Wenn Joachim Franke die Eishalle in Berlin-Hohenschönhausen betritt, brechen die Gespräche ab. Die Zuschauer bilden eine Gasse, um den Herrn im blauen Trainingsanzug auf das Eis zu lassen. Hier, im Sportforum, begegnen die Menschen dem Bundestrainer der Eisschnelläuferinnen mit Ehrfurcht. Aus guten Sportlern mache Franke Sieger, weiß der Eismeister. Und der Nachwuchstrainer möchte nur eins: "werden wie Franke". Er bewundere dessen "Kraftseite". Dieses Jahr, sagt er, hätten die Läuferinnen "Kraft" gehabt - wie nie zuvor.

Kraft. Über nichts denkt Joachim Franke mehr nach. Und er begann schon früh damit: 1975, in der geheimen Forschungsgruppe "Zusätzliche Leistungsreserven", gegründet von der Leistungssportkommission der SED. Zu den Aufgaben der Gruppe gehörte die Erprobung "unterstützender Mittel". Zu deutsch: der Anabolika.

Noch heute steht der Name Franke für Höchstleistungen. Seine Läuferinnen erfüllten in Nagano die olympische Medaillenpflicht im Übersoll: zweimal Gold, dreimal Silber, einmal Bronze. Ganz im Sinne von Walther Tröger, dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK). Vor Beginn der Spiele wollte er die deutsche Hymne "mindestens zehnmal" hören, und am Ende spielten sie "Einigkeit und Recht und Freiheit" ein volles dutzendmal.

In der DDR arbeiteten die Medaillenplaner diskreter. Drei Jahre vor den Olympischen Spielen stand schon fest, in welchen Disziplinen zu siegen war. Die Goldgarantie im olympischen Ersatzkrieg war der Versuch der Funktionäre, durch Sport ein politisches System zu stabilisieren. Sport war die Außenpolitik der SED. Modellierte Menschen traten an, die Überlegenheit des Sozialismus vorzuführen; einige traten als Sportinvaliden wieder ab: Gewichtheber mit hormongeschwollenen Brüsten, Skilangläufer mit Turbotrieb, Schwimmerinnen mit Baßstimmen. Risiken und Nebenwirkungen ignorierten die Mitglieder der Sport-Forschungsgruppe. Und das vereinigte Deutschland ignorierte deren Vergangenheit.

Erst heute, acht Jahre nach der Wende, ermitteln die Behörden - zum Beispiel gegen Eisschnellauf-Bundestrainer Joachim Franke. In wenigen Fällen sind die Verfahren abgeschlossen. Seit Mitte dieser Woche stehen sechs Trainer und Sportärzte aus der DDR vor dem Berliner Landgericht, darunter Frankes alter Forschungsgenosse Bernd Pansold, der heute österreichische Olympioniken verarztet. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Körperverletzung vor. Sie sollen minderjährigen Schwimmerinnen Hormontabletten gegeben haben. Für neunzehn Frauen sind bleibende Schäden eine bleibende Erinnerung an diese Zeit (siehe Seite 18).

Mindestens 7000 DDR-Sportler sollen Kraft aus der Pille genommen haben. 706 Athleten, die damals minderjährig waren, klagen über chronische Schäden durch Anabolika. 400 Ärzte, Trainer und Funktionäre werden verdächtigt. 90 Ermittlungsverfahren laufen. Nach Beweisen suchen bis zu 70 Kriminalbeamte, Mitarbeiter der Zerv, der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität. Nachdem Mauerschützen und Treuhand-Betrüger verurteilt sind, ist jetzt das geheime "Staatsplanthema 14.25" dran.

Damit steht erstmals die medikamentöse Vergangenheit des DDR-Sports vor Gericht. Dem Berliner Prozeß werden weitere folgen. Die Justiz wird also jene Debatte erzwingen, welche die vereinigten Sportverbände jahrelang zu verhindern suchten. "Bei der Aufklärung haben sie uns nicht gerade geholfen", sagt Manfred Kittlaus, der Leiter der Zerv.

Warum nur ist die Vergangenheitsbewältigung im Sport so schwierig? Theoretisch hätte die Sache doch von Anfang an klar sein können: Einem ostdeutschen Fachdoper, der Minderjährige geschädigt hat, dürften im gesamtdeutschen Sport nie wieder Minderjährige anvertraut werden. Tatsächlich aber wollten die westdeutschen Sportverbände vor allem eins: Medaillen. Und Sieger. Das Beste aus der DDR. In dieser Logik ist ein ehemaliger Doping-Trainer ohne Doping einfach nur ein guter Trainer. Und das reicht eben nicht.

Hätten die westdeutschen Sportverbände sich zu großen Aufklärern erhoben, wäre ihnen nicht erspart geblieben, zuerst in der eigenen Vergangenheit zu forschen. Dann hätten auch im Westen Trainer und Ärzte ihre Posten verlieren müssen.

So geht es in Wahrheit um zwei Skandale. Der erste spielt in der DDR der achtziger Jahre und handelt von Körperverletzung, der zweite spielt im vereinten Deutschland der neunziger Jahre und handelt von augenzwinkerndem Einverständnis und bewußtem Wegschauen. Beide Skandale sind miteinander verwoben. Nur der erste wird vor dem Berliner Landgericht verhandelt, der zweite kann, strafrechtlich nicht greifbar, dort nie landen. Erzählt werden soll er trotzdem.

Die Geschichte beginnt im brandenburgischen Bad Saarow, im Dezember 1990. Ein westdeutsches Ehepaar verlangt Eintritt in die Bibliothek der Militärmedizinischen Akademie, dorthin, wo der Giftschrank steht. Wachleute versperren den Weg. Die beiden insistieren und zeigen ein Papier mit dem Briefkopf des Bonner Verteidigungsministeriums. Das hilft.

Er ist Werner Franke, sie Brigitte Berendonk, beide Doping-Experten und Privatermittler, beide hartnäckige Aufklärer. Sie ist Lehrerin, war früher bundesdeutsche Diskusmeisterin, er arbeitet als Professor für Zellbiologie.

"Wir dachten uns: Wenn jemand etwas aufbewahrt, dann das Militär", sagt Werner Franke. Es stimmt. Im Giftschrank der Akademie stehen dreißig geheime Dissertationen. Unter den Doping-Werken finden sich auch Arbeiten über Anabolika-Experimente an Jugendlichen. Franke und Berendonk stecken das Material in eine Reisetasche und bewahren es damit vor dem Reißwolf. In der Doping-Zentrale Leipzig nämlich wird etwa zur selben Zeit die Aktenvernichtungsmaschine des Forschungsinstituts für Körperkultur und Sport (FKS) mit Geheimpapieren gefüttert. Die Rettung der Dokumente aus Bad Saarow ist für die Aufarbeitung der Doping-Geschichte bis heute so wichtig, daß Werner Franke und Brigitte Berendonk von den Ermittlungsbehörden immer wieder um Material gebeten werden.

Während das Paar den Aktenwust ordnet, übertreffen sich die Sportfunktionäre in vereintem Größenwahn. "Deutschland soll die Sportnation Nr. 1 in der Welt werden", tönt der Generalsekretär der Sporthilfe. Schwimmer-Präsident Harm Beyer, in diesen Jahren Verfechter der kontrollierten Vergabe von Doping-Präparaten, rät in der Stuttgarter Zeitung zu einer "Organisation Spitzensport". Es soll ein Potential von Athleten entstehen, "das in seinem Ausmaß unübertroffen sein dürfte". Sport Bild empfiehlt der erfolglosen "Laienspielschar" vom Deutschen Leichtathletik-Verband, die DDR-Trainer, "die besten Leichtathletik-Trainer Europas", sofort zu Bundestrainern zu machen.

Der deutsche Sport stellt sich nicht quer. Sportbund-Präsident Hans Hansen will versöhnen. Er setzt auf die Selbstreinigungskräfte des Sports, auf Doping-Kommissionen, die am Ende ihrer Untersuchungen eine Amnestie für reuige Sünder vorschlagen. Für Hansen ist es genug der Belästigung, wenn künftige Bundestrainer schriftlich versichern müssen, sie hätten nichts mit der Stasi gehabt.

Und stören will diese Euphorie auch nicht der Anti-Doping-Arbeitskreis. Er ist der Vorläufer der heutigen Doping-Kontrollkommission. Die erste gemeinsame Tat der Doping-Bekämpfer aus Ost und West besteht 1990 darin, ruhig zu bleiben. Ein westdeutscher Bobfahrer war bei einer Doping-Kontrolle erwischt worden. Kommissionsmitglied Jürgen Barth erinnert sich: "Der Deutsche Bob- und Schlittensportverband hat das so geregelt, daß das nicht weiter verfolgt wurde."

Noch vor der förmlichen Vereinigung der beiden Sportverbände ist der Anti-Doping-Arbeitskreis schon paritätisch besetzt - mit bewährten Sportmedizinern. Joseph Keul, Sportmediziner aus Freiburg, der auch acht Jahre später für deutsche Olympioniken in Nagano im Einsatz sein wird, sitzt Manfred Höppner aus Ost-Berlin gegenüber (siehe Seite 20). Zwei alte Bekannte. Beide erforschten Anabolika an Sportlern (Höppner auch noch nach dem internationalen Verbot 1971), beide sind Symbolfiguren der Sportmedizin in ihren Teilstaaten. Auf internationalen Ärztekonferenzen bildeten sie die deutsche Allianz schon vor der Vereinigung.

Einer hat damals das Duo beobachtet, Ludwig Prokop, Doping-Kritiker, heute 78 Jahre alt. Schon bei den Winterspielen 1948 war er als österreichischer Mannschaftsarzt dabei. Er berichtet: "Während der Konferenzen hat man gemerkt, Höppner und Keul wollten sich nicht weh tun. Es sah zwischen den beiden nicht nach Klassenkampf aus. Aber diese Tagungen waren sowieso nicht ehrlich."

1974 berichtet Manfred Höppner als Stasi-Zuträger "IM Technik" über eine dieser Tagungen: "Der BRD-Vertreter Prof. Dr. Keul sprach sich in einer sehr aggressiven Art und Weise gegen die Darlegungen von Prof. Dr. Prokop aus und äußerte, man könne den Eindruck gewinnen, daß P. ein Vertreter der katholischen Kirche sei. Gegenüber dem IM (gemeint ist Höppner selbst, d. Red.) bestätigte Prof. Dr. Keul, daß in der BRD generell die Anwendung von Anabolen erfolgt und daß er im Prinzip nichts dagegen einzuwenden habe." Es scheint, als habe Keul dem Kollegen Höppner sogar Arbeit abgenommen: "Der IM überließ in erster Linie die Argumentation Prof. Dr. Keul." Ludwig Prokop sagt es so: "Keul hat lange keine eindeutige Ablehnung der Anabolika gefordert."

Keul und Höppner sitzen längst nicht mehr in der Anti-Doping-Kommission, aber der deutsch-deutsche Geist der Kooperation ist geblieben. Bis heute dürfen Vorbelastete im deutschen Spitzensport Verantwortung tragen. Seit die Berliner Staatsanwaltschaft Akten sichtet und Zeugen vernimmt, wird alle paar Wochen ein neuer Doping-Trainer bekannt, der im deutschen Sport ausgehalten hat.

Schwer hatten es hingegen jene, die beständig vor den Verabreichern der Muskelmacher warnten. Eine Karriere stand den wenigsten offen. Sie trafen nach der Wende auf dieselben Amtspersonen, die sich ihnen schon vorher in den Weg gestellt hatten. Oder auf Westdeutsche mit tauben Ohren. Henner Misersky war einer, den keiner verstehen wollte. Im März 1991 beklagte er in einem Brief an den Vizepräsidenten des Deutschen Sportbundes (DSB) die Anstellung eines dopingbelasteten DDR-Cheftrainers als bundesdeutscher "Disziplintrainer Biathlon": "Wenn man die generellen Überprüfungen hinsichtlich politischer Belastung von Lehrern, Hochschulangehörigen, Beschäftigten im öffentlichen Dienst in den neuen Bundesländern bewertet", sei es erforderlich, genauso bei Bundestrainern zu verfahren. Eine Antwort auf diesen Brief, sagt Misersky, habe er nicht erhalten.

Henner Misersky ist kein Querulant. Er hat nur Erfahrung, als DDR-Trainer für Langlauf. Zwei Jahre lang betreute er Nachwuchsläuferinnen. Als er die Mädchen vor den blauen Pillen warnte und sich gegen ein neues Verbandskonzept stellte, wurde er 1985 fristlos entlassen. Die Funktionäre begründeten die Kündigung damit, er habe seine Athletinnen nicht motiviert, in die SED einzutreten.

Wer nicht angeklagt wird, kann als Trainer weiterarbeiten

Sein Rausschmiß aus dem Skiläuferverband hatte Folgen auch für seine Tochter Antje. Die talentierte Langläuferin wurde zur Clubleitung bestellt. Ihr wurde verboten, den Eltern vom Training zu erzählen. Sie verweigerte den Befehl und trat unter Druck aus der Kinder- und Jugendsportschule aus. Vater Misersky, heute Sportlehrer im thüringischen Ilmenau, klingt resigniert. "Alte Geschichten." Bei ihm zu Hause hängen Photos an der Wand: Tochter Antje in der Pose einer Siegerin, lachend, die Langlaufskier nach oben gestreckt. Alberville 1992, Olympische Spiele und unter der schwarzrotgoldenen Fahne ein vereintes Team, zum ersten Mal. "Goldenes Deutschland", jubelte Bild. "Olympia - das bringt uns alle ein großes Stück näher zusammen." Antje Misersky, nach der Wende als Biathletin in den Leistungssport zurückgekehrt, gewinnt über fünfzehn Kilometer Gold. Sie sagt an diesem Tag: "Der Sieg gehört meinem Vater."

Henner Misersky trägt seine Freude nicht nach außen. Er erzählt: "Da liefen Leute mit Bundesadlern auf den Anzügen herum und sonnten sich öffentlich im Erfolg von Antje. Einer war dabei, der hatte in der DDR meine Entlassung betrieben. Der sagte mir damals ins Gesicht: ,Du bist politisch unzuverlässig. Solche Leute wie du müssen verschwinden.'"

Der Tag des Olympiasiegs ist der 19. Februar 1992. Abends, benommen vom Erfolg der Tochter, aufgewühlt von Erinnerungen, nutzt Misersky die Gunst der Stunde und macht in der ARD seinem Herzen Luft: Ein "schöner Tag", ganz bestimmt, aber der "größte Tag" für ihn sei der Fall der Mauer gewesen. Hoffnung habe er geschöpft, die Diskriminierung seiner ganzen Familie werde nun ein Ende haben. Nichts davon! Obwohl er, Misersky, immer gewarnt habe, "hat Herr Weinbuch die belasteten Funktionäre unbesehen übernommen".

Helmut Weinbuch, damals Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes, heute Generalsekretär, sitzt in derselben Sendung. "Vorsichtig" habe man die Verbände zusammengeführt, erklärt er. Man könne den Sportlern ihre Vertrauenstrainer nicht einfach nehmen. Er spricht von "Konsequenzen", wenn die Trainer belastet seien. "Irgendwann muß aber Toleranz herrschen."

Diese Toleranz hat dazu geführt, daß belastete Trainer noch während der Winterspiele von Nagano an der Loipe standen. Bedenkenträger Henner Misersky bemühte sich nach der Wende beim Deutschen Skiverband vergeblich um einen Trainerposten. Mit der deutschen Einheit hat Misersky gelernt, daß der DSB "überhaupt kein Interesse an Aufarbeitung hat. Das Präsidium nutzt die dezentralen Strukturen, um alles an die einzelnen Verbände zu delegieren und sich damit aus der Verantwortung zu ziehen." Sein Fazit: "Der DSV ist wie ein Bär, der sein Fell schüttelt."

Misersky glaubt auch nicht, daß die Berliner Prozesse "Tiefergehendes" bewirken können. "Wer nicht angeklagt wird, kann weiterarbeiten. Pech für alle, die von Privatleuten angezeigt wurden, also von Sportlern, die körperlich geschädigt sind."

Gäbe es nicht die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität, wäre Vergangenheitsbewältigung vollends zur Sache von Einzelkämpfern verkommen. Im alten Westen, der Heimat des Privaten, ist sie ohnehin immer Privatsache gewesen. Zwar wird, wenn Fernsehkameras laufen, gern von "schonungsloser Offenheit" gesprochen. Tatsächlich aber steht die Mauer des Schweigens auch im Westen. Wer in der Vergangenheit zu stöbern beginnt, stößt auf Hindernisse - wie im Osten.

Als der Heidelberger Sportsoziologe Gerhard Treutlein begann, die Doping-Geschichte des westdeutschen Sports zu erforschen, spürte er gleich: Die Recherche würde zäh werden. Die ersten Interviews zeigten ihm: "Die Szene verschließt sich." Nur ganz wenige Sportler wollten mit ihm reden, anonym, versteht sich.

Treutlein kann das nachvollziehen. Er ist selbst einmal Läufer gewesen, Mittelstreckler, und später Trainer. "Die Kameraderie unter Sportlern war damals auch in mir. Als Brigitte Berendonk 1969 in der ZEIT über Doping schrieb, dachte ich: Mag ja sein, aber das kann man doch nicht veröffentlichen."

Man konnte. Und Treutlein veränderte langsam seine Haltung. Er verfaßte ein kritisches Buch über Leistungssport. Das Werk weckte die Gegner. Noch vor der Veröffentlichung formulierten Westdeutschlands führende Sportmediziner, Armin Klümper und Joseph Keul, Gegengutachten.

Das Stigma des Nestbeschmutzers wirkt bis heute nach. Noch 23 Jahre später hat es Treutlein schwer, für seine neue Doping-Studie Geld aufzutreiben. Deshalb muß er sie nach Dienstschluß vorantreiben. In seinem Material findet sich ein hübscher Zitatenschatz aus der Welt des Westsports: "Neunzig Prozent nehmen die Muskelpille." - "Wir Deutschen sind einfach viel zu ehrlich." "Ich kann Ihnen aus dem Kopf dreißig Präparate sagen, die ich im Wettkampfzyklus einnehme." - "Entweder wir machen in ärztlich vertretbarem Rahmen mit, oder wir steigen aus dem Spitzensport aus."

Im Westen war alles privat: das Doping und seine Aufdeckung

Gerhard Treutlein glaubt, daß Spitzensportler mit hoher Wahrscheinlichkeit in Kontakt mit Doping kamen - im Westen wie im Osten. Er spricht von einer "biographischen Falle": mitmachen und nach oben kommen oder im Mittelmaß steckenbleiben. Im Gegensatz zum flächendeckenden und staatlichen Doping in der DDR wurde im Westen in privaten Nestern gedopt. Es geschah in einzelnen Vereinen oder Leistungszentren, war nicht von oben verordnet, sondern zwischen Athlet und Trainer oder Arzt heimlich ausgemacht. Ein kleiner Kreis von Vertrauten, sagt Treutlein, dort habe man nicht verklausuliert sprechen müssen: "Die Meinungsführer im Sport konnten nach der Wende nicht für Transparenz im Osten sorgen. Die hatte es im Westen ja auch nie gegeben."

Wenn das schwarze Tuch des Schweigens riß, half nur noch die Flucht gen Osten. Einer, der sich damals aufmachte, heißt Jochen Spilker, ehemaliger Leichtathletik-Bundestrainer. Er hat Läuferinnen im Sprinter-Zentrum Hamm mit dem anabolen Steroid Anavar versorgt, einem Arzneimittel, das in Deutschland nicht zugelassen ist. Spilker kommt vor Gericht und muß wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz 12 000 Mark Strafe zahlen. Als Trainer ist er nicht mehr zu halten.

Dann kommt die Wende. Und damit Spilkers neue Chance. Heute ist er Präsident des Eissportclubs Erfurt, des Vereins der Goldläuferin Gunda Niemann-Stirnemann. Er hat eine Anwaltskanzlei in der Stadt. Gerade ist Spilker als Rechtswart des Thüringischen Landessportbundes wiedergewählt worden. Der DSB-Präsident beglückwünschte ihn und den "Thüringer Pioniergeist im Vereinigungsprozeß".

Der Prozeß des Nicht-mehr-wissen-Wollens endet oft im Schulterklopfen. Oder in Dankbarkeit. Niemand bewegt sich in dieser Welt der Vergeßlichkeit und Erkenntlichkeit geschmeidiger als Armin Klümper. Seine Sporttraumatologie ist in Freiburg, und Freiburg ist das Lourdes der deutschen Sportverletzten. Dem Herrn Professor werden übermenschliche Fähigkeiten nachgesagt. Seine heilende Hand ließe schwerste Versehrungen binnen Tagen gesunden, und der Körper sei danach stärker als zuvor. Die Pilger sind es ihm dankbar. Immer wenn der Halbgott bezichtigt wird, er verabreiche unlautere Mittel, versammeln sich seine Geheilten zur Prozession und sprechen die Fürbitte.

Seit Ende vorigen Jahres geht die Staatsanwaltschaft einer Anzeige wegen Körperverletzung nach. Birgit Hamann, Hürdensprinterin, behauptet, Klümper habe ihr Wachstumshormone gegeben, ohne ihr Wissen. Seit die Staatsanwaltschaft nachhakt, formieren sich wieder Klümpers Getreue. In einer Zeitungsannonce stehen sie gerade für ihren "leidenschaftlichen Patientenarzt". Sie schreiben vom "ausgeprägten medizinischen Ethos". Sie wissen: Er "stellt den Patienten in den Mittelpunkt" und "orientiert sich ausschließlich am Krankheitsbild". Mit ihrer Anzeige wählten sie "den Weg der demonstrativen Publizität, um Neid, Mißgunst und Diffamierung öffentlich entgegenzutreten". Die Anzeige datiert vom 27. November 1997. Unterschrieben hat eine Korona deutscher Sportheroen, darunter der Turner Eberhard Gienger, die Fußballer Wolfgang Overath und Hansi Müller, die Muskelmänner Jürgen Hingsen, Christian Schenk, Lars Riedel, Rolf Milser. Auch Ralf Reichenbach.

Der war zuerst Kugelstoßer, dann Bodybuilder. 1990 sagte er von sich: "Ich habe zehn Jahre lang gedopt und keine Gesundheitsschäden zurückbehalten." In der ZEIT beschrieb er 1987, wie Klümper ihm half: "Soooo eine Spritze kriegte ich dann ins Gelenk. Die enthielt ein Kombinationspräparat." Was das gewesen ist, wußte Reichenbach damals nicht genau: "Die Grenze der Manipulation ist das, was mein Arzt mir sagt. Da liefere ich mich aus." Im vergangenen November fragte Reichenbach im Deutschen Sportfernsehen: "Wo sind sie denn, die Anabolikatoten?"

Ralf Reichenbach starb am 12. Februar 1998 an Herzversagen, mit 48 Jahren. Ob Doping für seinen frühen Tod mitverantwortlich gewesen ist, kann niemand nachweisen.

Vor ihm hat es schon manch anderen mysteriösen Sportlerexitus gegeben. Die Mehrkämpferin Birgit Dressel starb vor elf Jahren an einem "komplexen toxisch allergischen Geschehen". Einer ihrer Ärzte hieß Armin Klümper. Damals behauptete Dressels Trainer, Klümper habe der Sportlerin Doping-Mittel verordnet. Dem Sportarzt hat die Affäre nicht geschadet. Dafür jedoch einem anderen, der ihn aus den Diensten der deutschen Sportverbände drängen wollte. Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) war damals Eberhard Munzert. Er mochte Klümper nicht mehr als Arzt zu den Spielen mitnehmen: "Weil der eine Behandlung durchgeführt hat, die nicht überschaubar war."

"Wer schlecht ist, ist schlecht. Wer gut ist, ist gedopt"

Bild prangerte den DLV-Chef als Bremser des Sports an: "Herr Munzert! Entschuldigen Sie sich bei Professor Klümper." Munzert gerät unter Druck. Seine Leichtathleten laufen hinterher. Bild ärgert sich über "unverschämt" schlechte Zeiten der deutschen Sprinter. Ausgerechnet jetzt fordert Munzert, noch immer erschüttert vom Tod Birgit Dressels, Doping-Kontrollen während des Trainings. Das macht ihn zum Außenseiter. Während der Sitzungen des DLV spürt er, wie die anderen Funktionäre sich abwenden, Grüppchen bilden und er nicht mehr dazugehört. Bei den Deutschen Meisterschaften fühlt er sich auf der Tribüne "wie ein Aussätziger". In der VIP-Lounge, erinnert sich Munzert, "handelten die anderen Funktionäre schon meine Nachfolge aus".

Munzert tritt zurück. Zwei Monate später wird der Kanadier Ben Johnson Sprint-Olympiasieger für ein paar Stunden - bis zu seiner Urinprobe. Ein Jahr danach beginnt der DLV ganz allmählich mit Trainingskontrollen; es ist die Zeit des Mauerfalls und der Beginn von Vergeßlichkeit in Einheit. Wieder acht Jahre später zwingt nun der Berliner Prozeß zur Erinnerung.

Nur mögen sich nicht alle erinnern. Dagmar Hase will nichts mehr hören: "Ich finde die ganze Aufarbeitung schlecht, weil sie einseitig im Osten passiert." Schwimm-Olympiasiegerin ist sie, 28, lebt in Magdeburg, sie hat gerade ihren letzten Titel als Weltmeisterin aus Perth mitgebracht. Nun ist sie abgetreten.

Sie ist eine Frau auf Abwehr, hat auch "ihre Erfahrungen gemacht". 1992 in Barcelona war sie die Stimme des Ostens. Da hat sie im ZDF-Olympiastudio geweint, die Funktionäre als unfähig und doppelzüngig kritisiert, "weil sie den Westschwimmern in den Arsch kriechen". Noch heute klingt sie ganz ähnlich: "Es ist eine Frechheit, daß man sich für Leistungen rechtfertigen muß. Wenn man aus dem Osten kommt, wird sowieso alles unter dem Begriff Doping abgehandelt. Ist man schlecht, ist man schlecht. Ist man gut, ist man gedopt." Sie sagt, das sei der Neid der Wessis. Weil deren Trainer das Know-how nicht hätten.

Und jetzt dieser Prozeß! "Da hört bei mir das Denken auf. Bei der Wende hätten sie sagen können: Kein Osttrainer wird weiterbeschäftigt. Dann wäre es damals zwar zum Eklat gekommen. Aber sie hätten heute ihre Ruhe."

Auf den Erfolg aber hätten sie verzichten müssen, hätten weit weniger Medaillen geerntet als jüngst in Nagano. Da waren die Deutschen die Besten der Besten, da gab es nur ein einzig Glücksgefühl. Das wird jetzt gestört durch juristische Wühlarbeiter und eine Diskussion, die mehr will: Gedopten DDR-Sportlern sollen nachträglich ihre Medaillen abgenommen werden. Aufschrei aus dem Osten: Rache für unseren Erfolg! Diebstahl unserer Sportgeschichte. Was war, ist wahr!

Was war, könnte auch falsch sein. Manipuliert eben. Trotzdem wird der Berliner Prozeß dem Westen keinen späten Sieg im Wettlauf der Systeme bescheren. "In der DDR wurde systematisch und menschenverachtend gedopt, in der Bundesrepublik nur menschenverachtend", sagt Helmut Digel, der Präsident der Leichtathleten. Er macht einen Vorschlag zur Güte: nach der Jahrtausendwende die Rekorduhren auf Null stellen, Wahnsinnszeiten und Traumrekorde nach medikamentöser Behandlung nicht mehr gelten lassen. Ganz neu anfangen. "Weltrekorde, die in unendliche Ferne gerückt sind", sagt er, "nützen nichts und motivieren niemanden." Dieser Vorschlag läßt den einen ihre Vergangenheit und eröffnet den anderen eine Zukunft.

Die verbotenen Mittel / zusammengestellt von Nils Klawitter

Stimulantien

Regen den Kreislauf an, versetzen den Körper in die Lage, höhere Leistungen zu vollbringen, schieben die Erschöpfungsphase hinaus. Stimulantien wie Amphetamine entsprechen den körpereigenen Streßhormonen Adrenalin und Noradrenalin. Wegen relativ problemloser Nachweisbarkeit werden sie nicht mehr oft verwendet. Nebenwirkungen: Überschreitung der körperlichen Grenzen, erhöhter Blutdruck, Angstzustände, Kreislaufzusammenbruch, im Extremfall mit Todesfolge.

Anabole Wirkstoffe

Synthetische anabole Steroide leiten sich alle vom Testosteron ab, dem männlichen Sexualhormon. Die Steroidhormone fördern alle anabolen, also substanzaufbauenden, Prozesse im Körper. Frühere Studien zeigen leistungssteigernde Effekte bei Männern und Frauen. Der Rückgang von Spitzenleistungen vor allem in Schnellkraftdisziplinen läßt sich mit den effektiveren Kontrollen erklären. Anabolika sind inzwischen noch mehrere Wochen nach dem Absetzen nachweisbar.

Oral-Turinabol

Die blauen Pillen waren das Standard-Anabolikum in der DDR. Produziert vom VEB Jenapharm seit 1966. Laut Beipackzettel von 1993 einzunehmen bei altersbedingtem Kräfteverfall, Knochenschwund oder Thromboseprophylaxe. Mögliche Nebenwirkungen: Ödeme, Leberschäden, Abnahme des Spermienvolumens. Bei Frauen: Virilisierungserscheinungen, bleibende tiefe Stimme, Akne, männliche Behaarung, Libidosteigerung, Geschwulst an den Geschlechtsorganen. 1994 nimmt die Jenapharm GmbH das Produkt vom Markt, weil keine klinisch gesicherten Anwendungsgebiete" dafür nachgewiesen werden konnten. Was blieb, sind Nebenwirkungen.

Peptidhormone

Diese Wirkstoffgruppe synthetisch hergesteller körpereigener Hormone bereitet den Doping-Kontrolleuren Nachweisprobleme. So kann die Einnahme von Wachstumshormonen nicht bewiesen werden, da zwischen körpereigenem und von außen zugeführtem Hormon nicht unterschieden werden kann. Die Wirksamkeit der Wachstumshormone beim Muskelaufbau ist allerdings fraglich. Ein anderes Peptidhormon ist Erythropoietin (EPO), das in Ausdauersportarten (oft im Radfahren) angewendet wird. EPO wird hauptsächlich in der Niere gebildet und hat den Effekt eines verbesserten Sauerstofftransportes und damit einer erhöhten Ausdauerleistung. Nebenwirkungen: Thrombosegefahr.

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Unter www.zeit.de/links/ finden Sie wietere Informationen Ÿber Doping im Sport