Und auch die Nummer eins im Amt, der Bundesbeauftragte Joachim Gauck, ist Jürgen Fuchs nicht recht geheuer. Zu sehr scheint er sich in seiner Rolle als oberster Aktenaufarbeiter zu gefallen. "Macht schmeckt mitunter", stichelt Fuchs. "Da steht man vor dem Spiegel und legt die Orden an. Und telefoniert oder läßt telefonieren: mit oder ohne, was sagt der Herr Staatssekretär, mit oder ohne beim nächsten Empfang. Ohne. Der Herr Staatssekretär lächelt. Der Herr Bundespräsident läßt grüßen." Gauck neigt zur Eitelkeit, trägt Seidenhemden und pflegt einen gravitätischen, mitunter öligen Charme. Und überhaupt: "Wie mutig war Gauck vor 1989?" Die Frage stellen heißt bei Jürgen Fuchs, sie schon beantwortet zu haben.

Nicht nur in der Behörde, auch überall sonst wittert er kompromißlerisches Ausweichen, Bagatellisierung des realen DDR-Systems, mangelndes Verständnis für den Anspruch der Leidtragenden, auch heute noch über ihr Schicksal sprechen zu wollen. Und Fuchs hat ja auch gute Gründe dafür, vehement auf der Erinnerung an die realsozialistischen Terrormethoden zu bestehen. Nicht nur, daß sich im Osten längst wieder DDR-Nostalgie breitmacht, gerade auch im Westen gefällt man sich in Nachsicht mit der "Zwangslage", in der sich prominente Kollaborateure mit dem Diktaturstaat befunden hätten. Schließlich, so lautet eine beliebte Floskel, könne man ja nicht wissen, wie man sich selbst in einer solchen Situation verhalten hätte. Und schon gar nicht will der Westen daran erinnert werden, wie sehr er sich in den siebziger und achtziger Jahren mit der DDR arrangiert hatte. Ostdissidenten galten auch damals schon als sauertöpfische Störenfriede, die das Ausmaß an Unrecht in der DDR gerne übertreiben - aus Paranoia oder um sich wichtig zu machen.

Ein scharfer kritischer Blick auf die Routine deutscher Verdrängungsrituale tut also durchaus not. Aber Jürgen Fuchs verdirbt sich sein Anliegen selbst, weil ihm der Sinn für Proportionen fehlt - moralische ebenso wie literarische. Öfters gelingt es ihm zwar, die Diskrepanz der Gauck-Behörde zwischen ethischem Anspruch und bürokratisierter Praxis eindringlich zu zeigen. Trefflich charakterisiert er etwa den Paternalismus westdeutscher Wissenschaftler und Politiker, die dem armen Dissidenten schulterklopfend zu verstehen geben, daß seine Sache bei ihnen jetzt in guten Händen sei. Aber er reflektiert nicht, daß sich in solchen Widersprüchen auch das unvermeidliche Dilemma eines Rechtsstaates ausdrückt. Eine Institution wie die Gauck-Behörde unterliegt juristischen Zwängen und Einschränkungen, muß widerstreitende Ansprüche und Interessen berücksichtigen und auf die Einhaltung von Regeln achten, die gleichermaßen für alle gelten. Einen privilegierten Sonderstatus für verdiente Dissidenten in der Verfügung über die Vergangenheit kann es nicht geben. Ein Rechtsstaat muß auch Sicherheitsvorkehrungen gegen die überschießenden guten Absichten selbst der Rechtschaffensten treffen.

Freilich, hinter Rechtsvorschriften läßt sich auch bequem Gleichgültigkeit für die Ansprüche der Opfer verbergen. Doch die von Fuchs unablässig angedeuteten Kontinuitäten zwischen dem Stasi-Apparat und dem der Gauck-Behörde sind schlicht Hirngespinste. Durch sprachkritisches Vergleichen von ungelenkem Bürokratendeutsch läßt sich diese Analogiebildung ebensowenig stützen wie durch psychologisierende Deutung von Gesten, Gesichtsausdrücken und Tonfällen. Auch daß es, wegen des charakteristischen Bohnerwachses, in den Räumen der Behörde nach der alten DDR riecht, ist kein Indiz dafür, daß sich nichts Grundlegendes geändert hätte.

Vor allem Kritik an der Semantik der Macht ist es, was Jürgen Fuchs in seinem Buch über weite Strecken zu leisten versucht. Dabei beruft er sich gerne auf Victor Klemperers Analyse der "Lingua Tertii Imperii". Aber damit tut er sich ebensowenig einen Gefallen wie mit dem immer wiederkehrenden Hinweis auf Primo Levi und dessen meisterhafte Erinnerungsbücher, in denen er von seiner Entmenschlichung als Auschwitz-Häftling erzählt. Auch wenn gewisse Grundmuster, mit denen totalitäre Systeme ihre Opfer zu brechen versuchen, identisch sind: Es bleibt eben ein großer Unterschied, ob man, wie Jürgen Fuchs, in der poststalinistischen DDR unter entwürdigenden Umständen gefangengehalten und psychisch terrorisiert wurde oder ob man, wie Primo Levi, als lebendiger Toter seiner sicheren Vernichtung entgegensehen mußte. Es wirkt deshalb aufdringlich und als Anmaßung, wie Fuchs Primo Levi vereinnahmt. Das schadet seiner Glaubwürdigkeit als Aufklärer. Wo er seine eigenen schlimmen Erfahrungen in den Fängen der Diktatur schildert, hat Fuchs Eindringliches mitzuteilen. Das unangemessene Herumreiten auf der Verwandtschaft dieser Erfahrungen mit denen der Opfer des Nationalsozialismus aber entwertet seine Aussagen, statt sie zu stützen.

Zu Recht beklagt Fuchs die Neigung weiter Teile der Öffentlichkeit, vergangenes Unrecht zu bagatellisieren und so schnell wie möglich zur "Normalität" überzugehen. Dem hält er entgegen, daß gerade der verständliche Wunsch, "es möge endlich vorbeisein", die Wahrscheinlichkeit erhöht, daß das Hinweggewünschte wiederkehrt. Es gelte, sich bewußtzumachen, daß das Schreckliche, ist es erst einmal geschehen, immer wieder geschehen kann.

Doch kann aus dieser Maxime folgen, daß man sich den Irrungen und Wirrungen, den Leichtfertigkeiten des real existierenden Lebens asketisch verweigern muß? Bei Jürgen Fuchs fühlt man sich unwillkürlich an den Manichäismus der Frankfurter Schule und seinen Leitsatz erinnert: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Solches Leidensethos schlägt bei Fuchs in provinzielle Zivilisationskritik und einen biederen Authentizitätskult um. Selbst bei Pino, dem "sympathischen Italiener", wo es immerhin Lasagne und Mineralwasser gibt, dreht sich alles nur um damals, damals, damals.