Das riecht nach Sensation und Enthüllung: Einer der prominentesten DDR-Bürgerrechtler attackiert die Arbeit der Gauck-Behörde. Nicht etwa, weil sie - wie es ihre Gegner sonst beklagen - zuviel, sondern weil sie zuwenig konsequent in den Abgründen der SED-Diktatur umherleuchte. Seit Jahren dreht sich der Streit darum im Kreise, ob die Aufdeckung einstiger Stasi-Spitzeltätigkeit von DDR-Autoren ein Akt notwendiger moralischer Selbstreinigung oder ein Ausdruck schikanöser Vergeltungsmentalität sei. Ob im Fall Sascha Anderson, Heiner Müller, Christa Wolf oder Monika Maron: Immer stand dabei die Legitimität einer zentralen Institution zur Debatte, die die alleinige Verfügungsgewalt über die Archive des Staatssicherheitsdienstes besitzt. Trotz genauer gesetzlicher Regelung des Zugangs zu den Dokumenten und ihrer Verwendung haftet der von Joachim Gauck mit charismatischer Präsenz geleiteten Behörde das Image einer Geheimorganisation an. Daran änderte auch die Tatsache nichts, daß von Mitarbeitern der Gauck-Behörde beachtliche, differenzierte Forschungsergebnisse vorgelegt wurden, wie etwa Joachim Walthers Analyse der Stasi-Überwachungsstrukturen im "Sicherungsbereich Literatur". Spektakuläre Berichte über frisch enttarnte IM's überdeckten allemal solche Zwischentöne und führten zur Übersättigung und schließlich zur Abstumpfung der Öffentlichkeit gegenüber dem leidigen Stasi-Thema.

Doch jetzt könnte die Diskussion über den gesellschaftlichen Sinn der institutionalisierten Auswertung der schaurigen Hinterlassenschaft einer untergegangenen Diktatur neuen Auftrieb erhalten. Denn jetzt wird die Existenzberechtigung der Gauck-Behörde von völlig unerwarteter Seite, aus ungewohnter Perspektive in Frage gestellt. Die von Wolf Biermann öffentlichkeitswirksam unterstützte Attacke hat schon im Vorfeld ihrer Veröffentlichung für Aufsehen gesorgt. Die Gauck-Behörde, behauptet der Schriftsteller Jürgen Fuchs, ist eher ein Instrument staatlicher Behinderung der Aufdeckung von DDR-Verbrechen als die Speerspitze im Kampf gegen die Folgewirkungen der Diktatur, die sie seiner Überzeugung nach sein sollte. Ja, Fuchs suggeriert sogar, Gaucks Aktenverwaltungsimperium sei so etwas wie eine Nachfolgeorganisation der Stasi mit anderem Auftrag: Zwar geht es jetzt nicht mehr um die Verfolgung von Menschen. Doch die Verwaltung von Opferschicksalen werde mit einer ähnlich bürokratisch entmenschlichten Sprache betrieben, wie sie aus den Archiven des Überwachungsstaates bekannt sei: "VEB Horch und Gauck" lautet das maliziöse Wortspiel im Untertitel des mit Spannung erwarteten Buches von Jürgen Fuchs, das dieser Tage erscheint.

Was diese Abrechnungsschrift so brisant macht: Hier plaudert einer aus dem Innenleben der für gewöhnlich von der Öffentlichkeit gut abgeschirmten, legendenumwobenen Bundesbehörde. Seit 1991 war Jürgen Fuchs dort nämlich als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Sein Arbeitsfeld: die Analyse der "Zersetzungsmaßnahmen", mit denen die Staatssicherheit Oppositionelle demoralisieren, gegeneinander ausspielen und existentiell zerstören wollte.

Für Fuchs, der wegen seines Protestes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns Ende 1976 ein Dreivierteljahr in Stasi-Untersuchungshaft saß, um dann in den Westen abgeschoben zu werden, geriet die Konfrontation mit den Schriftzeugnissen des SED-Unterdrückungsapparats zur kaum erträglichen persönlichen Belastungsprobe. Selbst Betroffener der Repression - Fuchs stand auch in der Bundesrepublik noch unter intensiver IM-Überwachung -, muß er sich durch "operative Vorgänge" wühlen und sich in die Denkwelt seiner Peiniger hineinlesen. Dabei ist er gehalten, seine Einsichten möglichst emotionsfrei, mit wissenschaftlicher Genauigkeit festzuhalten und mit größter Vertraulichkeit zu behandeln. Da sitzt er nun, weitgehend isoliert, in seinem engen "Handtuchzimmer" im ehemaligen Stasi-Hauptquartier in der Berliner Normannenstraße, nahe der Magdalenenstraße ("Magdalena"!), wo er einst Verhören unterzogen wurde, eingeklemmt zwischen Aktendeckeln und quälenden Erinnerungen, zerrissen zwischen pflichtbewußtem Trotz und schleichender Resignation.

Fuchs' Buch handelt dann auch nicht nur von den Dokumenten, die er bei seiner Recherche gefunden hat, und von den dahinterliegenden Ereignissen und Biographien, sondern auch von seinen Erfahrungen mit den Strukturen und Zwängen, denen er sich bei seiner Forschungstätigkeit fügen mußte. Und es handelt vor allem von seinem eigenen Kampf ums Durchhalten in einer Vergangenheitsaufarbeitungs-Maschinerie, deren Funktionsprinzipien er von Anfang an innerlich ablehnt.

Vor allem mißtraut er den Ex-Offizieren des Staatssicherheitsdienstes, die sich der neuen Behörde als Berater zur Verfügung gestellt haben. Sind sie nicht Böcke, die man zu Gärtnern gemacht hat? Nutzen sie ihre Position etwa aus, um den Rechercheur, der doch vor kurzem noch ein von ihnen zu "zersetzender" Feind war, auf falsche Fährten zu locken? Versuchen sie nicht ständig, das Ausmaß ihrer Vergehen herunterzuspielen? So kooperationswillig sich diese wendebereiten "Fachleute" auch geben mögen: Eine innere "Knaststimme" warnt den Autor eindringlich davor, dem Friedensangebot auf den Leim zu gehen und sich von der falschen Harmonie einlullen zu lassen.

Aber auch die westdeutschen Wissenschaftler, namentlich die "Grüß-Gott-Historiker" aus dem Süddeutschen, die mit methodischer Akribie an der analytischen Einordnung der Vergangenheit arbeiten, sind dem Bürgerrechtler suspekt. Verstehen sie überhaupt, daß für die Opfer die Vergangenheit gar nicht vergangen ist? Balsamieren sie die Erinnerung nicht ein, wenn sie Schicksale in Karteikästen ablegen und nur bedacht sind, keine durch den Instanzenweg ungefilterten Informationen über die Täter an die Außenwelt dringen zu lassen, während die Opfer vor verschlossenen Türen stehen und ungeduldig auf Aufklärung der Umstände ihrer Ausspitzelung und Malträtierung warten? Beäugen nicht auch diese Geschichtsaufarbeitungsprofis den Eindringling mit Argwohn, den "Herrn Fuchs", den Berufsdissidenten mit seinem moralischen Fundamentalismus? Tolerieren sie ihn etwa nur als Alibivertreter der Bürgerkomitees, denen immerhin das Verdienst zukommt, die Aktenbestände in der Wendezeit vor der Vernichtung durch das untergehende Regime gerettet zu haben?