So schlimm war es im Nachkriegsdeutschland noch nie. Fast fünf Millionen Arbeitslose, immer mehr Kinder und Jugendliche in Not. Viele Menschen suchen ihr Heil in Jobs ohne soziale Sicherheit. Jenseits der Grenzen sieht es oft nicht besser aus. In der Europäischen Union sind heute fast achtzehn Millionen arbeitslos. Mit klassischen Allheilmitteln wie mehr Wachstum und Niedriglöhnen ist dagegen nicht anzukommen.

Nahezu jede Industriegesellschaft krankt an wachsender Ungleichheit. Auf dem europäischen Kontinent zeigt sie sich vor allem auf dem Arbeitsmarkt und in ungeheuren Soziallasten, in den Vereinigten Staaten in billigen Mehrfachjobs, extremer Armut und hoher Kriminalität. "Wir haben auch ein soziales Netz", resümiert der amerikanische Bestsellerautor Jeremy Rifkin bitter. "Es ist nur viel teurer als das deutsche: Es heißt Gefängnis."

Der traditionellen Ökonomie gehen die Antworten aus. An ihrer Stelle versuchen Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen Lösungen abseits der alten Denkmuster zu finden. Der Italiener Orio Giarini und der Deutsche Patrick Liedtke nehmen viele dieser Gedanken in ihrem gerade erschienenen Bericht für den Club of Rome auf und leiten daraus eine Vision für die Zukunft der Arbeit ab.

In ihrer Welt herrscht Vollbeschäftigung, allerdings nicht im herkömmlichen Sinn. Wer nichts in der freien Wirtschaft findet, muß sich seine staatliche Unterstützung in gemeinnützigen Tätigkeiten verdienen - auch mit ungeliebten Arbeiten. Ein hartes Regime: Wer gesund ist, aber untätig bleibt, geht leer aus. Die Autoren wissen, das geht nicht ohne Zwang: "Aber wir sehen hier keine Alternative."

Um sich seine Existenz mit einem staatlichen Mindesteinkommen zu sichern, muß der Bedürftige gut die Hälfte der Woche öffentliche Tätigkeiten ausüben. Das läßt genug Zeit für Eigenarbeit und Weiterbildung. Aber auch Kleinverdiener im ersten Arbeitsmarkt können mit gemeinwohlorientierter Arbeit in Bildung, Gesundheitswesen und Sozialdiensten ihr Einkommen bis zur Existenzgrenze aufbessern.

Die Schlüsselrolle fällt zwar weiter dem ersten Arbeitsmarkt zu, den die Autoren als "zweite Schicht" bezeichnen. Der allerdings kommt bei Giarini und Liedtke neoliberalen Träumen sehr nahe. Tarifliche Arbeitszeiten haben in ihrem Modell keinen Platz, die Arbeitsbedingungen sollen so flexibel wie möglich sein, der Staat darf lediglich dafür sorgen, daß der Wettbewerb funktioniert. Darüber hinaus kann er nur in der sogenannten ersten Schicht intervenieren, bei jenen Arbeiten, für die er auch bezahlt. Die "dritte Schicht" schließlich umfaßt alle unbezahlten produktiven Tätigkeiten von der Kindererziehung über das Heimwerken bis zur ehrenamtlichen Vereinsarbeit. Auch dafür muß die Wertschätzung steigen, müssen Motivation und Zeit vorhanden sein.

Diese Grundeinsicht teilen Giarini und Liedtke mit anderen Forschern: Produktiv ist bei weitem nicht nur die bezahlte Arbeit. Aber die Gesellschaft, die ihnen vorschwebt, wird wahrhaftig kein Schlaraffenland. Hier der ungezähmte Markt, da die staatlich organisierte Wohlfahrtsarbeit mit dieser strikten Trennung ziehen die Autoren eine schwer überwindbare Mauer durch die Gesellschaft.