Heinrich Vogelers dicke, weiße Rosen sehen aus, als würden sie nicht mehr aufblühen, sondern, weich und welk, bei der ersten Berührung auseinanderfallen. Das Meißener "Toilettenservice einer jungen Frau" hat er 1905 für Martha entworfen: eine Schale für den Kamm, eine Dose für die Haarnadeln, mit denen sie den blonden Zopf aufsteckte. 1905 war kein gutes Jahr mehr für die beiden. Martha Vogeler hat ihr Rosenservice später mitgenommen, ins Haus im Schluh, und kann dort heute besichtigt werden.

Worpswede würdigt seinen Maler, Buchkünstler, Designer und Architekten. Das Haus im Schluh ist bis Mitte Mai zusammen mit dem Barkenhoff und der "Großen Kunstschau" Teil einer Jubiläumsausstellung über Heinrich Vogeler und den Jugendstil. Im Dezember war sein 125. Geburtstag, und lange ehe das Dorf im Teufelsmoor mit Modersohn-Becker zusammen genannt wurde, hatte Vogeler den Namen zu einem Markenzeichen erhoben. Was man um die Jahrhundertwende aus Worpswede begehrte, hatte weniger mit torfigem Expressionismus als mit weißen Gartenbänken, Märchenbildern und Blütenkränzen zu tun. Vogelers Kunst trug Rot und Gold, Pfauenblau, Birkengrün sie war - so wie er selbst - nicht ganz von dieser Welt.

Die Bauern fanden ihn irgendwie nett, den jungen Mann mit den weit auseinanderstehenden dunklen Augen, ein Elf, hohlbrüstig, sommersprossig, die Haare wie einen Helm geschnitten und in Klamotten, die ihre Großväter zum Stadtgang getragen hätten: taillierter Gehrock, Vatermörderkragen, dicke Krawatte und Zylinder - "unser König Heinrich", der sich in seinem "Wintermärchen"-Bild selbst als Weiser aus dem Morgenland portraitiert hatte, in Samtmütze und Holzpantinen unterwegs zum Christkindl stall in Worpswede.

Er war der Jüngste und in seiner Spleenigkeit der Entschlossenste der kleinen Künstlergruppe, die sich Ende der 1880er Jahre in dem einsamen Dorf in der Nähe von Bremen beim Kaufmann oder der Gendarmenwitwe eingemietet hatten - Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Hans am Ende - Akademieflüchtlinge, die das satte Braun, die schwarzen Wasserspiegel und das wilde Wolkengebräu ins Moor gezogen hatten. Vom Erbe seines Vaters, eines Bremer Eisenwarenhändlers, kaufte Vogeler eine zusammenbrechende Kate, die er zu einem gediegenen Anwesen hinter einer weißen Biedermeierfassade ausbaute, den Barkenhoff, seine Insel im ordinären Toben der Welt, auf der alles dem Gesetz seines (guten) Geschmacks unterworfen war. Das Leben, ein Kunstmärchen der Alltag, ein ästhetisches Ereignis.

Er entwarf die Vorhänge, Tapeten, Möbel, Gläser und Bestecke. Jeder Stuhl stand an dem für ihn gedachten Platz. Jeder Rosenstock im Garten kannte den Meister. Auf dem Barkenhoff eingesponnen, malte er, radierte, zeichnete, dichtete, "duselte" und träumte: "Es wird einmal sein ..." Aber es kam leider ganz anders. Der Jugendstil, der am Ende des 19. Jahrhunderts den muffigen Historismus verdrängt hatte, wurde in wenigen Jahren selbst von seinem phantastischen Geschlinge überwuchert. Vogeler kam aus der Mode.

Allerdings nicht in Worpswede. Das 5000-Seelen-Weltdorf hat sich nie von seiner Künstlerkolonie-Vergangenheit erholt. Ein Drittel der Einwohner sind heute Kunstschaffende und Kunstvermarkter, ein Drittel Bauern und ein Drittel Bremer Pendler. Dem entsprechen ein wenig idyllisches Verkehrsaufkommen und eine relative Überversorgung mit Galerien und Cafés. Der Ort verfranst sich zwischen Weyerberg und Heide. Hinter Messingschildern mit englischer Schreibschrift wohnen reiche Leute und bissige Hunde. Die Mischung bedeutet aber auch, daß es in Worpswede einfach hübscher ist als in Dörfern, wo Betonkurs gefahren wird. Man weiß zu würdigen, daß alte Bäume in den Himmel wachsen und alte Häuser ihren Preis haben. Gerade wird das Rathaus, das vom Blitz getroffen worden war, wieder aufgebaut - in rotem Backstein, unter einer Kappe akkurat geschorenen Reets.

Der stillgelegte Bahnhof sieht so schmuck aus, wie Heinrich Vogeler ihn 1910 geplant hat. Schöner warten auf das Essen. Aus den Sälen erster und zweiter Klasse wurde ein Restaurant, primelgelb und moosgrün tapeziert aus dem Raum der dritten Klasse eine Kneipe. Ein Feuer brennt im Kamin. Man sitzt auf Bänken von Vogeler die Maultasche mundet, eine rote Katze ist hier Stammgast.