Bonn/Düsseldorf

Das Hoch des Kandidaten stabilisiert sich, der Wechsel nimmt Gestalt an, und die Stimmung ist gut. Gerhard Schröders lange Reise in Kanzleramt verläuft seit dem Wahlsieg in Niedersachsen reibungslos. Die interne Programmdebatte ging ohne störenden Konflikt über die Bühne, das Zweckbündnis mit dem Parteivorsitzenden hat gehalten, und auf die Ankündigung, daß Wolfgang Clement demnächst Johannes Raus Nachfolger wird, hatte Schröder noch vor zwei Wochen nicht ernsthaft zu hoffen gewagt.

Auch die nächsten Wochen versprechen Treibstoff für die Kampagne: Auf dem Parteitag Mitte April in Leipzig will der Kandidat neben das Parteiprogramm einen zweiten Pflock setzen, weithin sichtbar und für ihn, gelinde gesagt, mindestens so wichtig: seine programmatische Rede. Eine Arbeitsgruppe ist bereits gebildet, prominente Autoren für die Zuarbeit sind gewonnen: In dieser Rede über die "neue Mitte" will Schröder präzisieren, was er unter Modernisierung versteht und wie er den Bürgern die Angst davor nehmen will ein ehrgeiziges Projekt. Dann die Wahl in Sachsen-Anhalt, danach der Wechsel in Düsseldorf. So müßten sie, rechnen Schröder und die Seinen, gut bis zum Sommer kommen.

Wenn nichts dazwischenkommt, wenn nichts passiert. Wer weiß, vielleicht steckt die erste Gefahr für den künftigen schon im bisherigen Erfolg. So glatt ist alles gelaufen, daß in der Entourage offenbar ein Hauch von Sorglosigkeit um sich greift. Die aktuellen Werbegags, wie die Fahrt des "Titanic"-Busses vor das Adenauer-Haus, wirken ein bißchen verspielt und ziellos. "We are the champions", die Siegerhymne der Rocklegende Queen, dröhnte neulich bereits auf der Bochumer "Wir sind bereit"-Fete aus den Megaboxen, sieben Monate vor der Wahl.

Da und dort meldet sich eine leise Angst zurück, die Angst, die aus der Erfahrung kommt. Wer den Absturz vom Stimmungsgipfel einmal erlebt hat, der weiß: Zu früh gefreut ist halb verloren. Im Wahljahr 1994 ging es Rudolf Scharping so: SPD und Grüne lagen im März um 25 Punkte vor der Koalition (58 gegen 33 Prozent). Heute führt Rot-Grün (60 Prozent) mit 26 Punkten. Das Beispiel Scharping zeigt jedoch, wie wenig Sicherheit ein solcher Vorsprung bietet. Schon kurz darauf verhaspelte der Kandidat sich vor der Presse bei "Brutto und Netto", ein mysteriöser Zwischenfall, der Scharping nachhaltig aus dem Tritt brachte. Noch höher in den Stimmungswerten lag die SPD im Mai 1985 in der alten Bundesrepublik, nachdem Johannes Rau in Nordrhein-Westfalen triumphal die Landtagswahl gewonnen hatte. Bundesweit war die SPD sogleich der Umfragensieger, und Kohl sah traurig aus. Da halfen Rau kein Zaudern und kein Bibelspruch: Die Partei machte ihn, mehr als ein Jahr vor dem Wahltag, zum Kandidaten. Das Ergebnis ist bekannt.

Einer war damals dabei, der jetzt wieder mitmischt: Bodo Hombach, der Tausendsassa, der alle Wahlkampftricks kennt, alte und neue, elegante und schmutzige, der bunte Luftballons von politischen Botschaften genau zu unterscheiden weiß und als Kampagnenchef im Leben schon einiges gewonnen hat, in Nordrhein-Westfalen mit Rau, in Südafrika mit Mandela. Einmal aber hat er bitter verloren, eben damals, im Endloswahljahr 85/86/87, als er seinen politischen Ziehvater Rau zum Kanzler machen wollte und in der Schlußphase gemeinsam mit seinem Ziehbruder Wolfgang Clement in Bonn das Handtuch warf: Sie hatten sich mit dem offiziellen Wahlkampfleiter Glotz überworfen.

Heute ist Hombach selbst Politiker, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion in Düsseldorf, und außerdem Geschäftsführer der Stahlhandelsfirma des Preussag-Konzerns. Sein Verhältnis zu Rau ist inzwischen abgekühlt. Dafür blüht, weithin sichtbar, die neue Freundschaft zu Schröder. Diese Nähe hätte den beiden zu Beginn ihrer Bekanntschaft niemand prophezeit, damals, vor zehn Jahren, als Hombach und Clement den Genossen aus Hannover zu belehren versuchten, sein Rot-Grün-Landtagswahlkampf störe ihr strategisches Konzept für Rau ("eigene Mehrheit"); Schröder hörte sie schweigend an und erklärte anschließend das Treffen für beendet.