Hannover/Bonn

Das Ende der Ära, die nie vergehen will, wird nicht zum ersten Mal verkündet. Darin liegt für Helmut Kohl und die Schar derer, die mit dem Bundeskanzler immer noch Hoffnung verknüpfen, ein bißchen Trost. Vielleicht, mögen sie denken, war der Wahltag von Niedersachsen nur ein Einzelfall, und alles wird gut. Außerdem: Gibt es denn eine andere Option? Kann sich etwa jemand eine Kohl-Debatte in der Union vorstellen, jetzt, sieben Monate vor der Wahl? Wer sollte sie beginnen, zumal Wolfgang Schäuble so unüberhörbar schweigt, um nicht zu sagen: sich verweigert? "Eigentlich wäre die Stunde eines Putsches gekommen", schreibt der konservative Intellektuelle Karl Heinz Bohrer im neuen Merkur, an den realen Verhältnissen leidend und erfüllt von Verdruß. Doch er wird enttäuscht werden: Niemand in der CDU wird putschen. Der Wechsel muß schon vom Wähler kommen, wie sich das in einer Demokratie gehört. Immerhin wäre es das erste Mal in der bald fünfzigjährigen Geschichte der Bundesrepublik.

Der Kanzler ist wachsam. Er pflegt den Nimbus seiner monumentalen Unverrückbarkeit, jetzt erst recht nicht, nachdem aus Niedersachsen ein ganz besonderer Ruck durchs Land gegangen ist. Dieser Gerhard Schröder, spottet der Pfälzer, sei ein Medienereignis, sonst nichts, aber auch er werde scheitern, da wäre er schließlich nicht der erste. Wie er am Montag nach der Wahl seine vergangenen Erfolge gegen den neuen SPD-Tribun ins Treffen führt, wirkt dieser Helmut Kohl eigentümlich rückwärtsgewandt. Ein Mann, der seine Kraft aus der Vergangenheit bezieht und elegisch in der eigenen Legende blättert. Hat der Abschied also tatsächlich begonnen?

Vorsicht vor den prophezeiten Sensationen

Dagegen der andere: Gerhard Schröder. Hier kommt der Zukunftsmann. Er zelebriert seine Bonner Pressekonferenz, auf der er mit seinem ersten und obersten Helfer, dem Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine, auftritt, wie ein Vorspiel zum Finale. Unverzichtbar das Getümmel der Kamerateams und Photographen, das gehört dazu, so wird Bedeutung sichtbar. Wo die Meute tobt, dort muß man hin, Achtung, hier ist das Neue, was immer es ist, bleiben Sie dran, liebe Zuschauer, die Langeweile hat ein Ende!

Der Ruck, der in Wahrheit ein Beben war, kam in dem Ausmaß unerwartet. Als Gerhard Schröder am späten Sonntag nachmittag in die Staatskanzlei kommt, kennt er zwar die letzten Umfragen und auch erste Ergebnisse der sogenannten Nachfragen vom Wahltag ("Was haben Sie heute gewählt?"), da ist von 47 Prozent für die SPD die Rede. Aber das will er noch nicht glauben. Vorsicht vor prophezeiten Sensationen. Er saugt an seiner Havanna - einer Cohiba, wie sie auch der máximo líder in Kuba bevorzugt -, geht auf und ab im Raum und schweigt.

Zwischendurch telephoniert er mit Oskar Lafontaine. Die beiden sind sich klar: Die Kandidatenfrage ist geklärt. Worüber sie nicht zu sprechen brauchen, liegt aufgrund der Prognosen auf der Hand. Mit einem solchen Ergebnis ist Schröder Kandidat aus eigenem Recht. Dazu braucht es keinen großmütigen Verzicht des Saarbrückers auf eigene Ambitionen.