Querdenker: So nennt sich eine ganze Buchreihe, und ein Autor, der nicht an Tabus rührt und sich nicht auch an Schwierigstes heranwagt, darf sich dort kaum blicken lassen. So gesehen ist Adolf Holls "Biographie des Heiligen Geistes" schönste Querdenkerei. Es ist ein Querfeldeinrennen über die Haupt- und Nebenplätze, Vor- und Hinterhöfe der Christentumsgeschichte: von "Jeschua, des Zimmermanns Josef Sohn" und der Handvoll von Ekstatikern, die ihn nach seinem Tod "gesehen" haben wollen, zur Pfingstbewegung, die 1906 in Los Angeles unter Schwarzen ausbrach, zu den kleinasiatischen Prophetinnen des 4. Jahrhunderts, die "sich lieber von ihrer Geistin besitzen ließen als von einem Mann", zu den Katharern und Franziskus, Nietzsche, Rilke, Joyce, Swedenborg und immer wieder zu C. G. Jung.

Natürlich hat diese Sprunghaftigkeit Methode. Sie springt an gegen die Überzeugung, die Zeit der Inspiration, des Angehauchtwerdens vom Geist, sei vorüber, aller pfingstliche Geist mumifiziert in heiligen Schriften, Institutionen, und Hierarchien. Nein, meint Holl, des Geistes Unruhestiftung hat nie aufgehört Pfingsten sei nur eine besonders markante gewesen. Wo immer der Geist sich ausgieße, werde der Weltlauf für einen historischen Augenblick ausgehebelt - zugunsten einer Zeit eigener Art, worin alles Geschehen gleichwertig und gleichzeitig sei. Daher Holls hemmungsloses Springen kreuz und quer über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg. Es soll die Logik des Heiligen Geistes sinnfällig machen und kommt daher, als sei es von höchster Stelle inspiriert.

Es ergibt bizarre und funkensprühende Konstellationen, wenn Holl Sartre mit Origenes und Mohammed kurzschließt oder argwöhnt, "der Stifter des Christentums könnte ein Ekstatiker gewesen sein, wie irgendein Medium in Salvador da Bahia oder auf Haiti, wo bereits Kinder wissen, auf welche Weise die Welt zum Verschwinden gebracht werden kann". Solch ein Verfahren, das alles zusammenführt, was mit Inspiration zu tun hat, soll ketzerisch-subversiv sein. Aber es ist eben doch bloß ein Kurzschluß - übrigens nicht ohne Neigung zur Monotonie. Im ewigen Jetzt und Gleich des Heiligen Geistes erklingt immer nur dasselbe Lied: "So oft sie auch wiederholt wird, die Geschichte von Jesus und den Zwölfen dauert selten länger als zwei Jahre. Dann kommt die Ernüchterung, die Beruhigung, die Routine, die Ordnung - kurzum: die Kirche. Über ihrem Hauptportal schwebt die Taube, wie eine gefährliche Erinnerung." Jesus und Kirche stehen dabei nicht nur für sich, sondern für den Geschichtsverlauf insgesamt, worin Einbrüche der Inspiration und lange öde Rückfälle bis zum Jüngsten Tag abwechseln.

Also doch wieder bloß das gesetzmäßige Auf und Ab eines historischen Kontinuums? Dabei könnte eine Geschichte der Inspiration, der erfüllten Augenblicke oder dessen, was Benjamin "Jetztzeit" nannte, durchaus einen neuen historischen Durchblick geben. Aber nur unter bestimmten aufgeklärten Mindestvoraussetzungen. Und so sehr der vom Priesteramt suspendierte theologische Quertreiber Adolf Holl sich auch ketzerisch gebärdet, so keck-fromm (keck ist eins seiner Lieblingsworte) ist er, wenn es darum geht, wer denn in all den Inspirationen am Werk ist: Gott natürlich, wer sonst?

Über den wird zwar gewitzelt ("Tausend Jahre vergehen einem halbwegs bedeutenden Gott im Nu" "Der heilige Geist, auf dessen Frequenz Paulus eingestellt war, hatte offensichtlich mehrere Sendungen im Programm, nicht nur den pfingstlichen Zungenschlag" oder: "Bekanntlich pflegt Gott unangenehmen Fragen gern auszuweichen"), aber diese Witze gleichen denen Untergebener über den Chef. Und wenn klar ist, daß die "Primärgruppe" des Christentums "aufgescheucht von Gott" war, warum soll er nicht dort, wo auch Atheisten sich ergriffen fühlten, ebenso höchstselbst am Werk gewesen sein?

So werden auch epileptoid schäumende Medien aus Bahia und die Inspiration eines Nietzsche oder Joyce zu Schlenkern in der Biographie des Heiligen Geistes.

Kritik der Religion? Im Gegenteil: ihre postmoderne Enthemmung. Alles geht, alles ist Heiliger Geist. Die Unterscheidung von Hokuspokus, Rausch, Krankheit und Erkenntnis ist für Holl bereits Anzeichen von Routine, Buchhaltung, Verknöcherung und "Kirche". Sein Kronzeuge C. G. Jung würde sagen, es sei das oberflächliche Tun des bewußten Ich, während das Eigentliche, Konkrete tief im Unbewußten brummt, in den Archetypen, auch Gott genannt. Im Jungschen Originalton: "Insofern ich vom Zusammenprall mit einem höheren Willen in meinem psychischen System weiß, weiß ich um Gott." So ist Jung, der gemeinsame Nenner von Eugen Drewermann, Christa Mulack und Fritjof Capra, nun auch Spiritus rector einer Biographie des Heiligen Geistes. Lässig bis fahrlässig geschrieben, taugt sie vielleicht sogar zum Muster postmoderner Kirchengeschichtsschreibung. Es geschähe ihr recht. Besser könnte der Konformismus ihres subversiven Gestus kaum offenbar werden. 

Adolf Holl: Die linke Hand Gottes
Biographie des Heiligen Geistes, List Verlag, München 1997, 380 S., 44,- DM