Herzlija

Shulamit Volkov lebt in Herzlija - einer Stadt, die nach dem Erfinder des Zionismus benannt ist. Die renommierte Historikerin kommt aus einer der wenigen israelischen Familien, die für sich in Anspruch nehmen kann, die visionären Ideen Theodor Herzls in die Wirklichkeit umgesetzt zu haben. Die Mutter ist schon 1912 als Kind aus Rußland nach Palästina eingewandert. Ihr Vater, der aus einer assimilierten jüdischen Juristenfamilie aus Baden-Baden stammte und 1933 flüchten mußte, entwarf Skizzen für die israelische Unabhängigkeitserklärung und beschäftigte sich nach der Staatsgründung als einer der ersten Beamten im Justizministerium mit der Gesetzgebung. Er verfaßte auch das sogenannte "Rückkehrgesetz", das jedem Juden auf der Welt bis heute automatisch die israelische Staatsbürgerschaft garantiert.

Seine Tochter war viele Jahre lang mit der Geschichte der deutschen Juden befaßt, heute unterrichtet sie europäische und deutsche Geschichte seit der Französischen Revolution. Shulamit Volkov leitete das Institut für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv und ist jetzt Direktorin der Graduate School of History. Es gibt ein beständiges, wenn auch kein übergroßes Interesse an deutscher Geschichte. Manchen ihrer Studenten, sagt Volkov, falle es schwer, das komplizierte Deutschlandbild zu verinnerlichen, das sie zu vermitteln suche. Ihre Faszination für die ehemalige Heimat ihres Vaters erklärt sie mit der "Mischung aus kulturellem Reichtum und den fürchterlichen Geschehnissen in der neueren Geschichte".

Die deutsche Sprache hat sie erst spät gelernt. Denn mit ihren Eltern hatte Shulamit Volkov, die 1942 in Tel Aviv geboren wurde, nur Hebräisch gesprochen. Die Wiederbelebung dieser alten Sprache hält sie für eine der größten Errungenschaften in der fünfzigjährigen Geschichte Israels. Schon als Kind konnte sie Dickens und Tolstoj auf hebräisch lesen. Die Tatsache, daß man sich die europäische Kultur von Anfang an durch eine gewaltige Übersetzungsleistung angeeignet hat, beeindruckt sie. Aber heute komme es vielmehr darauf an, fügt sie entschieden hinzu, eine neue hebräische Kultur aufzubauen. Europäische Elemente seien da nur ein Teil des Ganzen. Schließlich stellte Israel immer schon eine besondere Mischung dar.

Sie spekuliert darüber, ob nicht vielleicht auch sie selber ein gelungenes Produkt der zionistischen Indoktrination sei. Die Professorin, die in ihrer Jugend Armeedienst geleistet hat, bezieht das auf ihre sehr starke emotionale Bindung zum Staat. Sie konnte sich nie vorstellen, woanders zu leben. An Gelegenheiten hätte es der Geschichtsprofessorin, die einen Teil ihres Studiums in Berkeley absolviert hat, nicht gefehlt. Daß die jüngere Generation ganz anders mit dem Staat umgeht, ist ihr bewußt. Anders als sie würden ihre beiden erwachsenen Kinder die Existenz des Staates längst als normal hinnehmen.

Vielleicht schätzt die selbstbewußte Israelin auch deshalb die sogenannten "neuen Historiker", die es wagen, heilige Kühe zu schlachten und die eigene Geschichte neu zu erzählen. Lobend erwähnt sie die vom öffentlichen Fernsehen gedrehte Dokumentarserie "Tkuma" (Wiedergeburt), die ausgerechnet anläßlich des fünfzigjährigen Staatjubiläums alle möglichen Tabus verletzt: Ungeschönt war dort die Rede von der Vertreibung der Araber 1948, von der Ablehnungspolitik Golda Meirs oder der Diskriminierung der orientalischen Juden. So kritisch, glaubt Shulamit Volkov, hätte man vor zehn Jahren noch nicht mit der eigenen Vergangenheit umgehen können. Heute aber "dreht sich längst alles weniger um das Busineß der Verteidigung des Staates, sondern vielmehr um das Busineß der Kritik". Sie ist davon überzeugt, daß man dazu die notwendige Distanz und Reife erlangt hat.

Auch das Rückkehrrecht ist für sie nicht unantastbar. Denn allmählich werde es immer wichtiger, die eigene Gesellschaft mit ihrer - bisher noch völlig an den Rand gedrängten - arabischen Minderheit aufzubauen. Falls dieses Gesetz auf dem Weg zu einem wahrhaft demokratischen Israel störe, müsse man nach Volkovs Ansicht eben eine neue Balance finden.