Neulich in Wien passierte wieder einmal nichts. Aber das ist es ja, was diese Stadt so anziehend macht: ihr Ereignisnihilismus, ihre absolute Geschehnisnullität. Daß nichts geschieht, hat den Vorteil, daß man aus allem ein Ereignis machen kann - gesetzt den Fall, daß man die Macht zur Ereignisstiftung hat. Kein Wunder, daß hier in Wien die nihilistische Ethik, nach der in Deutschland bedeutende Denker mit der Seele suchen, am meisten ausgereift ist.

In Deutschland, ja dort!

Jüngst las ich etwas Interessantes in einem Artikel des deutschen Gedenkkults. Nein, ich mische mich nicht ein; mit Brecht oder Ernst Jünger haben vor allem die Deutschen, wie man in Wien sagt, "den Scherm auf" - will sagen, den Topf auf dem Kopf, das heißt einen Druck in der Hirngegend, oder vielleicht sollte man sagen: Sie haben diesbezüglich beredt machende Schmerzen, die von Herzen kommen.

In einem der Brecht-Artikel stand jedoch etwas über Wien, nämlich in Erinnerung an Österreichs blamablen Brecht-Boykott die umstandslos wegwerfende Wendung von "der bekannt reaktionären Wiener Presse".

Diese Presse, vor allem in Form der Kronen-Zeitung, ist einzigartig, besonders was ihre Macht in Staat und Gesellschaft betrifft; es ist eine chauvinistische Presse, an der man ein Paradox studieren kann, das am Chauvinismus bekannt, aber dennoch immer wieder amüsant ist.

Der Chauvinismus bekämpft die negativen Images, die wohl oder übel auch zu einer Nation gehören. Das ist ein schwieriger Job. Mit ranzigem Schaum vorm Mund schreiben Journalisten der Krone andauernd gegen Leute, die was zu kritisieren haben, besonders gegen Jelinek, Turrini und Peymann, so als wären die drei eine Person, nämlich der Feind schlechthin. Die Wiener jedoch haben nicht einmal untereinander einen guten Ruf. Man denke an Qualtingers realistische Kunstfigur, an den "Herrn Karl", der auch eine der geschichtsmächtigen Wiener Eigenarten verkörperte: Der Herr Karl war - im von ihm sehr genossenen Notfall - ein Denunziant.

Zeitungen leben nicht zuletzt davon, daß Menschen etwas falsch machen. Die anderen Menschen können nicht genug darüber erfahren; sie schätzen halt die Denunziation, und anders als die Literatur kennt die Presse kaum jene erzählerische Gerechtigkeit, mit der man selbst einen Übeltäter sein lassen kann.