Der Tag, an dem seine Großmutter ins Altersheim kam, war der schlimmste Tag seiner Kindheit. Er war sechs Jahre alt, in Kairo als Sohn eines armenischen Künstlerpaars geboren und in Kanada, in der kleinen Stadt Victoria in British Columbia, aufgewachsen. Er sprach kein Wort Englisch. Mit der Großmutter, die ihn versorgte, hatte er sich auf armenisch verständigt.

Nun hatte sie ihn verlassen. Kurz darauf kam er in die Schule, und die Mutter erklärte dem Lehrer: Wenn Atom dies sagt, bedeutet das Hunger, wenn er jenes sagt, muß er auf die Toilette. "Dann mußte ich auf die Toilette, und der Lehrer gab mir ein Brot", erinnert sich Atom Egoyan. An diesem Tag begann er, englisch zu sprechen.

Der 39jährige Regisseur, der heute in Toronto lebt, erzählt diese Geschichte in akzentfreiem Englisch. Seine Frau Arsinée Khanjian, die in all seinen Filmen eine der Hauptrollen spielt, spricht bis heute mit starkem Akzent. Sie kam erst mit siebzehn aus Beirut nach Montreal und wuchs, anders als ihr Mann, in einer großen armenischen Exilgemeinde auf. "Jedes Kind, das mit mehreren Kulturen und Sprachen aufwächst, begreift sehr früh, daß der Charakter eine Konstruktion ist", sagt Egoyan. Der Name seiner Produktionsfirma: Ego Film Arts.

Seine sieben Spielfilme handeln von nichts anderem: von Entfremdung und Anpassung, vom Verlust geliebter Menschen, von der Sprachlosigkeit, der Suche nach Identität und Familie, von Trauer und Trost. "Die nächsten Angehörigen" (1984) ist eine moderne Version der Legende vom verlorenen Sohn. In "Family Viewing" (1987), seinem schrägsten Kinostück, ist die Mutter verschwunden, in "Speaking Parts" (1989) der Bruder gestorben. Nachdem das Haus seiner Eltern abgebrannt war, erfand Egoyan in "Der Schätzer" (1991) einen Versicherungsangestellten, der den verlorenen Besitz kalkuliert und die Geschädigten tröstet. In "Exotica" (1993) versucht ein Vater, über den Tod seiner Tochter hinwegzukommen in seinem jüngsten Film, "Das süße Jenseits" (siehe Feuilleton in der ZEIT Nr. 11/98), verliert ein ganzes Dorf seine Kinder bei einem Busunglück.

Kurz vor Beginn der Dreharbeiten war Egoyan selbst Vater geworden sein Sohn Arshile ist heute vier Jahre alt. Wie kann man eine Tragödie über tote Kinder drehen, wenn man selbst sein erstes Baby in den Armen hält? Egoyan mußte die Existenz seines Sohnes während der Arbeit ignorieren.

Ein Kind nicht schützen zu können ist für ihn das schlimmste denkbare Unglück. "Die Katastrophe interessiert mich, weil sie jeden zwingt, seine individuelle Wahrheit herauszufinden." Ihn faszinieren Phobien, Neurosen und alles, was jenseits der Normalität liegt. Dabei hat er selbst gar nichts Neurotisches, im Gegenteil: Seine unkomplizierte Lebenslust, sein neugieriger Blick auf die Merkwürdigkeiten der eigenen Spezies sind ansteckend.

Egoyans Kinogeschichten betören durch vertrackte Personenkonstellationen und virtuose Konstruktionen von Zeit und Raum. Aber sie schlagen immer einen persönlichen, intimen Ton an. Der Filmemacher versteckt seine Biographie nicht hinter der Kulisse der Ästhetik. Er gibt auch gerne Auskunft über seine Arbeit: geduldig, konzentriert - und schweift doch auch ab, fabuliert.