"Some of these days you'll miss me, honey"

Amerikanischer Schlagervers

Im sogenannten deutschsprachigen Raum ist Karl Heinz Bohrer derzeit der wichtigste Denker des Ästhetischen; es liegt in der Natur solcher Behauptungen, daß man sie gleich einschränken muß: Das Ästhetische ist nämlich in Bohrers Fall das Literarische samt all dem Ideologischen und Philosophischen, das mit (modernen) Positionen der Literatur daherkommt.

Die anderen Künste bleiben im Hintergrund, aber man darf annehmen, daß Bohrers Ästhetik nicht allein über Literatur etwas zu sagen hat. In dem Essay "Erwartungsangst und Erscheinungsschrecken" interpretiert er eines der zentralen Motive seiner Ästhetik anhand eines Bildes: "Nehmen wir als Beispiel des ästhetischen Schreckens in seiner doppelten Bewandtnis von Schrecken und Erschrecken Caravaggios Bild ,Medusa'."

Was heißt "der wichtigste Denker des Ästhetischen"? Mir leuchtet diese fragwürdige Formulierung deshalb ein, weil Bohrers Schriften in meinen Augen vielerlei, sonst weit Auseinanderliegendes miteinander verbinden: Zunächst sind sie Schriften eines überaus fachkundigen Gelehrten, eines Kenners. Caravaggios ,Medusa' ist auf dem Umschlag von Bohrers großer Studie "Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk" passend abgebildet. In dem Werk habe ich mit Vergnügen, das der Autor gewiß nur als Nebenwirkung seiner sonst so schweren Substanzen bereitet, über Thomas Griffith Wainewright (1794-1852) gelesen.

Wainewright war Schriftsteller, obendrein Kenner und Sammler von Kunstgegenständen, vor allem aber war er ein vielfacher Giftmörder und also sehr geeignet, die subversive - Ernst Jünger gefallende - Rolle des Dandys dort zu verkörpern, "wo ihr Ausschlag von der moralischen Norm am heftigsten ist, nämlich in der fiktiven wie realen Affinität zum Verbrechen".

Zur wahren Kennerschaft gehört, daß sie von ihrem Gegenstand nicht bloß die Daten vorzählen kann. Hegel, der - wegen seiner Inhaltsästhetik und der daraus resultierenden Kritik an der Romantik - einer der erlesensten Gegner Bohrers ist, hat in seiner "Ästhetik" Glanz und Elend der Kunstkennerschaft ausgewogen definiert: "Indem nun zwar solche Gelehrsamkeit als etwas Wesentliches zu gelten berechtigt ist, darf sie jedoch nicht für das Einzige und Höchste gehalten werden, welches sich der Geist zu einem Kunstwerke und zur Kunst überhaupt gibt. Denn die Kennerschaft, und dies ist sodann ihre mangelhafte Seite, kann bei der Kenntnis bloß äußerlicher Seiten, des Technischen, Historischen usf. stehenbleiben und von der wahrhaften Natur des Kunstwerks etwa nicht viel ahnen oder gar nichts wissen."