Beinahe sanft gleitet der Bus von der Straße und rutscht die Böschung hinunter. Man könnte meinen, einer Übung zuzusehen, einem Spiel, wären da nicht die Schreie der Kinder. Man hört sie von fern, als der Schulbus auf dem zugefrorenen See zum Stehen kommt und langsam, wie zögernd, durch die Oberfläche bricht. Das Eis kracht. Schriller klingen die Schreie, als der Bus versinkt. Dann wird es still.

In dem Bus, unter dem Eis des Sees, sterben die Kinder aus Sam Dent, einer Kleinstadt in der kanadischen Provinz British Columbia. Und mit ihnen die Hoffnungen, die Pläne, die Geheimnisse und Liebesaffären ihrer Eltern. Ein klassisches family movie müßte mit dem Busunglück beginnen. Aber die Geschichte vom süßen Jenseits fängt ganz anders an. Sie stellt zuerst einen Anwalt vor, der die betroffenen Eltern aufsucht, um eine Zivilklage gegen die Provinzregierung oder den Busfabrikanten herauszuschlagen. Erst viel später, in der Mitte des Films, erleben wir als Rückblende seinen Anlaß, die Katastrophe. Inzwischen kennen wir die Insassen des Busses, den kleinen Bear Otto, die halbwüchsige Nicole, den behinderten Sohn von Risa und Wendell Walker, die beiden Mädchen von Billy Ansell. Wir haben ihre Eltern um sie weinen gesehen. Ihr Tod schockiert uns nicht. Aber er berührt uns mit einer Gewalt, die im Kino selten und im Leben fast noch seltener ist. So viele Worte sind bis dahin gewechselt, so viele Erklärungen gegeben worden, und jetzt geschieht ohne Vorwarnung das Unsägliche, mechanisch, in eisiger Ruhe.

Und die Kamera schaut aus großer Distanz zu, als ginge sie das alles nichts an. Das ist zuviel. Und weil es zuviel ist, brennt es sich ein.

"Das süße Jenseits" ist die Geschichte eines unerträglichen Bildes, einer Erinnerung, die nicht weichen will. Jeder in Sam Dent wird auf seine Weise davon gehetzt. Und nur wenige können der Versuchung widerstehen, in dem Sinnlosen doch irgendeinen Sinn zu suchen, und sei es die Logik eines Materialfehlers. Deshalb rennt Mitchell Stephens (Ian Holm), als er in den kleinen Ort kommt, um Kläger für einen Schadensersatzprozeß zu sammeln, zunächst offene Türen ein. Der Anwalt kann die Trauernden überzeugen, indem er an ihre Ohnmacht appelliert: "Ich bin hier, um Ihrem Zorn eine Stimme zu geben." Daß hinter seinem Engagement mehr als bloße Gewinnsucht steckt, erzählt der Film wie beiläufig in seiner Anfangssequenz: Da wird Stephens, gerade in Sam Dent eingetroffen, in einer Autowaschanlage von seiner Tochter Zoe angerufen. Zoe ist drogensüchtig. Sie braucht Geld. Er wisse nicht, mit wem er gerade spreche, sagt Stephens zu Zoe. Sie streiten sich. Das Handy verstummt. Die defekte Waschanlage läuft hartnäckig weiter. Der Anwalt muß seinen Wagen verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Seine Kampagne beginnt mit einer Niederlage, und sie wird mit einer Niederlage enden.

Ein Fremder in der Stadt: Das sei "ein Bild wie aus einem Western", sagt Atom Egoyan, und deshalb habe er "Das süße Jenseits" in Cinemascope gedreht. Und beim Wiederlesen von Robert Brownings Gedicht "The Pied Piper of Hamelin" habe er gefunden, daß es das Thema der Romanvorlage auf den Punkt bringe, und so sei das Gedicht vom Rattenfänger in seinen Film gelangt. Wenn man liest und hört, was der kanadische Regisseur über seine Arbeit sagt, möchte man vor Ehrfurcht davonlaufen: Hier weiß einer mehr über die Hintergründe seiner Stoffe und seiner Figuren, als der Zuschauer in seinen kühnsten Träumen wissen will. Die Produkte solcher Vielwisserei können nur Kopfgeburten sein.

Und das sind Egoyans frühe Filme in der Tat. Bis heute sind sich die Kritiker nicht ganz einig, wovon etwa "Speaking Parts" (1989) eigentlich handelt: von einer Frau, die über eine Videowand mit ihrem toten Bruder kommuniziert?

Einer Wäscherin, die süchtig nach Filmvideos ist und mit der Kamera einen Kollegen verfolgt? Von zwei Hotelangestellten in einer seltsam ortlosen Welt?