Wer die Skistadt Val d'Isére beschreiben möchte, bekommt es unweigerlich mit dem Problem der Fairneß zu tun. Denn was ist schon gerecht, wenn ein Ort dem Betrachter zwei Möglichkeiten anbietet: entweder über die monumentalen Scheußlichkeiten aus der Epoche der alpinen Urbanisierung herzuziehen oder die monumentalen Reparaturarbeiten an den Bausünden früherer Tage zu rühmen? Was ist Val d'Isére? Noch immer eine Bergfestung aus Beton? Oder schon die erste Retortensiedlung des Skizeitalters, die Wunden zu heilen vermochte?

Val d'Isére pflegt sich mit Superlativen zu schmücken: Zahl der Lifte, Pistenkilometer, Beförderungskapazität, Höhenunterschiede - alles riesig, gewaltig, ein Skiparadies eben. Aber die Paradiese, sofern sie von Menschenhand erschaffen wurden, haben Fehler. Das merkt jeder, der sich mit dem Auto die Serpentinen von Bourg St. Maurice hochwindet. Der letzte Tunnel, noch einmal eine Schlucht, dann tut sich das Hochtal auf, und die Großsiedlung La Daille versperrt die Sicht auf das Skigebiet. Der Atem stockt. Hotel- und Apartmenthäuser, mindestens zehn, zwölf Stockwerke hoch. Mausgraue Blocks, Baujahr 1969, die Dächer bilden eine geschwungene Linie, als ob sie einen Bergkamm imitieren wollten. Von der Seite sehen sie aus wie Aufbauten von Panzerkreuzern: Metallkappen wie Geschütztürme, Fenster wie Schießscharten. Bei Nacht verwandelt sich die Alpenmetropolis vollends in einen Alptraum: Richtstrahler leuchten die Blechhauben mit Kaltlicht aus.

Planungshybris hat diese Zeitzeichen einstmals modernen Wohnens am Fuße des Rocher de Bellevarde hinterlassen. Es sind Monumente eines bedingungslosen Vertrauens in die Moderne. Natürlich waren es Pariser Eliten, die hier ihre Visionen Beton werden ließen. Und kein anderer als Charles de Gaulle hatte dafür eine amtliche Carte blanche ausgegeben. Frankreich, bis in die fünfziger Jahre ein wintersportliches Entwicklungsland, gebührte auch im Schnee der Rang einer Grande Nation, fand er. Devisen sollten ins Land fließen und die Entvölkerung der Bergregionen gestoppt werden.

Exekutor des präsidialen Erschließungswillens war Pierre Dalloz, damals Leiter der Architekturabteilung im Ministerium für Wiederaufbau. Zusammenhängende Apartmentkomplexe in der Einsamkeit des Gebirges stellte er sich vor, hundert Meter lange Häuserfronten mit Einkaufsgalerien und Tiefgaragen sollten entstehen. Und sie wurden gebaut - zunächst im Nachbarort Lac de Tignes, wo erst das alte Dorf gesprengt und in einem Stausee begraben wurde, bevor ein alpines Manhattan in einem baumlosen Hochtal emporwachsen konnte.

Val d'Isére, mit Lac de Tignes durch einen Liftverbund verschwistert, hat des Präsidenten Willen dagegen als Anarchie kennengelernt. Allerlei Glücksritter und Finanzhasardeure überfielen den Ort und brachten Bankkredite sowie Staatssubventionen mit. Ihre Ferienblocks würfelten sie nach Gutdünken durchs Tal.

Als Wahrzeichen des weißen Rausches sind die Quader zurückgeblieben. Sie sehen aus, wie man sich einst die Zukunft vorstellte. Wer etwas Stilvolles in sie hineingeheimnissen möchte, wähnt im Inneren den Drehort der Serie "Raumstation Orion". Nüchterne Zeitgenossen werden sich in Vorstädte im ehemaligen Ostblock versetzt fühlen. Denn hier wie dort hat die Zeit Sanierungsfälle aus vielen Bettenburgen gemacht. Die Wandfarbe blättert, die Plastikverkleidung fällt von den Wänden.

Einen Wintersportort nach traditioneller Vorstellung sollten diese Häusertrupps nie bilden, vielmehr eine rationell kalkulierte, von praktischer Vernunft diktierte station d'hiver, eine Schnee- und Winterstation. Gerade die Deutschen waren einst berühmt dafür, diese Art der Skiferien zu schätzen. Keinerlei alpine Gemütlichkeit, keine Hütten, kein Almdudler, keine Volksmusik, keine Urgestalten in Lederhosen. Dafür Skifahren bis zum Umfallen. Keine Liftschlangen, famose Pistenpflege, ein unüberschaubar großer Vergnügungspark. Und dazu konkurrenzlos billig. Val d'Isére und seine Nachbarn haben damals viel für die Demokratisierung des elitären Skisports getan.