Der Empfangschef des Cafés im "Grand Hotel" ist unglaublich herablassend. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, weist er mir einen Platz zu. Ich bin zufrieden, ich will ja nur die Stelle sehen, an der Edvard Munch den mächtigen Charakterkopf "Ibsen im Café des Grand Hotel" gezeichnet hat. Eine bleiche Geistervision hinter den Portieren des Cafélokals, in dessen Dunkel er lebte, während vor den Fenstern draußen im Tageslicht das neue Jahrhundert mit neuen, hohen Mietskasernen dasteht und geschäftige Menschen vorübereilen (Edvard Munch).

Draußen kratzen spikebewehrte Autoreifen über die eisige Straße. Auf einer Leuchtanzeige blitzen abwechselnd die Uhrzeit, 16.23, und die Temperatur, -9 ø, auf. Vom Eislaufplatz auf der anderen Seite der Karl Johann Straße, der Hauptstraße Oslos, dudelt Musik. Auf dem linken Bürgersteig drängt eine Menschenmenge heran, vom Storting Platz am "Grand Hotel" vorbei zum Nationaltheater. Die Perspektive verkürzt sich, die Menschenmassen rücken näher. All die Vorübergehenden sahen ihn so eigenartig und seltsam an, und er spürte, daß sie ihn ansahen - ihn anstarrten - alle diese Gesichter - bleich im Abendlicht - er wollte einen Gedanken festhalten, aber es gelang ihm nicht - er hatte das Gefühl, in seinem Kopf sei nichts als Leere ...

Edvard Munchs "Abend auf der Karl Johann Straße", 1892. Die Herren tragen heute keine Zylinderhüte mehr. Die Damen hüllen sich in dicke Pelzmäntel ein. Aber der Boulevard ist sich gleich geblieben. Der Himmel und auch das Licht: ein gelboranges Nachscheinen der Abendsonne. Das Storting - das Parlament -, das Königsschloß und das "Grand Hotel": alles kühle Bauten mit Fenstern wie weitaufgerissene Augen. Sind die Gesichter der Menschen nicht immer noch gespenstische Masken, die unergründliche Abgründe verbergen?

Oder läßt sich Munchs Norwegen nur noch mit der Phantasie erahnen?

Die Nedre Slottsgate 9, ein altes Stadthaus in der Fußgängerzone, beherbergt ein Kleidergeschäft. In den oberen Stockwerken liegen Büros. In der Thorvald Meyer Straße 48 im Osten der Stadt: Läden für Nähmaschinen und Elektroartikel. Am Schous Platz 1: ein Tätowiersalon und ein Café. Am Olav Ryes Platz 4: ein von einem Pakistani geführter Laden für alles. Nirgends ein Hinweis, wer in diesen Häusern einmal gewohnt hat. Nur am Eingang zur Fossveien 7 ist eine kleine Kupfertafel angebracht: "Her bodde Edvard Munch 1877-82."

Auf der anderen Straßenseite ragt eine Batterie riesiger, grünverschlierter Getreidesilos in den Winterhimmel und versperrt den Blick auf die alte Aker-Kirche, die auf einem Hügel jenseits des Tals des Flüßchens Akerselva liegt. Das Motiv von Munchs erstem, 1880 gemaltem Gemälde. Hat die Realität des Jahres 1998 sich wie eine Trennwand vor die gequälten Seelenlandschaften des großen Malers der Jahrhundertwende, des größten Malers Norwegens, geschoben?

Die Munchs zogen alle paar Jahre um. Der Vater, ein schwermütiger Mann, arbeitete als Militär- und Armenarzt. Von der Wohnung in der Nedre Slottsgate unternahm die Mutter, die an Schwindsucht litt, Spaziergänge mit dem kleinen Edvard um die Festung Akershus. Sie starb in der Pilestredet 30. Das Haus unweit der Karl Johann Straße ist heute ein heruntergekommenes Gebäude inmitten glasblitzender Bürobauten. Hausbesetzer haben auf das abbröckelnde Ende des Giebels eine schwarzweiße Nachbildung des berühmten "Schreis" gemalt.