Die Beleidigung des britischen Luxuswagenherstellers Rolls-Royce kam wohl kalkuliert - und aus berufenem Munde. Wenn BMW die nobelste Automarke der Welt übernähme, "dann würden wir aus Rolls-Royce wieder das machen, was es einmal über lange Zeit war: eine wirklich feine Firma". So despektierlich sprach kürzlich auf dem Genfer Automobilsalon Wolfgang Reitzle, bei BMW im Vorstand zuständig für neue Modelle und den gesamten Vertrieb. Der Technik-Gourmet schlug öffentlich vor, "der Firma Rolls-Royce wieder die Position dauerhaft zu sichern, die sie einmal hatte, die sie heute vom Ruf her auch noch weitgehend hat, aber von der Produktsubstanz her nicht überall untermauern kann". Die Absicht war klar: Reitzle wollte den Preis für das legendäre Unternehmen drücken, das seit Herbst vergangenen Jahres zum Verkauf stand.

Die königlichen Karossen, in denen sich Potentaten, Show-Stars und englischer Landadel gleichermaßen wohl fühlen, haben nach Reitzles Urteil beträchtlichen technischen Nachholbedarf, "denn heute ist ein Rolls-Royce kaum leiser, qualitativ nicht hochwertiger, nicht zuverlässiger, und er fährt auch nicht besser als ein modernes Spitzenprodukt" - beispielsweise ein 7er BMW oder eine Mercedes-S-Klasse. Ein Rolls-Royce oder Bentley - die sportliche Schwestermarke - ist nur teurer.

Monatelang hatte auch BMW-Chef Bernd Pischetsrieder die stereotype Antwort zu Protokoll gegeben: "Wir zahlen nicht jeden Preis für Rolls-Royce." Doch als in der vergangenen Woche die Stunde der Wahrheit schlug, griff er mit Zustimmung seines Aufsichtsratsvorsitzenden und jahrzehntelangen BMW-Strategen Eberhard von Kuenheim viel tiefer in die Tasche als ursprünglich geplant, um an das Objekt der Begierde zu kommen: Eine runde Milliarde Mark bot er dem englischen Rüstungskonzern Vickers, dem Eigentümer von Rolls-Royce - und erhielt von diesem schon am Montag dieser Woche den Zuschlag.

Damit wären die letzten intakten Nobelautomarken dieser Welt vergeben, und die Bayerischen Motoren-Werke (BMW), die 1994 bereits die einzig verbliebenen Massenhersteller des Königreichs, Rover und Land Rover, übernommen hatten, könnten sich nun auch British Motor Works nennen - wenn Ferdinand Piëch nicht wäre. Der Chef des Volkswagenkonzerns, zu dem schon Audi, Seat und Skoda gehören, ist nämlich ebenfalls seit längerem scharf auf die beiden Luxusmarken und will sich dem Votum der Vickers-Manager zugunsten von BMW nicht kampflos beugen.

Piëch hatte in der vergangenen Woche ebenfalls ein Angebot für Rolls-Royce abgegeben und nach eigenen Andeutungen noch mehr Geld offeriert als BMW. Seine Chance: Nicht die Manager von Vickers, sondern nur allein Aktionäre können auf einer geplanten Versammlung im Mai endgültig über den Verkauf von Rolls-Royce entscheiden - und die sind der einfachen Logik "Mehr Geld besserer Käufer" womöglich gar nicht so abgeneigt.

Dennoch hat BMW-Chef Pischetsrieder wohl die stärkeren Trümpfe in der Hand und kann sich dafür auch bei seinem Vorgänger und Aufsichtsratschef von Kuenheim bedanken. Der hatte nämlich bereits 1990 den Grundstein für exzellente Verbindungen ins Königreich gelegt und mit dem Triebwerkshersteller Rolls-Royce Plc., der den berühmten Namen mit der noblen Autoschmiede in Crewe gemeinsam trägt, aber ansonsten völlig unabhängig ist, eine enge Kooperation begonnen. Angenehmes Nebenprodukt: Der Triebwerkspartner verfügt auch über die Namensrechte im Autogeschäft und hat bereits vor Monaten klargestellt, daß er im Falle einer Übernahme der Traditionsfabrik in Crewe durch ein ausländisches Unternehmen nur bei BMW darauf verzichten würde, über eine Lizenz neu zu verhandeln.

Diese BMW-Connection war schon einmal hilfreich. Als 1994 Rolls-Royce einen Lieferanten für neue Motoren suchte, waren sich die Briten schnell mit dem damaligen Mercedes-Vorstandsvorsitzenden Helmut Werner einig. Doch Pischetsrieder konnte den lukrativen Deal in letzter Minute verhindern und sich mit dem diskreten Hinweis auf seine indirekten Markenrechte selbst empfehlen. Seither steht fest, daß die neuen Modelle von Rolls-Royce (Silver Seraph) und Bentley (Arnage), welche in diesen Monaten zu den Kunden rollen, mit 12- und 8-Zylinder-Motoren von BMW bestückt sind. Ein Wechsel auf Aggregate anderer Hersteller ist nicht von heute auf morgen möglich, aber so meint jedenfalls VW-Chef Piëch - auf übermorgen. Andererseits hat sich BMW das Recht ausbedungen, die Motorenversorgung relativ rasch zu stoppen, wenn die Eigentumsverhältnisse in Crewe sich ändern.