Delhi

Noch nie war es in Indien so teuer, eine Familie zu ernähren, noch nie war es so schwer wie heute, Geschäfte zu machen. Doch Shakuntala muß dringend ein Geschäft abschließen: Die verhärmte Frau in ihrem zerschlissenen Witwen-Sari, Mutter von sieben Kindern, muß das einzige verkaufen, was sie besitzt: ihr Haus. Sie hat Schulden, sie weiß nicht mehr weiter, aber niemand ist bereit, einen auch nur halbwegs anständigen Preis zu zahlen. Früher hätten sich die Menschen um ein solches Haus in einer guten Mittelklassegegend von Madras gerissen. Doch angesichts des politischen Durcheinanders im Land mag niemand investieren.

Shakuntala hat bei den zurückliegenden Wahlen die Kongreß-Partei gewählt, "weil der Kongreß Indien ist" und weil auch ihr Vater und ihre Mutter so wählten. Im größten Zimmer der 50-Quadratmeter-Wohnung, in der die vielköpfige Großfamilie lebt, hängt an der abgeblätterten Wand zwischen den Hochzeitsbildern ihrer Kinder das Konterfei Indira Gandhis. "Die hat für uns noch gesorgt", sagt Shakuntala. Ob ihr Leben damals wirklich besser gewesen sei, weiß die 59jährige aber nicht so recht zu sagen. Neben Indira hängt das Bild von Swarnalatha, der ersten Tochter. Mit ihrer Hochzeit vor acht Jahren begann das finanzielle Drama der Familie.

Swarna mußte Hals über Kopf verheiratet werden, weil auch Velmuguran, der älteste Sohn, heiraten wollte. Es gilt als unschicklich, wenn die älteste Schwester dann noch im Haus ist. Da aber eine solche Hochzeit mit Pomp gefeiert werden muß, nahm Shakuntala einen Kredit für 125 000 Rupien auf, und dann noch einmal 125 000 Rupien für die Verheiratung der zweiten Tochter Jaya. Geradezu astronomische Summen für eine Familie, deren Gesamteinkommen heute bei 12 800 Rupien im Monat liegt - 790 Mark für elf Personen. Allein für den Kredit werden monatlich 4500 Rupien Zinsen fällig.

Ökonomisch mag diese Entscheidung von verhängnisvoller Unvernunft gewesen sein. Doch es galt, es der Familie ihres Mannes in dem fernen Dorf Karur zu zeigen: Nach seinem Tod hatten sie die 34jährige Shakuntala mit allen Kindern einfach auf die Straße gesetzt. Denn Frauen sind immer am Tod ihres Mannes schuld, und Witwen bringen nur Unglück. Thambi, der Jüngste, war da erst ein paar Wochen alt. Hätte nicht ein Großvater den Verjagten auf dem Sterbebett das Haus in Madras vermacht und wären die Kinder nicht in einem Internat aufgenommen worden, wo sie Englisch lernten und das Abitur machten - was wäre aus ihnen geworden? 300 Menschen aus Karur sollten nun sehen, daß man sie tagelang bewirten und fürstlich beschenken konnte.

Swarna, die begabteste Tochter und ausgebildete Software-Ingenieurin, muß nun ihre Tage in der Küche verbringen, um ihre ungeliebte angeheiratete Großfamilie zu versorgen. Thambi mußte sein Volkswirtschaftsstudium an einer Fernuniversität - als Angehöriger einer hohen Kaste konnte er keinen Studienplatz bekommen, denn in Tamil Nadu sind achtzig Prozent der Studienplätze für die Niedrigkastigen und Kastenlosen reserviert - wegen der Schulden abbrechen. Aber das war Shakuntala nicht so wichtig. Hauptsache, die Tradition blieb gewahrt.

Thambi verdient heute 3500 Rupien im Monat als Buchhalter, 175 Mark, und träumt von einem Job in den Golfstaaten. "In Indien kann man nichts werden.