Wer einen dreizehnjährigen Jungen erwürgt und seine Leiche zerstückelt, der kann kaum auf Verständnis hoffen. Aber je mehr Tage vergehen, ohne daß die Polizei den Mörder des Peiner Sonderschülers Markus Wachtel ermittelt, desto dringender wird jemand gebraucht, der den Täter versteht. Denn die Flut der Hinweise beginnt zu versiegen, und noch immer weiß man fast nichts über den Mann, den die Bild-Zeitung den "Säge-Mörder" nennt. Wie lebt er? Warum tötet er? Und: Wird er es wieder tun?

Der Experte, an den sich die Ermittler in Niedersachsen mit solchen Fragen zu wenden pflegen, lehrt Psychologie und Soziologie an der Bielefelder Polizeifachhochschule: Volker Ludwig, 33 Jahre alt, Experte für Täterprofile.

Ludwig hat den Fall der Uelzener Schülerin Yasmin Stieler untersucht, deren Körper im Herbst 1996 und im Frühjahr 1997 zerteilt an unterschiedlichen Stellen bei Peine und Hannover aufgetaucht war. Vor zwei Wochen inspizierte er den Fundort der Leiche Markus Wachtels und löste damit in den Medien allerlei Spekulationen über einen möglichen Zusammenhang beider Morde aus. Der Experte selbst ist in dieser Frage skeptisch; beim gegenwärtigen Ermittlungsstand lasse sich über den Fall Wachtel nichts sagen.

Der Profiler ist ein Mann mit ungeheuer beweglicher Mimik. Während er den fetten Kater auf seinem Schoß streichelt und eine Zigarette nach der anderen raucht, klingt vieles, was er sagt, als sei er dem Wahnsinn ein klein wenig näher als die meisten Menschen, was ja auch seine Aufgabe ist.

Das Berufsbild entstand in den achtziger Jahren in den USA: Als Experten für Täter sollten Profiler einspringen, wo die Experten für Taten nicht weiterkamen. Noch 1995, berichtet die Fachzeitschrift Kriminalistik, habe es "weniger als 20 Profiler weltweit" gegeben, deren Arbeit aber allgemein anerkannt sei. In Deutschland beschäftigt die Polizei erst seit wenigen Jahren Fachleute für Täterprofile; demnach muß es nicht an Ludwig liegen, der viermal bei den Ermittlungen zu Sexualverbrechen konsultiert wurde, daß er noch keinen Erfolg vorweisen kann. Er sei aber auch noch nie widerlegt worden, betont er: Kein Täter wurde je ermittelt, der seiner Beschreibung nicht entsprochen hätte.

Seine Arbeit, sagt Ludwig, sei eher eine Kunst als eine Wissenschaft. Als Profiler müsse er "mit anderen mitfühlen können - und zwar mit allen; mit dem Opfer genauso wie mit dem Täter".

Kann er mitfühlen mit einem Mann, der die Leiche seines Opfers zerstückelt? In einen echten Psychotiker könne sich niemand hineinversetzen, sagt Ludwig; aber in Yasmin Stielers Fall, davon ist er überzeugt, habe der Täter pragmatisch gehandelt. "Sie ist mit ihm in seine Wohnung gekommen, dann ist die Situation eskaliert, aus welchen Gründen auch immer. Anschließend hatte der Täter ein Problem, und das hat er bewältigt, auf seine Weise." Daß der Mörder die Leiche zerlegte, deute darauf hin, daß er einen ganzen Körper nicht habe transportieren können, ohne Verdacht zu erregen.