Die Konferenz der Kultusminister, die KMK, wird diesen Donnerstag fünfzig. Wie öde, denken Sie? Halt! Blättern Sie nicht weiter! Auch Sie waren betroffen, Ihre Kinder sind es noch. Wie lange Ihre Schulzeit dauerte, welche Fächer Ihre Kinder lernen müssen, ob's "nur" für die Hauptschule oder fürs Gymnasium reicht, wo Sie was studieren durften und neuerdings auch, wie Sie richtig zu schreiben haben - das alles setzt eine Runde ausgewählter Damen und Herren fest: die Ständige Konferenz der Kultusminister. Ein Gremium, das in diesem Ausmaß Lebenschancen verteilt, ist nicht langweilig! Es ist eine der mächtigsten Institutionen unserer Gesellschaft. Bloß nimmt das kaum jemand wahr.

Also: Wer feiert hier was? Es feiert die Republik das, was sie das Prunkstück ihrer föderalen Ordnung nennt: die Hohheit der Länder über ihre Kultur. Die Kultus- und Wissenschaftsminister aus sechzehn Bundesländern sind die Herrscher über Universitäten, Hochschulen, Gymnasien und Zwergschulen. Jeder ist sein eigener Herr. Einem König unterstehen sie nicht. Der Bundesbildungsminister ist nur Gast. Manchmal erteilt man ihm Rederecht. Also: eine zutiefst demokratische Einrichtung.

Die Konferenz der Kultusminister wurde geboren aus einem Trauma. Die Naziherrschaft, die Erfahrung einer gleichgeschalteten Bildungshierarchie, war der Ursprung eines Mythos, an dessen Auswirkungen die ganze Republik laboriert. Der Mythos besagt: Allein die im Grundgesetz verankerte Kulturhoheit der Länder ist der Garant für Freiheit und Vielfalt im Bildungswesen. Dahinter steckt die demokratische Idee, daß zwar jeder einzelne Kultusminister "frei", nach eigenem Gutdünken, schalten und walten kann, daß aber im Gespräch aller mit allen - in einer Konferenz eben - ein Zerfall des ganzen Systems verhindert wird. "Einheit in der Vielfalt" lautet das jubelnde Geburtstagslied, das diese Woche angestimmt wird.

Der Gedanke einer überregionalen Debattierrunde hat angelsächsischen Charme funktioniert hat das Ganze aber nie. Die Folge: endlose Sitzungen, verschleppte Reformen, schlappe Kompromisse. Der Ruf des Gremiums ist heute, fünfzig Jahre nach seiner Gründung, ruiniert.

Schon vor zehn Jahren fand der damalige Bundesbildungsminister Jürgen Möllemann, die KMK bewege sich mit der Geschwindigkeit einer griechischen Landschildkröte (siehe Seite 18). Unlängst bezeichnete Bundeskanzler Helmut Kohl die Dauerkonferenz als "reaktionärste Einrichtung der Bundesrepublik". Im Vergleich zu ihr sei der Vatikan "weltoffen". Selbst unerschütterliche Verteidiger werden über all die Jahre von Zweifeln benagt.

Nach einem halben Jahrhundert Bildungsherrschaft von inzwischen sechzehn kleinen Kulturhoheiten sollte man die Gunst des Datums nutzen und endlich sagen: Nun ist's genug!

Dabei sind keineswegs inkompetente Geister am Werk. Im Gegenteil - in der KMK wirkten mitunter hervorragende Bildungspolitiker: Hans Maier, Peter Glotz, Hanna-Renate Laurien, Wilhelm Kewenig, Bernhard Vogel, Jürgen Girgensohn, Werner Remmers. Wie also kommt es, daß dieses hochkompetente und zweifellos rührige Gremium so wenig tragfähige Ergebnisse gebiert?