In wilden Serpentinen stürzt sich die Paßstraße zu Tal in die Surselva, wie das Graubündener Oberland genannt wird. Das Chäs-Velo schlackert und schlingert. Beide Hände drücken die Bremsgriffe, bis sich die Muskeln verkrampfen. In den steilen Kehren erzwingen sich die Reisebusse die Vorfahrt. Dröhnend preschen Motorräder vorbei. Leitplanken gibt es kaum, der Blick in die Tiefe ist ungehindert. Zum Glück herrscht kaum Verkehr.

Bis Tschamut, dem ersten Dorf nach fünf Kilometern, geht die Schußfahrt. Tief hat sich hier der Vorderrhein unterhalb des Weilers in das Gestein gegraben.

Vom Hotel "Rheinquelle", einem alten Postgasthof, wo früher die Pferde für den steilen Paßanstieg gewechselt wurden, zieht sich ein Wanderweg zur Firnmulde des Tomasees empor. Dort oben, auf 2345 Meter Höhe, entspringt der Fluß, der nach 1320 langen Kilometern bei Hoek van Holland in die Nordsee münden wird.

Ab Disentis, etliche Kilometer auf der Paßstraße weiter, soll es bereits jetzt einen "vorwiegend autofreien, durchwegs beschilderten Radweg" geben, verspricht der Prospekt. Mag sein. Aber an der entscheidenden Kreuzung fehlt noch das Hinweisschild. Unweigerlich landet das Chäs-Velo auf der stark befahrenen Bundesstraße, die am Hang hoch über dem Talgrund verläuft. Die allzu nahe Begegnung mit einem Lkw ist Grund genug, den nächsten steilen Feldweg downhill ins Rheintal zu nehmen. Und wirklich, hier unten ist die Route deutlich ausgewiesen.

Der Rhein, nun kein armseliges Rinnsal mehr wie oben in den Bergen, mißt zehn Pedalumdrehungen, wie die erste Brücke zeigt. Die Landschaft hat ihren alpinen Charakter vollkommen verloren. Wiesen, Felder, ab und an kleine rätoromanische Dörfer, die Namen tragen wie Cumpadials oder Surrein. Alte Bauernhäuser aus Holz und behäbige Heustadel, deren Balken die Sonne über Jahrzehnte verbrannt hat. Ziegen meckern, Kuhglocken bimmeln, das Wasser der zahlreichen Brunnen plätschert. Sonst ist es still.

Hinter Trun wird die markierte Strecke abenteuerlich. Als schmaler Pfad führt der Rhein-Radweg an der Bahnstrecke entlang. Wunderschön. Dem Chäs-Velo mit seinen dicken Gepäcktaschen aber kaum zuzumuten. "Natürlich weisen die Radrouten noch Schwachstellen auf", gibt Markus Capirone vom Velobüro Olten zu. Das unabhängige Planungsinstitut hat die Realisierung des neuen Schweizer Radwegenetzes übernommen. "Im Moment verfolgen wir noch eine eher pragmatische Lösung, die sich rasch umsetzen läßt." Die ist nicht immer ideal. Aber die Streckenführung soll mit der Zeit verbessert werden.

In der Scheune des Hotels "Casutt" lehnen neben dem Chäs-Velo fünf weitere Räder an der Wand. "An manchen Tagen ist der Raum so voll, daß ich kaum noch hineinkomme, dann stehen hier dreißig Velos", berichtet der Inhaber, Herr Casutt. "Rund die Hälfte unserer Gäste sind mittlerweile Velofahrer." Das Familienhotel in Ilanz am Ende der ersten Tagesetappe ist eines von knapp zwei Dutzend Velotels, die am Rhein-Radweg liegen. In der gesamten Schweiz haben sich 135 Häuser zu diesem lockeren Hotelverbund zusammengeschlossen.