Im Oktober 1995 schrieb Marion Dönhoff an verschiedene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens diesen Brief. Sie forderte sie auf, bei der Gründung einer neuen Mittwochsgesellschaft mitzumachen. Die alte war nach dem 20. Juli 1944 zerschlagen worden.

Für jeden Menschen, der sich verantwortlich fühlt, ist es frustrierend mitanzusehen, wie die politische Situation sich kontinuierlich veschlechtert.

Wenn man darüber nachdenkt, warum es in unserer Gesellschaft so erschreckend viel Brutalität, Kriminalität und Korruption gibt, stellen sich zwei Fragen: Erstens: Welches Bild vom Menschen haben wir? Und zweitens: Welches politische und wirtschaftliche System bestimmt unser Leben?

Unser Menschenbild ist rein individualistisch. Selbsterfüllung ist der bestimmende Aspekt - Verantwortung für die Gemeinschaft, den Staat, die Gesellschaft ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Der Mensch wird als Homo oeconomicus aufgefaßt, der streng rational seinen Vorteil kalkuliert und seinen Nutzen maximiert.

Die Basis unseres Wirtschaftssystems ist die Marktwirtschaft. Sie beherrscht unser Denken. Ihr Wesen ist Dynamik, ihr Motor der Eigennutz. Als Wirtschaftssystem ist die Marktwirtschaft zweifellos unschlagbar, aber wenn sie kritiklos idealisiert wird, wenn keine ethischen Vorstellungen ihr Grenzen setzen, dann entartet das Ganze zum Catch-as-catch-can. Die Gefahr besteht, daß am Ende der Ruf nach dem starken Mann laut wird, der Ordnung und Gerechtigkeit schaffen soll.

Das wissenschaftlich-technische Zeitalter hat im Verein mit den Gesetzen des Kapitalismus die Leistung und den materiellen Erfolg ins Zentrum allen Handelns gerückt - dadurch sind allmählich Geist, Kultur, Kunst immer mehr an die Peripherie gedrängt worden aber reicht es, die Wirtschaft zur Basis und alleinigen Philosophie des Staates zu machen? Zu seiner ausschließlichen raison d'être? Auch den einzelnen kann es nicht befriedigen, daß alles Denken durch wirtschaftliche Erwägungen absorbiert wird. Der Mensch braucht schließlich einen Sinn im Leben.

Eine Gesellschaft ohne Spielregeln, ohne ethische Normen und moralische Maximen kann aber auf lange Sicht keinen Bestand haben. Groß ist heute das Bedürfnis nach Orientierung. Viel wird über dieses Problem nachgedacht, in Instituten, Akademien und bei Podiumsdiskussionen aber der ständige Wechsel der Bühne und der Beteiligten läßt keine nachhaltige Wirkung aufkommen.