Albert Gore zeigte sich höchst interessiert: Als in der vergangenen Woche der Astrophysiker Stephen Hawking im Weißen Haus zu Gast war, wollte der US-Vizepräsident wissen, was denn von der neu entdeckten "Antischwerkraft" im All zu halten sei. Hawkings Antwort fiel knapp aus: "Wenn es sie überhaupt gibt, ist sie sehr klein."

Ob er damit den Wissensdurst des Vizepräsidenten stillte, ist fraglich. Denn hinter der geheimnisvollen Antischwerkraft verbirgt sich eines der größten Rätsel der Kosmologie, das seit über sechzig Jahren durch die Theorien der Astrophysiker spukt. Soeben hat es neue Nahrung erhalten: Auf einer Konferenz im kalifornischen Marina del Rey stellte ein internationales Astronomenteam Messungen vor, die das Wirken einer Art Antigravitation im All nahelegen. Die Forscher hatten weit entfernte explodierende Sterne (Supernovae) vermessen und zu ihrer Verblüffung festgestellt, daß sich das All stärker auszudehnen scheint als bislang angenommen. Diese Ergebnisse könnten "die Kosmologie auf den Kopf stellen", trompetete prompt das amerikanische Fachblatt Science, das die Meldung von der Antischwerkraft als erstes veröffentlichte. Die Entdecker selbst sind etwas reservierter. "Ich bin zwar sehr aufgeregt über unsere Ergebnisse", meint der Harvard-Astronom Robert Kirshner, aber es sei immer noch denkbar, daß "irgendein fieser kleiner Effekt" die Messungen verfälsche.

Dennoch sind die Kollegen fasziniert. "Wenn das stimmt, ist das eine ausgezeichnete Entdeckung", kommentierte der Astrophysiker Michael Turner in der New York Times. "Das würde bedeuten, daß der Großteil des Universums durch den Überschuß einer seltsamen Energieform beeinflußt wird, die eine abstoßende Kraft ausübt."

Um die Expansionsgeschwindigkeit des Alls zu bestimmen, hatten Kirshner und seine Kollegen mit dem Hubble-Teleskop vierzehn Supernovae in einer extrem weiten Entfernung von sieben bis zehn Milliarden Lichtjahren untersucht. Solche Sternexplosionen, die hellsten Lichter im Universum, gelten als "Standardkerzen". Ihre Leuchtkraft ist gut bekannt und läßt sich aus dem charakteristischen "Verglühen" einer Supernova genau bestimmen. Vergleicht man diesen Wert mit der tatsächlich gemessenen Leuchtkraft, so läßt sich die Entfernung einer Supernova abschätzen.

Mißt man zugleich ihre Geschwindigkeit (über die Rotverschiebung ihres Lichtes), so gibt dies ein Maß für die Ausdehnungsgeschwindigkeit des Universums. Verblüffendes Ergebnis: Die vierzehn Supernovae waren im Schnitt zehn bis fünfzehn Prozent weiter entfernt, als die Astronomen erwartet hatten. "Offenbar dehnt sich das All immer schneller aus", staunte der Berkeley-Astronom Adam Riess. Ähnliche Ergebnisse meldeten Anfang Januar bereits zwei andere Forscherteams. Das "Supernova Cosmology Project" meldete ebenso eine unerwartet hohe Expansionsgeschwindigkeit des Alls wie die Princeton-Astronomin Ruth Daly, die vierzehn weit entfernte Radiogalaxien vermessen hatte.

Die Daten sorgen für Unruhe unter Astronomen, weil sie eigentlich erwarten, daß sich das All immer langsamer ausdehnt. Schließlich sorgt die allgegenwärtige Schwerkraft dafür, daß sich Massen gegenseitig anziehen und daß daher der gewaltige Anfangsschwung des "Big Bang" allmählich abgebremst wird. Beschleunigt sich dagegen die Expansion, so deutet dies auf eine entgegengesetzte Kraft hin, die im Fachjargon "kosmologische Konstante" heißt.

Albert Einstein, der diese Größe als erster in die Welt setzte, bezeichnete sie später als "die größte Eselei meines Lebens". Doch bislang erwies sie sich die kosmologische Konstante als resistent gegen alle Versuche, sie wieder abzuschaffen. Kaum ist sie an einer Stelle überflüssig geworden, taucht sie unvermutet woanders wieder auf.