Alles Rumlümmler – Seite 1

Die neueste Sucht, die größte Verführung, ach!

Sabine tut es. Seit Februar schon. Andreas wird es tun. Ab April, sagt er, und mindestens bis Oktober werde er es tun, darauf könne man Gift nehmen!

Marlies will es auch tun. Was heißt hier tun? Die ganze Bande hört einfach auf zu arbeiten. Was sie wollen: faulenzen tun.

Sie habe einfach mal ein Jahr Urlaub genommen, zwitschert Sabine im Kreis ihrer fassungslosen Freunde. Tolle Nummer, wie sie den ob dieser Nachricht anschwellenden Hals ihrer Abteilungsleiterin imititert. Und Andreas? Ruft: Schluß mit dem 14-Stunden-Wichtigsein! Und nie mehr den Schreibtischbückling machen. Den Sommer 98 sieht er so: über sich Platanen, rechts ein petit rouge, im Kopf wilde Gedanken. Freischaffend? Ein Sklave sei er gewesen, jetzt nehme er jedenfalls keinen einzigen Auftrag mehr an.

"Mensch, Mayer", flötet Marlies per ISDN aus München, "stell dir mal vor: Es gibt Arbeit, und keiner geht hin!"

Haltloses, irres Gekicher aus der Telephonmuschel.

Alle verrückt geworden, oder wie? Wäre eine Erklärung. Einfach nicht mehr ausgehalten, den Streß, jeden Tag Meldungen vom Ende der Arbeitsgesellschaft, und selbst der alte Klassenfeind Nestlé baut nun ab, und, ja, auch hinter dir stehen Tausende (hungrig!), die es besser (billiger!) machen als du. Schrott, wer mit vierunddreißig nicht Chef ist. Widerlicher Anblick, alles über vierzig, unästhetisch irgendwie.

Alles Rumlümmler – Seite 2

Der Psychologe spricht von Realitätsverweigerungssyndrom. Der Mediziner vermutet eine Tröpfcheninfektion. Ein sich erst langsam, dann explosionsartig ausbreitendes Virus, vermutlich Inactivus spinalis, führt zu Encephalitis angloterrae, eben aus England, dort schon seit fünf Jahren beobachtet und natürlich totgeschwiegen, von diesen dämlichen Rindviechern. Brüssel mal wieder versagt.

Der Beweis liegt auf dem Tisch. Die Irren machen ihre eigene Zeitung, schon seit 1993. Symbol: eine fette Schnecke. Titel: The Idler, deutsch: Der Rumlümmler. "Für alle, die leben, um zu faulenzen".

Das Magazin ist eine siebzigseitige Anleitung zum Nichtstun. Wie gestalte ich die morgendlichen Stunden im Badezimmer? Solche wichtigen Fragen erläutert detailliert eine Photostrecke. Eine Blanko-Krankschreibung für den Arbeitgeber ist eingeheftet. Dazu eine Polemik gegen Energy Drinks, ein Held der neuen Bewegung erklärt: "Warum ich flotte junge Menschen hasse". Prima Stück übrigens.

Für die vielen langen Stunden der faulen Tage gibt es Spielchen. Geldhäufeln geht so: Alles verfügbare Kleingeld wird, Gesicht nach oben, aufgeschichtet, daraus werde dann, verspricht The Idler, "ein Zylinder der Ordnung in einer chaotischen Zeit". Wow. Es ist an alles gedacht. Sogar schon an die Zeiten, in der den lieben Rumlümmlern die Scheine ausgehen.