"Ich sterbe, weil es befohlen wurde" – Seite 1

Am 12. März 1945 gegen zwölf Uhr hielten zwei Personenkraftwagen vor dem Verwaltungsgebäude des Zuchthauses Brandenburg-Göhrden. Begleitet von einem Staatsanwalt des Volksgerichtshofes, wurde der frühere Chef der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres, Friedrich Fromm, zur Stätte seiner Hinrichtung geführt. Als Richtplatz diente der Freizeitschießstand, wo sich in früheren Jahren die Justizbeamten und ihre Angehörigen beim Preiskegeln und -schießen vergnügt hatten. Vor einem Gartentisch stehend, hörte der hünenhafte, 56jährige ehemalige Generaloberst das Urteil: Tod durch Erschießen wegen Feigheit. Er habe, so der Tenor der Begründung, am Nachmittag des 20. Juli 1944 nicht alle Möglichkeiten seiner Dienststellung ausgeschöpft, um die Attentäter an der Verfolgung ihrer Ziele zu hindern.

Die Perfidie dieses Vorwurfes verdeutlicht den abgrundtiefen Haß, mit dem das Regime diesen Offizier bis in den Tod verfolgte. Der Verurteilte bat noch einmal ums Wort: "Ich sterbe, weil es befohlen wurde. Ich habe immer das Beste für Deutschland gewollt." Auf seinen Wunsch wurde ihm keine Augenbinde angelegt. Um 14 Uhr und drei Minuten, so vermerkt die später ausgefertigte Sterbeurkunde, war die Hinrichtung vollzogen und der Tod eingetreten.

Die letzten Worte Fromms fassen, wie in einem Brennglas, die Antriebskräfte seines Handelns noch einmal zusammen. Ähnlich wie bei einigen der am Attentat gegen Hitler beteiligten Offiziere war auch für ihn der Begriff "Deutschland" - nicht etwa "Großdeutschland" oder das "Reich" - ein Leitmotiv. Zugleich wurde aber sein Handeln begrenzt durch den Begriff des Befehls, dessen Folgen fatalistisch hingenommen werden müssen.

Durch die Literatur geistert seit 1946 die Behauptung, Fromm habe seine letzten Worte mit dem pathetischen Ausruf beschlossen: "Es lebe der Führer!"

Sie ist nachweislich falsch und nur eine der in mehr als fünfzig Jahren aufgehäuften Legenden und Spekulationen, die einer historisch-kritischen Beurteilung dieses Mannes im Wege stehen.

Im Dreikaiserjahr 1888 als Sohn eines bürgerlich-preußischen Artillerieoffiziers geboren, erlebte er den sozialen Aufstieg des Vaters zum Generalleutnant. Während des Ersten Weltkrieges diente der junge Offizier, dessen organisatorische Begabung ihn rasch über Adjutantenstellungen in den Generalstab brachten, vornehmlich an der Ost- und Südostfront. Der industrialisierte Massenkrieg ließ ihn von Jahr zu Jahr deutlicher erkennen, daß eine vorausschauende militärisch-industrielle Rüstungsplanung bereits in Friedenszeiten einsetzen müsse.

Nicht verborgen blieben Fromm die zunehmenden Spannungen zwischen einer adlig-elitären Kaste von Berufssoldaten, die ihre Führungseigenschaften als ererbt betrachteten, und der Masse der Reserveoffiziere bürgerlicher Herkunft. Aus diesen Jahren datierte sein enges, wenngleich nicht immer spannungsfreies Verhältnis zu dem Gymnasiallehrer Hermann Kaiser, den er zu Beginn des Zweiten Weltkrieges als Hauptmann der Reserve und Kriegstagebuchführer in den Stab des Ersatzheeres versetzen ließ. Kaiser gehörte zu den Offizieren dieser Dienststelle, die im Widerstand ihr Leben ließen.

"Ich sterbe, weil es befohlen wurde" – Seite 2

Nach dem Zusammenbruch und der Revolution von 1918 wurde der junge Hauptmann Fromm in die Reichswehr übernommen. Der Organisationsfachmann vermochte seine Fähigkeiten schon bald unmittelbar und praktisch in deren Dienst zu stellen.

Wie viele seiner Offizierskameraden empfand Fromm die Weimarer Demokratie mehr und mehr als Belastung, wollten sie doch die Nation darauf einstimmen, die Weltgeltung Deutschlands wiederzugewinnen. Ihnen galt die bewaffnete Macht als einziger Garant staatlicher Stabilität: Die Reichswehr stand für ein besseres Deutschland.

Die von der Verfassung nicht mehr gedeckte geheime Aufrüstung des 100 000-Mann-Heeres erschien ihnen durch ein übergeordnetes nationales Interesse legitimiert. In diesem Sinne hat Fromm als loyaler Mitarbeiter so unterschiedlicher Persönlichkeiten wie den Generälen Hammerstein, Schleicher, Blomberg, Fritsch und Brauchitsch gedient. Sie verwandten den verschlossen wirkenden Offizier vorzugsweise in Missionen, die ein hohes Maß an Vertrauen voraussetzten, da sie nicht immer legal waren.

Wichtiger noch als die materielle Aufrüstung der Reichswehr war ihm die innere Mobilmachung der Gesellschaft. Darum unterstützte Fromm auch die vormilitärischen Ausbildungsvorhaben der SA. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten blieb für ihn entscheidend, daß die Reichswehr "an den rechten Rand der Bewegung" fuhr. Die militärische Führung ließ denn auch 1933 keinen Zweifel aufkommen, daß sie der Politik den Weg weisen wollte.

Bei der Entmachtung der SA durch Hitler am 30. Juni 1934 ("Röhm-Putsch") hat Fromm als Chef des Allgemeinen Heeresamtes die SS logistisch unterstützt.

Immerhin schien Hitler den Anspruch der Reichswehr, einziger Waffenträger des Reiches zu sein, zu respektieren. Die Ermordung General Schleichers in jenen Tagen, zu dem Fromm auch nach dessen Rücktritt als Reichskanzler noch private Kontakte unterhalten hatte, ließ ihn freilich erstmals die Kosten bedenken, die der Reichswehr durch den politischen Kurs der Nazis entstanden. Da jedoch die allgemeine Wehrpflicht und die weitere Aufrüstung der Wehrmacht nur mit diesem politischen Partner verwirklicht werden konnten, machte sich bei der militärischen Führung eine Willfährigkeit breit, die zweifellos vorhandene Bedenken gegen das NS-Regime verdrängte.

Früher als die Truppenführer erkannten die Organisationsfachleute die gesamtwirtschaftliche Sprengkraft, welche einer überhasteten Aufrüstung innewohnte. Eine Auslastung der Industrie mit lukrativen Rüstungsaufträgen bedeutete zwangsläufig, daß am Ende dieser Phase entweder ein wirtschaftlicher Kollaps oder der Einsatz der Wehrmacht in einem Krieg stehen müsse. Fromm hat diese Dynamik frühzeitig erkannt und bereits 1936 den Oberbefehlshaber des Heeres und den Chef des Generalstabes vor den unausweichlichen Folgen gewarnt. Weder Fritsch noch Beck waren damals bereit, den Konsequenzen der von ihnen geförderten Politik ins Auge zu sehen.

"Ich sterbe, weil es befohlen wurde" – Seite 3

Er war der erste General, der Hitler zum Frieden drängte

Bis 1938 hat Fromm wie andere Spitzenmilitärs Hitlers Rüstungspolitik bewußt unterstützt. Während der Sudetenkrise, als ein Krieg mit den Westmächten drohte, gerieten sie in ein Dilemma: Wollten sie ihr Fernziel, die gewaltsame Revision des Versailler Friedensvertrages, nicht aufgeben, mußten sie versuchen, den für das Heer existentiell gefährlichen politischen Kurs Hitlers zu entschärfen. Allerdings bedeuteten die Warnungen einzelner Generäle vor einem Krieg, zu denen auch Fromm zählte, im August 1939 wie schon im Sommer 1938 keineswegs, daß sie grundsätzlich einer gewaltsamen Lösung abgeneigt waren.

Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges schien der Ausgang eines Waffenganges, den das Reich im Gegensatz zu 1914 mit einer hektisch aufgerüsteten und unzureichend ausgebildeten Armee vom Zaune brechen wollte, mehr als zweifelhaft. Eine Niederlage, das war den Verantwortlichen bewußt, würde das innenpolitische Gewicht der Wehrmacht - der neben der Partei entscheidenden "zweiten Säule" des NS-Staates - schwächen. Darum ist die Begeisterung verständlich, mit der die Zeitgenossen im Mai/Juni 1940 auf den Sieg über Frankreich, den Angstgegner des Ersten Weltkrieges, reagierten. Der unerwartet rasche Erfolg steigerte das Ansehen Hitlers innerhalb der militärischen Elite.

Am 28. Juli 1940 informierte Hitler Fromm als ersten seiner militärischen Berater über seine Entscheidung, die Sowjetunion anzugreifen. Unter bestimmten Voraussetzungen, so sicherte ihm der Befehlshaber des Ersatzheeres zu, sei es den strategischen Planungen entsprechend möglich, bis zum Frühjahr 1941 ein dafür ausreichendes Angriffsheer aufzustellen. Da es dem Oberkommando der Wehrmacht und hier vor allem Generalfeldmarschall Keitel, dem Rivalen aus Reichswehrzeiten, aber nicht gelang, die Forderungen von Marine und Luftwaffe zugunsten des Heeres abzublocken, sah man in der Umgebung Fromms bereits im Juni 1941 den weiteren Entwicklungen im Osten mit Beklommenheit entgegen.

Als die materiellen, vor allem aber die personellen Verluste des Feldheeres im August 1941 die Vergleichszahlen des Frankreichfeldzuges weit hinter sich ließen, befahl Fromm, eine Denkschrift auszuarbeiten, worin die Mängel des deutschen Heeres unnachsichtig angeprangert wurden. Ende Oktober erschien er bei Feldmarschall von Brauchitsch im Führerhauptquartier und drängte ihn, bei Hitler für eine Beendigung des Ostkrieges durch Verhandlungen einzutreten, da das Ostheer dem Gegner unterlegen sei. Brauchitsch, seine Demission vor Augen, trug die Auffassung seines Kameraden nicht vor, empfahl aber Hitler, seinen energischen Befehlshaber in der Heimat, eben Fromm, zum neuen Oberbefehlshaber des Heeres zu ernennen. Statt dessen machte sich Hitler selber zum Nachfolger.

Der Dezember 1941 markiert den Zenit des Einflusses Fromms innerhalb der militärischen Hierarchie des "Dritten Reiches". Denn nun beginnt seine Entmachtung. Es gelingt ihm zwar, Hitler während der Winterkrise 1941/42 mit der kurzfristigen Bereitstellung von Divisionen für den Osten zu imponieren.

Aber schon im Januar 1942 erklärt Fromm vor den Wehrkreisbefehlshabern, daß der Ausbildungsbetrieb im Ersatzheer, sollte er dieses Kunststück noch einmal vorführen müssen, zum Erliegen kommen werde. Vielleicht glaubte auch er, daß ein Angriff auf die Produktionsstätten an der Wolga und die strategischen Rohstoffreserven im Kaukasus das Blatt 1942 noch wenden könnte. Doch bereits im August läßt er erneut eine Denkschrift verfassen, die Hitler die Notwendigkeit, unverzüglich einen Verhandlungsfrieden mit der Sowjetunion anzustreben, drastisch vor Augen führt.

"Ich sterbe, weil es befohlen wurde" – Seite 4

Gleich zweimal und weitaus früher als andere Offizierskameraden in Spitzenstellungen hatte der später als Feigling und Opportunist gebrandmarkte Fromm seine Kritik an der Kriegführung vorgetragen. Im Herbst 1942 hielt jedoch kein Zwischenvorgesetzter die brisante Denkschrift zurück. Hatte Hitler noch ein Jahr zuvor Fromm als seinen "starken Mann im Heimatkriegsgebiet" bezeichnet, wollten es nun schon alle gewußt haben, daß der Befehlshaber des Ersatzheeres seit längerem nicht mehr an den Endsieg geglaubt habe.

Häftlinge vergruben die Asche unter einer Blutbuche

Da intrigierte gegen Fromm der Berliner Gauleiter und Propagandaminister Goebbels, der ihm nicht vergessen hatte, daß er ihn bei der Parade der aus Frankreich zurückkehrenden Truppen im Sommer 1940 in die zweite Reihe verbannt hatte. Da witterte der Reichsführer SS Himmler, den Fromm immer wieder beim forcierten Ausbau der Waffen-SS behindert hatte, eine Chance, nach dem Potential des Ersatzheeres zu greifen. Und da glaubte das Oberkommando der Wehrmacht seine Stunde gekommen, sich zusätzliche Kompetenzen im Bereich der Rüstung und Personalergänzung zu verschaffen.

Für Fromm bündelten sich in den Monaten zwischen November 1942 und März 1943 persönliche Katastrophen und berufliche Niederlagen. Der Verlust seines einzigen Sohnes, der bei Rückzugskämpfen im Osten den Tod gefunden hatte, und seine Teilentmachtung in wesentlichen Bereichen seines Lebenswerkes versetzten ihn in eine resignative Stimmung, die in seiner Umgebung den Eindruck einer "Fromm-Krise" entstehen ließ.

In diesen Monaten dürfte auch der Kontakt zu den Angehörigen des militärischen Widerstandes enger geworden sein. Wenn das Heer nicht mit in den Strudel des Unterganges gerissen werden wollte, mußte eine gewaltsame Kursänderung erwogen werden. Damit zog auch Fromm eine radikale Schlußfolgerung aus seinen bisher wirkungslos gebliebenen loyalen Appellen, den Krieg zu beenden. Doch hat er die Chancen politischer Veränderungen mit militärischen Mitteln gering eingeschätzt. Die wachsende Ideologisierung der Armee machte es immer unwahrscheinlicher, daß man Divisionen des Heimatheeres allein mit Fernschreiben gegen die Regierung in Bewegung setzen könnte.

Am 15. Juli 1944 übertrug Hitler dem Reichsführer SS die Verantwortung für die in der Heimat aufzustellenden Volksgrenadierdivisionen. In den Abendstunden erfuhr Fromm, daß die Verschwörer in seinem Umkreis eine Mobilisierung des Ersatzheeres in letzter Minute wieder aufgehoben hatten. An diesem Tag war Stauffenberg zum erstenmal mit einer Bombe in Hitlers Wolfsschanze gereist. Fromm führte seinem langjährigen Weggefährten, dem verantwortlichen General Olbricht, die Folgen eines derartigen Unternehmens zu einem Zeitpunkt, da sich Himmler des Ersatzheeres bemächtigen wollte, plastisch vor Augen.

Vor diesem Hintergrund wird aber auch die Verbitterung verständlich, mit der Fromm wenige Tage später, am 20. Juli, auf die Mitteilung reagierte, einige seiner Mitarbeiter hätten die den Umsturz einleitenden Fernschreiben ohne sein Wissen, aber in seinem Namen herausgegeben. Sollte das Attentat scheitern, wovon Fromm überzeugt war, würde man ihn, bei dem Ruf, der ihm seit 1942 anhaftete, mit Sicherheit dem Tode ausliefern. Spätestens als ihm Keitel bald darauf am Telephon bestätigte, daß der Anschlag tatsächlich fehlgeschlagen war, wußte Fromm, was ihm bevorstand.

"Ich sterbe, weil es befohlen wurde" – Seite 5

Als Stauffenberg und seine Freunde Fromm den Befehl verweigerten, aufzugeben, vielmehr ihn gewaltsam des Amtes enthoben und in einem Zimmer einsperrten, geriet er in eine psychische Ausnahmesituation. Kaum hatten ihn Hitler-treue Soldaten befreit, ließ Fromm Stauffenberg und die drei anderen Offiziere, die er für den Vertrauensbruch und die erlittenen Demütigungen verantwortlich machte, im Hof des Bendlerblocks ohne reguläres Standgericht erschießen. Es ging ihm nicht darum, Mitwisser zu beseitigen, denn deren Zahl war größer.

In Hitlers Umgebung hat man in Fromm von Anfang an den eigentlichen Drahtzieher des Attentates gesehen, den es endgültig unschädlich zu machen galt. Monatelang hoffte man, die Prozesse gegen Angehörige des militärischen Widerstandes würden belastendes Material gegen ihn zutage fördern. Als sich diese Hoffnung zerschlagen hatte, verhängte der Volksgerichtshof auf Drängen Goebbels' am 7. März 1945 das befohlene Todesurteil.

Fromm war weder der Feigling, zu dem ihn Freislers Schergen stempeln wollten, noch verdient er das Stigma eines Opportunisten, das ihm die Nachlebenden anzuheften suchen. In einer extremen Situation, aus einer abgrundtiefen Verletztheit, reagierte er auf tragische Weise falsch.

Epilog: Unmittelbar vor der Kapitulation Berlins Ende April 1945 mußten Gefangene des Zuchthauses Brandenburg im Hofe des Reichsjustizministeriums Akten und Unterlagen verbrennen. Dabei stießen sie auf eine Pappschachtel mit dem Vermerk "Generaloberst Fromm". Beim Öffnen erblickten sie Aschenreste.

Die ehemaligen kommunistischen Widerständler vergruben ihren Fund unter einer Blutbuche im Garten des Ministeriums. Zur Endzeit der DDR wurde das Areal überbaut und damit auch die letzte Ruhestätte Fromms ausgetilgt.