Wie ein Polit-Thriller liest sich dieser wissenschaftlich-historische Diskurs: Das Werk des Berliner Molekularbiologen Erhard Geißler zur Geschichte biologischer Waffen in Deutschland ist fast 900 Seiten stark, überdies seriös exakt und umfassend dokumentiert. Mit aktuellen Bezügen geht das Werk über den Titel "Biologische Waffen - nicht in Hitlers Arsenalen" hinaus. Der Wissenschaftler am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin liefert damit einen wichtigen Beitrag für "neue Überlegungen, wie wir uns vor einem böswilligen - militärischen oder terroristischen - Einsatz von Krankheitserregern schützen können". So Ernst Ulrich von Weizsäcker vom Wuppertaler Klima-Institut in seinem Geleitwort.

War Tataren-Khan Janibeg der erste Kriegsherr, der vor 600 Jahren bakteriologische Kriegsführung übte und Europa mit dem Pestvirus überzog?

Waren Deutsche - heute im Verdacht der Biowaffen-Kumpanei mit Saddam Hussein - im Zweiten Weltkrieg nur durch Hitler davon abzuhalten, die Entwicklung der heimtückischen Waffen weiterzutreiben? Haben die USA auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs den Kartoffelkäfer als B-Waffe gen Osten fliegen lassen, wie die DDR in den fünfziger Jahren behauptete?

Geißler gibt Antworten auf bisher ungeklärte Fragen, deckt schonungslos die Skrupellosigkeit von Wissenschaftlern auf. Obwohl Wilhelm II. im Ersten und Hitler im Zweiten Weltkrieg den B-Waffen-Einsatz untersagt hatten, fanden unter der Hand sogar weitere Aktivitäten statt marginal übrigens im Zweiten, intensiver im Ersten Weltkrieg. Aus letzterem gebührt den Deutschen sogar das zweifelhafte Verdienst, erstmals biologische Waffen eingesetzt zu haben - gegen Tiere.

Das Motiv dafür, daß ausgerechnet Hitler dem Drängen der Militärs und ihrer B-Waffen-Experten nicht nachgab, wiewohl er andererseits C-Waffen befürwortet hatte, ortet Geißler in Hitlers ausgeprägter Bakterienphobie. Er fürchtete wohl einen Bumerangeffekt. Im "Dritten Reich" waren militärische und politische Führung offenbar nicht ernsthaft an biologischer Kriegsführung interessiert. Geißler: "Im Gegensatz zu den Westmächten war Deutschland nicht einmal gerüstet, auf die befürchteten gegnerischen BW-Angriffe mit entsprechenden Vergeltungsschlägen antworten zu können." Eine Garantie dafür, daß B-Waffen-Besitzer vor dem Einsatz zurückschrecken, weil die Pest auf sie zurückfallen könnte, gibt es allerdings nicht, wie die Biokriegsführung der Japaner und ihre barbarische Menschenversuche in China im Zweiten Weltkrieg belegen.

Seither sind die Gefahren nicht geringer geworden. Es ist sogar zu befürchten, daß Gentechnik eine Optimierung der B-Waffen erlauben könnte.

Damit tickt eine "biologische Zeitbombe", die - so Geißlers Befürchtung - erst entschärft wird, wenn "sie das erste Mal in einer Industrienation explodiert ist und einen biologischen Flächenbrand erzeugt". Geißler entläßt die Leser indes nicht ganz ohne Hoffnung. Als engagierter Streiter gegen diese Massenvernichtungswaffen bietet er konkrete Lösungen für ihre nachhaltige Ächtung.