Den Haag

Dia Nummer drei zeigt einen blanken Schädel, der aus dem Erdreich ragt, die Augenhöhlen schräg nach oben gerichtet. In der linken Seite klafft ein schwarzes Loch. "So sieht es aus, wenn eine Kugel einen Schädel verläßt", sagt Clyde Snow mit der Nüchternheit eines Mannes, der mehr als 3000 Leichen exhumiert hat.

Der Anthropologe aus Texas ist als Zeuge vor das Jugoslawien-Tribunal in Den Haag geladen. Er hat Bilder vom Massengrab Ovcara mitgebracht, das er 1993 in der Nähe von Vukovar entdeckte. Im Prozeß vor der zweiten Kammer geht es um das schlimmste bekanntgewordene Massaker aus der ersten Phase des jugoslawischen Krieges.

Auf der Anklagebank sitzt der Serbe Slavko Dokmanovic, ehemaliger Bürgermeister der Stadt Vukovar. Er soll für die Hinrichtung von 198 Männern und zwei Frauen am 20. November 1991 mitverantwortlich sein. Die Anklage wirft dem 49jährigen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verletzung der Genfer Konventionen und Bruch der Kriegsrechtsregeln vor. Die Opfer, zumeist Kroaten und viele von ihnen verwundet, wurden in einer anscheinend geplanten Aktion aus dem Krankenhaus der Stadt verschleppt, mißhandelt und später exekutiert.

Dokmanovic ist einer von 24 Angeklagten, die in Den Haag hinter Gittern sitzen. "Unsere Zellen sind voll", sagt Louise Arbour, Chefanklägerin des Tribunals. "Die Zeiten, als die Richter hier herumsaßen und auf die Angeklagten warteten, sind endgültig vorbei." Noch vor einem Jahr warnte Arbour vor einem "schleichenden Tod" des Tribunals. Jetzt sind fünf Prozesse im Gang, zwei Urteile schon gefällt: zwanzig Jahre Haft für den Serben Dusan Tadic, der noch auf seine Berufung wartet. Fünf Jahre Gefängnis für den geständigen Kroaten Drazen Erdemovic, bei dem die Richter mildernde Umstände gelten ließen. Inzwischen befassen sich die beiden Kammern mit dreizehn Fällen. Deshalb reiste die Präsidentin des Gerichts, Gabrielle Kirk McDonald, im Februar nach New York, um vier neue Richterstellen zu beantragen.

Vor fünf Jahren stampfte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit seiner Resolution 827 das Tribunal aus dem Nichts. Es erhielt das Mandat, "schwere Verletzungen des humanitären Völkerrechts" auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien zu ahnden. Doch es brauchte lange, um in Gang zu kommen. Als die Richter ihren Eid ablegten, mußten sie sich die Roben von ihren holländischen Kollegen ausleihen. Auch Angeklagte ließen lange auf sich warten. Anfang 1996 war Dusan Tadic immer noch der einzige Inhaftiere. Zu schleppenden Verfahren kamen Pannen bei der Beweiserhebung, die an der Glaubwürdigkeit des Tribunals kratzten. So entpuppten sich Aussagen des Belastungszeugen Dragan Opacic gegen Tadic als erlogen.

Geheime Anklagen brachten den Durchbruch