Gibt's eigentlich so was wie 'ne Ost-West-Konkurrenz im Fernsehwesen? Was Journalismus und große Show betrifft, dürfte der Vorsprung des Westens kaum aufzuholen sein; beim kleineren Fernsehspiel indessen, bei der Dokumentation und der Provinzposse müßte der Osten vorn liegen. Kein Wunder, daß man hier von Wettstreit wenig hört.

Auch der Provinzkrimi kommt made in Eastern Germany gut an. "Polizeiruf 110" hat kräftiges Lob eingeheimst, der Ost-Tatort ist hochbeliebt - warum eigentlich? Ist er so spannend wie die besseren Westfolgen? Nein, weniger. Ist er so risikofreudig umgesetzt, so hart, so avantgardistisch? Keineswegs. Im "Polizeiruf" kommt die Provinz zu sich selbst, sind die Kommissare dick und täppisch und die Täter spießig. Aber er hat was, der Krimi. Was?

Die Macher und ihr Publikum, sie können eines: warten. Für die Entwicklung einer Krimihandlung ist das von unschätzbarem Vorteil. Wenn nach Dutzenden falscher Fährten endlich die wahre Spur erscheint, ist sie mehr: eine Offenbarung. Wenn nach Tagen vergeblicher Mühe der Schuldige eher zufällig überführt wird, ist das nicht bloß ein Erfolg, sondern die Katharsis. Wir dürfen durchatmen, die Welt ist eingerenkt. Und so gewinnt der Krimi/Ost durch sein schlichtes Hausmittel des Abwartens etwas von dem, was jedem Krimi zusteht, was aber in der Zeit seiner Inflation, sprich Entwertung seiner Mittel, immer schwerer zu formulieren ist: Pathos. Oder doch mindestens: eine Spur Poesie.

Wenn der Kommissar in diesem Film seufzt: "Was Menschen alles anstellen, um zu Geld zu kommen!", stutzt der Westzuschauer. Er weiß: Ein Satz von einer solchen Banalität käme im Westkrimi nicht vor. Man hat ihn hinter sich, man staunt nicht mehr. In Halle an der Saale aber spricht man ihn aus, und - na so was, er wirkt überhaupt nicht peinlich. Und das nicht, weil er in Halle gesprochen wird, sondern weil Buch, Regie und Schauspieler lange genug auf ihn gewartet haben: Plötzlich ist der Moment da - und ja, er sitzt, der Satz.

Das Wartenkönnen begünstigt auch das Bild: Es hält länger vor, man merkt sich die Schauplätze besser, und das Augenzwinkern von Jaecki Schwarz, das ein Sekündchen optisch verklingen darf, macht seinen Kommissar Schmücke sympathischer, als dessen Trägheit eigentlich erlaubte. Man traut ihm zu, daß er, während er nichts tut, nachdenkt. Das genügt.

Der Westen steht für Tempo. Der Osten ist der Igel, der bloß wartet.