Um 23 Uhr übernimmt der Computer die Rezeption. "Herzlich willkommen", grüßt stumm das Display. "Bitte wählen Sie die Zimmerzahl." Ich folge den Anweisungen des "Zahlungsterminals", das aussieht wie der Geldautomat einer Bank und gebe ein, daß ich ein Zimmer wünsche. Dann heißt es ec-Karte einschieben, Geheimnummer eintippen, warten. Kurze Zeit später schnurrt ein Zettel heraus: Zimmer 322, Code 54 35 18. Ich erreiche mein Quartier, ohne einer Menschenseele zu begegnen.

Das erste deutsche Hotel der Billigkette Formule 1 ist genau vor einem Jahr in Magdeburg (Carnotstraße, 5, Tel. 0391/624 49 20) eröffnet worden. Seine Lage ist typisch für das Konzept: Der dreistöckige grau-weiße Betonwürfel steht im vorstädtischen Gewerbegebiet, unweit der Autobahn und des Flugplatzes. Nicht gerade ein anheimelndes Ambiente, doch das ist egal. Ins Formule 1 geht man nicht, um zu wohnen, sondern nur um zu schlafen, billig zu schlafen. 44 Mark kostet das Zimmer pro Nacht. Für diesen Preis können sich bis zu drei Personen einquartieren. Für das Frühstück werden 5,90 Mark extra berechnet.

An der kleinen Rezeption sitzt von 6.30 bis um 10 und von 17 bis um 23 Uhr der Geschäftsführer, der einzige feste Mitarbeiter des gesamten Hotels.

Personaleinsparung und äußerste Schlichtheit machen die Übernachtung so preiswert. Bunte Plastikpfeile in Orange, Gelb, Blau oder Rot verweisen auf die durch Farben gekennzeichneten Gänge. Eine notwendige Orientierungshilfe, denn die Flure gleichen einander wie ein Klon dem anderen.

Formule 1 hat sich Mühe gegeben, den Betonplattenbau zu tarnen. Ein türkisgrüner Teppich bedeckt den Boden, Papierposter verzieren die weißverputzten Wände, hier und da steht eine Grünpflanze. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, in einer Tiefgarage zu wandeln. Vor meiner Tür angelangt, tippe ich den auf der Quittung vermerkten Code in ein Kästchen.

Ein Summen ertönt, ich kann eintreten.

Das winzige Zimmer mißt gerade mal neun Quadratmeter. Den größten Teil des Raums füllt ein Ehebett, über das sich eine dritte Schlafmöglichkeit spannt.

In einer Zimmerecke hängt ein Waschbecken, in einer anderen steht ein kleiner Tisch. Darüber ist ein Fernseher installiert, darunter ein Wecker. Toiletten und Duschen werden jeweils von vier bis fünf Zimmern gemeinschaftlich genutzt. Wie in einer Waschanlage zeigen grüne und rote Lampen an, ob man in die jeweilige Naßzelle kann. Nach jeder Benutzung hebt ein Rauschen an: Die vollautomatische Spülung tritt in Aktion.

Formule 1 gehört zur französischen Accor-Gruppe, die unter anderem auch die Hotelketten Ibis, Etap und Novotel betreibt. Seit 1985 hat Accor in Frankreich mit Formule 1 Erfolg. Inzwischen sind es dort 280 insgesamt. Dem Pionier in Magdeburg sollen noch dieses Jahr weitere Ableger in Berlin, Leipzig, Köln und Hannover folgen. Die Zimmerwaben werden in Frankreich vorgefertigt und per Lastwagen an Ort und Stelle gebracht. Dort stöpselt man die Module dann nach dem Lego-Prinzip zu einem Formule-1-Würfel zusammen.

Das Hotel in Magdeburg zieht eine positive Bilanz. Während der Woche sind die 57 Zimmer zu achtzig Prozent ausgenutzt. Als Gäste kommen hauptsächlich Handwerker oder Geschäftsleute. Am Wochenende sackt die Rate auf dreißig Prozent ab. Insgesamt gute Zahlen: Die Hotels in der Innenstadt jammern über durchschnittlich nur zwanzig bis dreißig Prozent Belegung.

Meine Nacht vergeht ruhig. Obwohl das Hotel ausgebucht ist, höre ich niemanden und treffe keinen, trotz Gemeinschaftstoiletten. Zum Frühstück gibt es frische Brötchen, Kaffee, Tee, Saft und Marmelade.

Ich habe geschlafen, ich habe gefrühstückt, ich habe Zeit gespart. Trotzdem fühle ich mich wie erschlagen. Ganz alleine sein ist auch anstrengend.