Wenn sie die dunklen Haare zurückwarf und mit ihren zarten Händen das Mikrophon ergriff, dann war es, als ginge über dem Fudschijama die Sonne auf. Kerstin Radtke sang in Nagano von der Liebe und vom Schmerz, "Bridge over troubled water", alles a cappella.

Thüringen in Japan, das war ein weißes Festzelt mit Bratwurst, dicker Rippe und der Musikgruppe Rest of best aus Weimar. In den letzten olympischen Tagen wurde immer klarer, auch Kerstin hätte Gold verdient gehabt.

Disziplin deutsches Brauchtum mit Köstritzer Bier: Der Musik im Zelt gelang, was Sprache so viele Tage lang nicht schaffte - Verständigung. West und Ost, Ost und Fernost. Als die 18. Olympischen Winterspiele auf die Zielgerade gingen, versagte "Kani" Kanhold, dem Vokalisten, zwar die Stimme, aber, einmal in Fahrt, hielt er durch bis zuletzt.

Den Wirtsleuten Regenburg aus Ruhla/Thüringen gingen die Bierkrüge aus, serviert wurde fortan in Plastik, und "Kani" knackte karaokemäßig weiter die Herzen der Japaner, zog seine Zuhörer wie an den Haaren hinter sich her über Tische und Bänke.

Die Zeltplanen flatterten im Wind, stolz präsentierten die Thüringer Pavillon News den neuen Medaillenspiegel. Danach rangierte das Land vorübergehend auf Platz acht im internationalen Kräftevergleich, noch vor Österreich und Finnland. Glücks genug. Anlaß für einen Mann aus Erfurt, nimmermüde den Dialog zu suchen. "Da, nehmen Sie auch eine." Seine Visitenkarte trug den Namen Andreas Trautvetter und den Zusatz Minister. Vorne auf deutsch, auf der Rückseite japanisch. Anschluß suchen, darum ging es bei den Winterspielen in Japan neben dem Kampf um die Medaillen vor allem.

Denn Games from the heart, das sagt sich leicht hin. Normalerweise sind es die Taxifahrer, die herhalten müssen, wenn Reporter einschweben und an Ort und Stelle Bodenhaftung suchen. Wie ist die Lage? Wie ist die Stimmung? So viele Berichte, die von der Einschätzung eines einzigen Taxifahrers erst richtig geadelt wurden. Nicht so in Nagano.

Die Tränen des japanischen Skispringers Mashahiko Harada beispielsweise, sein Flug zur Goldmedaille. Was lag näher, als den Mann am Steuer danach zu befragen. Ein persönliches Wort, nur eine kleine Empfindung.