron Diamond Aids-Forschungszentrum spottete in Philadelphia, die von mehreren Vakzinen erzeugten Antikörper im Blut von Freiwilligen schützten diese zwar "gegen die Hülle, aber nicht gegen das Virus".

Ähnlich trist sieht es bei den Lebendimpfstoffen aus, die aus abgeschwächten Viren bestehen. Zwar hatten sich diese mehrfach gegen ansonsten tödliche Affen-Aids-Viren (SIV) als schützend erwiesen. Dennoch sind in den vergangenen Monaten mehrere Affen nach der Impfung mit abgeschwächten SIV gestorben.

In manchen Fällen wirkte die Immunisierung tödlich