Wo das Wasser endet, endet auch die Welt", lautet ein Sprichwort aus dem Wüstenstaat Usbekistan. Doch Wasser ist nicht nur Lebenselixier. Es taugt ebenso als Waffe. Deshalb entdecken nun Militärs und Sicherheitsexperten das vermeintliche Allerweltsgut: den Stoff, der Anlaß für zukünftige Kriege werden könnte.

Ein Szenario, das hierzulande kaum vorstellbar ist. Zwar stöhnen von Schleswig bis Mittenwald Bürger und Industrie über zu hohe Wasser- und Abwassergebühren; zwar klagt die Wasserwirtschaft über die Bauern, die das Grundwasser mit Pestiziden vergiften; zwar tobt in der Europäischen Union ein Streit um die richtigen Wasserpreise, weil insbesondere die Südländer sich mittels Subventionen Wettbewerbsvorteile verschaffen. Aber an Krieg hat deshalb noch niemand gedacht.

Dennoch wird Klaus Töpfer, der neue Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep), nicht müde, vor "extremen Konflikten wegen der jetzt schon großen Wasserknappheit" zu warnen. Der frühere deutsche Umweltminister beschwört vor allem die Gefahren im Nahen Osten und in Asien - bisher vergebens. Nun aber dränge das Thema ins politische Bewußtsein, beobachtet Günther Bächler, Geschäftsführer der Schweizerischen Friedensstiftung und Koautor eines dreibändigen Werkes mit dem Titel "Kriegsursache Umweltzerstörung".

Vor wenigen Wochen befaßte sich das Committee on the Challenges of Modern Society (CCMS), ein Gremium der Nato, in Genf mit dem Sicherheitsrisiko Wasser. Wenn die Bundesakademie für Sicherheitspolitik, die oberste Fortbildungsstätte des Bundes, Ende März über "Umweltfragen als internationale Konfliktrisiken" diskutieren läßt, steht Wasser ganz oben auf der Tagesordnung. Und von der "strategischen Bedeutung der Kontrolle über Wasser als potentielles Macht- und Druckmittel" ist sogar in Papieren des Bonner Außenministeriums die Rede: "Wer im 21. Jahrhundert über ausreichend Wasser in guter Qualität verfügt bzw. Zugang dazu hat, ist im Vorteil: politisch, wirtschaftlich und sozial."

Streit um das Lebensmittel Nummer eins droht vor allem, weil rund die Hälfte der Menschheit in Ländern lebt, die Flüsse und Seen mit ihren Nachbarn teilen müssen. Mord und Totschlag könnten leicht Platz greifen, wenn dort mehr Menschen nach mehr Wasser verlangen: zum Trinken, für ihre Felder, für neue Fabriken. Schon heute sei "der Wettbewerb um die kostbarste Ressource heftig und oft erbarmungslos", schrieb der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU), ein von der Bundesregierung berufenes Professorenteam, in sein Gutachten 1997.

"Länder, innerhalb deren Grenzen das Quellgebiet eines Flusses liegt, werden sich plötzlich ihrer Macht bewußt, daß sie nämlich das Schicksal ihrer stromabwärts liegenden Nachbarn in Händen halten", lautet die Erkenntnis von Wilhelm Sager, Major a. D., in der Österreichischen Militärischen Zeitschrift. Selbst die Bewohner des wasserreichen Amazonasbeckens müßten sich Sorgen um ihr Trinkwasser machen, "weil es in weiten Bereichen durch im Bergbau angefallene Schwermetalle verseucht ist".

Das Center of Strategic and International Studies in Washington identifizierte 1994 etwa zehn Regionen, in denen Wasser zum Konfliktauslöser werden könnte. Fast jedes Staudammprojekt löst zwischenstaatliche oder innenpolitische Spannungen aus - und zu den weltweit rund 40 000 Staudämmen kommt täglich einer hinzu. Ägypten beispielsweise ist fast vollständig auf das Wasser des Nil angewiesen. Während die Anrainerstaaten des weltweit längsten Flusses ihren Kampf ums Wasser mit der Formel von der "Einheit des Niltals" bemänteln, hat die ägyptische Regierung bereits Kriegsbereitschaft signalisiert, sollten die Nachbarn am Oberlauf des Stromes durch den Bau von Staudämmen den Wassernachschub bremsen. Würde Äthiopien zukünftig die Hälfte seines potentiell nutzbaren Ackerlandes mit Nilwasser bewässern, erreichte der Fluß Ägypten mit fünfzehn Prozent weniger Wasser, hat Sandra Postel vom renommierten Worldwatch Institute ausgerechnet. Bei einer Konferenz über das Wasser des Blauen Nil ging es im vergangenen Jahr zwischen den beiden Staaten bereits "ziemlich hoch her", berichtet der Berner Friedensforscher Bächler.