Für den Wohnsitz wie für den Firmensitz gilt, daß der Mensch sich darin von Stuhl zu Stuhl bewegt. Zwischendurch springt der Autositz in die Bresche. So ist das abendländi sche Ich, konzipiert als rollende Kugel auf der Linie der Zeit, seinem Wesen nach stets unterwegs zum jeweils nächsten Sessel. Um die Überforderung der Menschen durch permanente Sitzwechsel zu lindern, bietet die Firma Jaguar ihre legendären Ledersitze auch als Bürostühle an.

Der kulturhistorische Gegensatz von Ansässigkeit und Nomadismus hat erst im Autositz seine sinnreiche Versöhnung gefunden. In ihm ist man nicht nur sitzend unterwegs, er kombiniert auch Beweglichkeit und Reglosigkeit des Leibes auf neue Art: Je rascher das Auto fährt, desto fester muß der Sitz den Körper des Fahrers umschließen und zur Bewegungslosigkeit zwingen.

Diese aus dem Zentrifugalgesetz abgeleitete Tatsache nötigt den Sportsitz zu dem paradoxen Versprechen, den Fahrer dadurch sportlicher zu machen, daß er seinem Rumpf die Möglichkeiten zur Bewegung raubt: "Sport muß nicht schweißtreibend und qualvoll sein. Unser neuester Sitz, der Recaro sport, beweist es." Im Katalog ist neben dem Sitz eine Fitneßmaschine abgebildet, damit der Käufer ermesse, wieviel Schweiß er sich beim sportlichen Sitzen erspart.

Auch wer viertausend Mark dafür übrig hat, sein Gesäß mit einer Überdosis an Sinn zu verwöhnen, steht immer noch vor der unentscheidbaren Frage, ob er einem "komfortablen" oder einem "sportlichen" Sitz den Vorzug geben soll. Bequemlichkeit ist und bleibt unsportlich, auch wenn die Werbetexte der Sitzhersteller um diesen Widerspruch herumschleichen wie die Katze um den heißen Brei: "Komfort ist bei Recaro gleichgesetzt mit gesunder Härte, mit sportiver Seitenführung." Die Worte "sportlich ausgelegt" bedeuten nie etwas anderes als hart.

Für wahrhaft harte Männer gibt es kein größeres Greuel als jene Sitze französischer Autos, in denen man haltlos versinkt wie in einem Daunenbett. Der deutsche Normalsitz hingegen ist aus dem Gedankengut der orthopädischen Vernunft entworfen. Diese weiß, daß die Sitzkultur den Körper so lange entlastet, bis dieser die Fähigkeit, sich selbst zu tragen, verliert und äußerer Stützen bedarf. Der Sitzergonom ist sein eigener Auftraggeber, denn seine Lösungen verstärken das Problem. Er profitiert davon, den Teufelskreis der Erschlaffung voranzutreiben, indem er ihn mit Scheinrationalität hinterlegt. Das Autositz-Modell Optimed verspricht "ganzheitlich korrekte Körperführung". Wer brauchte die nicht?

Wenn ein Mann sich im Sitz gerade irgendwie schlaff fühlt, greift er zum Blasebalg und pumpt die "Lordosenstütze" auf. Mit Aufpreis auch elektrisch. Der Sitz wächst ihm sodann in den unteren Rücken hinein und erleichtert eine aufgeplusterte Haltung. Als "Wunschausstattung" stehen Rückenkissenheizung, drei extra steuerbare Luftkissen, fünf Motoren zum Rückenmassieren, das elektronische "Sitz-Memory" für gedächtnisschwache Hinterteile und "Detensor-Aktivlamellen" als Kompromißbildung zwischen Entspannungs- und Aktivierungswünschen zur Verfügung. Bis zum Exzeß getrieben wird die Engführung von Aktivität und Passivität von jenen Modellen, die mit einem Loch im Genitalbereich ausgestattet sind. Es dient dazu, "6-Punkte-Gurte" körpernah zu verankern. Der sportlichste aller Männersitze nähert sich damit im Aussehen wie in der Funktion dem Babysitz.

Besonderen Kitzel versprechen jene Sitze, die für "Rundstreckenrennen" konzipiert und vom TÜV Normalbürgern verboten wurden. Sie machen Verkehrskontrollen spannend, obwohl kaum ein Polizist die feinen Unterschiede zwischen Vollschalensitzen gebührend zu würdigen weiß. Das Modell Sparco Carbon etwa ist ganz aus Kohlefaser hergestellt. Doch wer ahnt schon diese substantielle Großartigkeit, wer hätte ein Bewußtsein von derartigen Vorzügen und worin diese bestehen könnten, abgesehen vom Preis? Selbst die "ausgefallene Polstergrafik" bleibt nicht nur dem sitzenden Besitzer während der Fahrt verborgen.