Christoph Marthaler inszeniert Strindbergs "Gespenstersonate": So hatte es das Deutsche Schauspielhaus ursprünglich angekündigt. Wieder so ein schwerer Literaturbrocken nach "Kasimir und Karoline" in Hamburg, nach den "Drei Schwestern" an der Berliner Volksbühne. Doch dann muß bei Marthaler ein Sinneswandel eingetreten sein. Wahrscheinlich überkam ihn einfach die Lust auf eine Verschnaufpause - ihn, den vielgefragten, vielbeschäftigten Meister der neuen Langsamkeit, dessen Zeitbudget über dem kunstvollen Zeitverstreichenlassen auf immer mehr europäischen Bühnen knapp und knapper wird. Eine heiter-makabre Tea-time-Komödie statt einer düsteren Höllenfahrt!

Marthaler las "Arsen und Spitzenhäubchen", einen Klassiker des Genres.

Ein Satz kann ihm bei der Lektüre gar nicht entgangen sein. "Die Brewsters", heißt es da über die hochgradig spinnerte Familie, die unter einem Dach zwei liebenswürdige alte Giftmischerinnen, einen Theaterkritiker, der das Theater haßt, einen selbsternannten Präsidenten der Vereinigten Staaten und einen Massenmörder vereint - "die Brewsters haben eine seltsame Ader. Es ist ein bißchen so, wie wenn Strindberg ,Die lustige Witwe' geschrieben hätte ..."

Spätestens da, stellen wir uns vor, war Marthaler finster entschlossen: Wenn schon Strindberg, dann gleich Joseph Kesselring!

Dessen leichenreicher Dreiakter, ein Bühnenrenner aus den frühen vierziger Jahren (am Ort der Uraufführung, in New York, wurde er 1400mal en suite gespielt), taucht auch heute noch mit schöner Regelmäßigkeit auf den Spielplänen der Boulevardtheater auf. Und Frank Capras Verfilmung - mit Cary Grant und Peter Lorre - ist noch immer ein Evergreen in den Familienprogrammen der Fernsehsonntagnachmittage. Manche Stücke, manche Filme sind gar nicht totzukriegen.

Das Gesangbuch griffbereit neben dem Giftschrank

Was einen Marthaler an dem Stoff gereizt hat, ist leicht zu begreifen: das innige Durch- und Ineinander von Normalität und Aberwitz, von Idylle und plötzlich explodierender Anarchie, von Wohlanständigkeit und Grusel, von friedlichem Alltag und schierer Mordlust. Das war sein Thema schon immer - er hat es in unterschiedlichsten Aufführungen variiert. Die gute Stube der beiden Betschwestern Abby und Martha (Heide Kipp und Marlen Diekhoff, mal tüttelig, mal streitsüchtig), die ihre Besucher, einsame alte Herren, aus reiner Nächstenliebe mit arsenangereichertem Holunderwein um die Ecke bringen, entpuppt sich als frommes Irrenhaus. Das Gesangbuch liegt griffbereit neben dem Giftschrank, der Keller ist randvoll mit Leichen. Den Neffen Mortimer, den berufsmüden Rezensenten (bei Stephan Bissmeier ein Zappelphilipp, der sich sehenswert durch die Aufführung tänzelt und scharwenzelt), beschleicht angesichts der gehäuften Leichenfunde "so ein komisches Pirandello-Gefühl" - er weiß nicht mehr, ob er alpträumt oder bei Sinnen ist.

Der Zuschauer indes verliert an diesem Abend den Überblick nie. Das Ab- und Hintergründige hält sich allzeit in überschaubarem Rahmen. Daß das Stück, so geschickt seine Situationen und Dialoge gebaut sind, nicht eben taufrisch ist, kann auch ein Marthaler, der hinter der konventionellen Krimifarce die Groteske des alltäglichen Wahnsinns aufspüren will, nicht verdecken: die Ironien schon angegilbt, der schwarze Humor im Graubereich, alles von der milden Sorte. Es zieht sich, es längt sich. Die mörderischen Abläufe und Verwicklungen sind vom Film her bestens vertraut - und Marthaler inszeniert erstaunlich werkgetreu: großes Déjà- vu.

Die drei Stunden, es läßt sich nicht verhehlen, hätten ganz schön fad werden können (ein eher unbekanntes Marthaler-Gefühl) - wenn, ja wenn da nicht der kolossale Auftritt des Josef Bierbichler gewesen wäre. Zwar gibt es auch sonst manches schöne Solo im Ensemble: Siggi Schwientek in der Dreifachrolle eines schmächtigen Männchens Jean-Pierre Cornu als stocksteif geschäftiger Pseudopräsident Josef Ostendorf, der den Polizisten O'Hara, einen verhinderten Bühnenschriftsteller, als quellbäuchigen Trottel und begnadeten Kitschier gibt und mit seiner unendlichen Geschichte die ganze Gesellschaft nach Kräften nervt. Aber Bierbichler ist es, der den Abend beherrscht: Jonathan, der verlorene Neffe und ungeliebte Bruder, Schwerverbrecher mit Boris-Karloff-Gesicht.

Schon seine erste Szene: der Einbruch ins Haus seiner Kindheit. Ein bleicher Horror-Schädel im Schummerlicht, Stiefel und Stimme sensationell: so ungeheuer klobig das Schuhwerk, so düster verkrächzt die Worte. Doch wundersam, kaum glaublich: Dem ungeschlachten Monster entringen sich jäh die anrührendsten Töne - es singt! Hinreißend komisch sekundiert vom pfeifenden Dr. Einstein, seinem ständigen Begleiter: Ueli Jäggi, Marthalers Spezialist für schräge Vögel. Ein herrliches Gespann.

Immer wenn der massige Jonathan mit seinem Schreckensantlitz an diesem Abend zu singen anhebt, mit seiner dünnen, fisteligen, flirrenden Stimme (Schuberts Lied an die "holde Kunst"), wird es ganz still im Raum. Und wie damals im Hamburger "Wurzel-Faust" weht von weit her eine leise, unbestimmbare Traurigkeit herein, ein Gefühl von Unbehaustheit, von unheilbarer Sehnsucht.

Trauer, die sich erst auflöst ins verzweiflungsvoll Komische, wenn den unergründlichen gutturalen Tiefen der Bierbichlerschen Halspartie, elektronisch verstärkt, ein metallisch klirrendes Stöhnen und Wimmern entweicht.

Auch in dieser Marthaler-Inszenierung, wie könnte es anders sein, wird ausgiebig gesungen fünf Tasteninstrumente, vor dem Bühnenvorhang plaziert, sind im ständigen Einsatz. Kirchenlieder vor allem ("So nimm denn meine Hände / und führe mich / bis an mein sel'ges Ende..."), aber auch große Oper, Klassik-Ohrwürmer am Klavier, Stimmungsmusik am Harmonium. Das ist schön, gewitzt und doppelbödig - wie stets bei Marthaler. Und natürlich hat ihm Anna Viebrock wieder eine dieser wunderbaren, riesigen, ausblicklosen Bühnenkatakomben gebaut: der Hintergrund hell gekachelt, endlos ragende tapetengraue Wände, Treppen und Metallstiegen, die hinauf- und hinunterführen ins Nirgendwo, in der Mittelachse ein eiserner Fahrstuhlschacht. Unten ein Eßtisch, im Obergeschoß elektrisches Kaminfeuer - davor zwei Sessel, auf denen im Finale der Kritikus und seine kesse Pastorentochter (Judith Engel) zu trivialem Pärchenglück erstarren.

Vieles ist also wie immer: aparte Jokes, hübsche Slapsticks - und manches kokette Marthalersche Selbstzitat blitzt auf. Minutenlange Aufzugfahrten, gräßliche Hustenorgien, komplizierte Leichentransporte, schwerste Elektrizitätsdefekte: Fallweise läßt sich gut lachen. Aber immer und immer wieder drängt sich auch der Eindruck auf, hier inszeniere nicht Marthaler selbst, er lasse es nur marthalern.

Das Timing des Stücks, das Zeitgefühl der Regie

Ein Verdacht bestätigt sich, den man zuletzt schon, ein ganz anderer, dennoch vergleichbarer Fall, bei Tschechows "Drei Schwestern" hegen konnte. Dieser Regisseur, der dem Theater ein vollkommen neues, eigenes Zeitmaß aufgeprägt hat, findet in selbstentworfenen Projekten wie "Murx" oder der "Stunde Null" zu faszinierenden theatralischen Resultaten. Gerät er an literarische Texte, müssen es die richtigen sein: kompatibel mit dem eigentümlichen, eigensinnigen Marthalerschen Timing. Ein Stück wie "Arsen und Spitzenhäubchen", das von der raschen Pointe, der prompten Replik, der Klippklappmechanik lebt, gewinnt nicht, sondern verliert eher durch Marthalers Tempoverrückungen und Rhythmusverzerrungen. Das freilich ließe sich leicht verschmerzen. Schlimmer aber: Auch Marthalers Theater verliert.

Warten wir also auf das nächste Projekt - und darauf, daß Marthaler sich wieder die Zeit nimmt für sein ganz und gar eigenes Zeitgefühl. Wir warten mit äußerster Geduld und Gelassenheit. Die haben wir bei ihm gelernt.