Eine Stunde noch bis zur Aufführung. In der Magengegend flattern die Schmetterlinge. "Ich bin so aufgeregt", sagt Yvonne. "Das nächste Mal nehme ich Beruhigungstropfen." - Was macht eine erfahrene Regisseurin in diesem Moment, um ihre Darsteller abzulenken, ohne daß die Konzentration leidet? Sie spielt Theater. Das allerletzte Bild der Aufführung, die Verbeugung beim Applaus, läßt sie üben. Sie sollen spielen, alles sei schon überstanden.

Die Bühne bebt. Vierzig Füße trappeln. Familie Sternheim steht am Flügel und stimmt deutsches Liedgut an. Ein Bild aus der Szene vom letzten Abend daheim, am nächsten Tag geht es in die Festung, nach Theresienstadt. Als der Lichtkegel Vater, Mutter und die drei Kinder erfaßt, blicken sie erschrocken auf. Wie ertappt. Wie gefangen ...

Aus dem Saal dringt die Stimme der Regisseurin. Dominique Caillat, energisch, präzise und hartnäckig, ist nicht zufrieden. Ihre Zeigefinger hacken in die Luft: Attention! Zuwenig Ausdruck! Was ist mit dem Verfolger-Scheinwerfer?

"Das war nicht gut jetzt, hein? Das ist wirklisch langsam ganz schlecht.

Dunkel - und los! Ihr seid noch immer zu laut!"

Drei Stunden später: Applaus, Rosen für die Darsteller, mehr als 300 Zuschauer schieben sich aus dem Spiegelsaal von Burg Namedy bei Koblenz, eine ältere Frau summt noch "Mayn Jingele", das jiddische Lied.

Das Lampenfieber, der Aberglaube, der glückliche Moment, wenn der Vorhang fällt: So gesehen ist das "Theater in der Vorburg" eins wie alle anderen auch. Bis auf das Alter der 25 Darsteller sie sind zwischen 10 und 16 Jahre alt.