Dreißigster Dezember 1997: Die bärtigen Männer waren mit Säbeln, Spaten und Spitzhacken bewaffnet. Ihre Anführer verständigten sich mit Funkgeräten. Die ganze Nacht über währte das Blutbad. Am nächsten Morgen lagen auf den Straßen Menschenleiber mit aufgeschlitzten Hälsen, abgeschlagene Köpfe, abgeschnittene Brüste. 412 Bewohner eines Dorfes in Westalgerien fielen dem Massaker zum Opfer.

22. Dezember 1997: Die Flüchtlinge in Chenalho, einem Dorf der mexikanischen Provinz Chiapas, feierten gerade die Messe, als die Lastwagen vorfuhren. Sofort umzingelten die Männer das Lager und schossen in die Menge. Einige metzelten mit Buschmessern Frauen und Kinder nieder. Wer sich in den nahen Höhlen versteckt hatte, wurde aufgespürt und getötet. Am Ende waren 45 Flüchtlinge tot, 34 verletzt. Das Blutbad war in einer Versammlung vorbereitet worden. Eigenhändig hatte der Gemeindepräsident von Chenalho den Männern der Schwadron die Waffen übergeben.

13. Juli 1995: Die serbischen Bewacher der Lagerhalle von Bratunac, unweit von Srebrenica, hatten es vor allem auf die jüngeren Muslime abgesehen. Einzeln holten sie sie vor das Tor, trieben sie durch ein Spalier und knüppelten sie mit Brechstangen nieder. Einer hatte sich darauf spezialisiert, den Gefangenen die Axt in den Rücken zu schlagen, ein anderer schnitt ihnen mit dem Messer die Kehle durch. Am Abend waren von den rund 400 Männern noch 296 am Leben. Sie wurden in der Nacht zum Exekutionsplatz geführt.

Es gibt Formen menschlicher Bestialität, die jenseits des historisch Üblichen zu liegen scheinen. Die Greueltaten lösen Ratlosigkeit aus, Beklemmung, Abscheu, Entsetzen vielleicht. Obwohl die Grenzen der Vorstellungskraft weit gesteckt sind, entziehen sie sich dem Sinnverständnis. Gewiß sind Massaker und Grausamkeiten in der Geschichte, zumal der Deutschen, keine Seltenheit. Im Schwarzbuch dieses Jahrhunderts sind unzählige verzeichnet. Manche Namen haben sich dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt. Aber zumeist ziehen es die Menschen vor, auf die Zeit des Vergessens zu setzen, um sich ihre Illusionen bewahren zu können.

An Erläuterungen mangelt es nicht. Religiöser oder nationaler Fanatismus wird angeführt, die Triebkraft rassistischer Ideologien, ethnische Gegensätze, Armut, Ausbeutung, kulturelle Traditionen der Gewalt, die Brutalisierung infolge eines Krieges oder Bürgerkriegs, eine politische Tyrannis oder der Zerfall eines Zentralstaats, männliche Aggressionsgelüste oder sadistische Neigungen, und wenn all diese Deutungsversuche versagen: die angeblich unwandelbare Natur des Homo sapiens.

Derartige Faktoren haben Bedeutung, aber über die Taten, ihre Methoden und ihren Verlauf besagen sie kaum etwas. Je höher die Erklärung ansetzt, desto kleiner erscheinen die beunruhigenden Tatsachen. Der Blick hinter die Grenze bleibt verstellt. Denn sosehr sich die historischen Umstände und politischen Konstellationen unterscheiden mögen, Massaker, wo immer sie stattfinden, ähneln einander in auffälliger Weise. Es ist, als regiere hier ein eigenes Gesetz, das Gesetz des Exzesses.

Ein Gebäude wird umstellt, ein Wohnviertel oder Dorf abgesperrt, es gibt kein Entkommen. So beginnen viele Massaker. Noch ehe die Einwohner begreifen können, was vor sich geht, sind die Auswege blockiert, sind sie von fremder Hilfe abgeschnitten. Durch diese Barriere ist bereits alles entschieden. Die Eingeschlossenen sitzen in einer tödlichen Falle, die Schlächter haben freie Hand - und genügend Zeit.

Nach dem ersten Angriff haben sie es keineswegs eilig. Während Attentäter die Zeitwaffe der Plötzlichkeit nutzen und sofort wieder verschwinden, um ihr Risiko zu verringern, verfügen die Schlächter souverän über die Zeit der Grausamkeit. Das Gemetzel will ausgekostet, in die Länge gezogen werden. Nichts wäre einfacher, als die Opfer kurzerhand zu töten. Doch diese Zerstörungslust wäre nur kurzlebig.

Ist eine größere Zahl von Menschen zu töten, verstetigen Mörder die Gewaltzeit, um die Blutarbeit hinter sich zu bringen. Massenexekutionen, wie sie von SS-, Polizei- und Wehrmachtsverbänden während des Zweiten Weltkriegs in Polen, Serbien, Italien und der Sowjetunion praktiziert wurden, weisen oftmals diese Stetigkeit auf. Häscher trieben die Opfer vor die Erschießungsgruben, wo die Pelotons arbeiteten wie soziale Maschinen des Massenmords: gleichmäßig, gleichmütig mitunter. Menschenschlächter hingegen wechseln häufig das Tempo. Sie durchkämmen das Gebiet, zerren einzelne heraus, weiden sich an der Todesangst der Wartenden. Im Bewußtsein vollkommener Überlegenheit legen sie Pausen ein, stopfen sich, falls es etwas zu erbeuten gibt, die Taschen voll, greifen sich den nächsten, treiben ihn vor sich her wie bei einer Hetzjagd, packen ihn erneut und schlachten ihn ab.

Der Sinn des Exzesses ist die Tat selbst, das Blutfest

Jenseits der Grenze gilt nicht das Kalkül der Nützlichkeit, auch nicht die Ökonomie des Tötens. Die Mordbetriebe der Nationalsozialisten arbeiteten weitgehend im Rahmen moderner Effektivität und Rationalität. Im Gemetzel aber ist das Gesetz der Handlungsökonomie aufgehoben. Weniger auf das Ergebnis kommt es hier an als auf das eigene Tun. Mit ihren destruktiven Mitteln brauchen die Täter nicht hauszuhalten. So lange schlägt der Mörder mit der Machete zu, bis die Schneide stumpf ist. Der Schütze verpulvert Magazin um Magazin. Der Kugelhagel soll den fremden Körper durchsieben. Denn der Sinn des Exzesses ist nicht Sieg oder politischer Terror, sondern die Tat selbst, das Blutfest.

Nicht selten suchen Täter die Nähe zum Opfer. Es ist ein Irrglaube, menschliche Bestialitäten bedürften der sozialen Distanz, der Depersonalisierung und Dehumanisierung des anderen. Als könnten Menschen nur Lebewesen zugrunde richten, welche sie nicht als ihre Artgenossen ansehen. In Algerien erkannten Überlebende vielerorts ehemalige Nachbarn unter den Mördern, Freunde, manchmal sogar eigene Verwandte. Bei den "ethnischen Säuberungen" im früheren Jugoslawien wüteten viele Mordbrenner besonders grausam gegen Nachbarn oder Arbeitskollegen aus der Ortschaft. Nicht die Anonymität, die Nähe fordert zu den ärgsten Untaten heraus. Fern davon, die Hemmschwelle zum Übergriff zu erhöhen, steigert sie die Leidenschaften der Gewalt.

Jede Tätergruppe benutzt die Waffen, die ihr vertraut und gerade zur Hand sind. Die Geheimpolizei tötet per Genickschuß, die Milizen in Mexiko und Ruanda bevorzugen die Machete, die serbischen und algerischen Schlächter abgesägte Flinten, Eisenstangen, Beile, Äxte, Dolche und Fleischmesser. Es sind dies die Werkzeuge der blutigen Handarbeit auf kurze Entfernung. Nicht auf spurenlose Eliminierung ist die Metzelei aus, sondern auf die Entstellung und Verstümmelung des menschlichen Körpers. Sofern der Praxis des Gemetzels überhaupt ein religiöser Sinn zukommt, so ist es nicht irgendeine "fundamentalistische" Wahnidee, sondern die Wiederkehr des archaischen Blutrituals: des Menschenopfers, das die Mördergruppe ihrem Götzen, vor allem aber sich selbst darbringt.

Mit dem raschen Töten begnügen sich die Täter nicht. Sie martern das Opfer, und indem sie den Leichnam bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln, töten sie die Person ein zweites Mal. Zugleich aber verschafft ihnen die Tat eine seltene Befriedigung. Der Schlächter watet im Blut, spürt in der eigenen Hand, was er tut. Im Zerschneiden und Zerstückeln ist ihm seine Tötungsmacht handgreiflich. Die Hand spürt die Kraft des Zerstörens. Indem er dem Opfer ins Fleisch dringt, gewinnt sein Triumph leibhaftige Evidenz.

Wir wissen letztlich nicht, was in den Mördern im Augenblick der Tat vor sich geht. Dennoch gibt ihr Verhalten Anlaß zu begründeten Diagnosen. Anders als eine reihenweise Massenerschießung stimuliert das Gemetzel die Täter. Sie sind wie elektrisiert. Ihre Blutgier muß keinen Feindbildern entspringen. Rache, Haß oder Wut sind keine notwendigen Bedingungen für das Schlachtfest. Es ist vielmehr die Aktion selbst, die sie packt und vorantreibt, das Erlebnis eigener Kraft, die Enthemmung, die Überschreitung der Grenze, hinter der sie aller Tabus, aller Schuld- und Schamangst ledig sind. Diese Selbstentgrenzung ist mit tobsüchtiger Raserei keinesfalls zu verwechseln. Der Mörder schlägt nicht um sich, gerät nicht in den blinden Furor des Kämpfens. Unmenschlichkeit bedarf keiner übermenschlichen Kräfte. Es ist vielmehr die wilde Freude über sich selbst, die ihn zu immer gräßlicheren Taten anspornt, die Euphorie, von allen Gedanken und Bedenken befreit zu sein. Ist die Schranke übersprungen, ist alles erlaubt. Das alte Verbot ist aufgehoben. Daher das Gelächter der Grausamkeit, der Hohn für die Opfer, das Grinsen über die eigene Freiheit.

Welche Umstände begünstigen die Entfesselung kollektiver Grausamkeit? Sind es fanatische Überzeugungen, kriminelle Karrieren, Sadismus und unbändige Rache? Solche Vermutungen ignorieren, wie niedrig die Hemmschwelle tatsächlich liegt. Der Exzeßtäter wird zum Exzeßtäter in der Situation selbst. Die Praxis der Grausamkeit erzeugt selbst den Willen zu weiterer Grausamkeit, bis diese schließlich selbst zum Motiv wird. Am Anfang jedoch genügt eine günstige Gelegenheit, damit er tut, was er darf.

Von Dritten haben die Schlächter nichts zu befürchten. In Chenalho schaute die Polizei zu. In Algerien fanden manche Gemetzel in der Nähe von Armeeposten statt, ohne daß das Militär Alarm geschlagen hätte oder gar eingeschritten wäre. Von den verschreckten Nachbarn, die diesmal nicht auf der Tötungsliste standen, war ohnehin keine Gegenwehr zu erwarten. Die Passivität der Zuschauer ermuntert die Mörder, sei es aus Feigheit oder Ohnmacht, aus duldsamer Komplizenschaft, politischer Berechnung oder kulturrelativistisch verbrämter Gleichgültigkeit.

Die Mörder hetzen sich gegenseitig zum Töten auf

Durchbrochen wird die Grenze oft durch Aufträge und Befehle. Denn der Befehl ist keineswegs bloßer Zwang, er ist zugleich eine Erlaubnis, eine Vollmacht, ein Freibrief. Man sage nicht, die Mörder folgten der Anweisung nur widerwillig. Der Befehl wirkt als Anstoß zur ersten Tat, er durchstößt das Gewalt- und Tötungstabu. Ist aber die Grenze überschritten, bekräftigen weitere Befehle nur die einmal erteilte Lizenz. Es reicht ein Fingerzeig, um das nächste Opfer zu markieren. Bevor die Kommandos in Algerien dazu übergingen, ganze Dörfer zu verwüsten, wählten sie einzelne Gebäude aus, in denen sich die Sippe eines vermeintlichen Gottesleugners, Verräters oder Rivalen gerade aufhielt. Die Nachricht der Kundschafter wies den Mördern und Plünderern den Weg. Für summarische Vernichtungsaktionen jedoch sind nicht einmal solche Hinweise erforderlich. Ist die Parole ausgegeben, weiß jeder, daß alles erlaubt ist.

Forciert wird die Grausamkeit schließlich durch den Zusammenhalt der Gruppe. Massaker sind stets Gewaltexzesse im Kollektiv. Die Mörder hetzen sich wechselseitig auf. Sie führen einander vor, was ihnen einfällt, zeigen stolz ihre Trophäen herum. Falls ein Neuling zögert, wird er von den anderen vorangetrieben: ein aufmunterndes Schulterklopfen, ein scherzhafter Rippenstoß, ein Auftrag, den er nicht ablehnen kann. Wer nicht verspottet oder des Verrats bezichtigt werden will, der hat mitzuschlachten, mitzuschießen, mitzulachen. Die Gewalt gilt als Beweis der Zugehörigkeit. Vielfach sind es eher die Ängstlichen und Gehemmten, die um keinen Preis zurückstehen wollen und sich während des ersten Gemetzels besonders hervortun.

Das Blutbad schafft eine neue soziale Gemeinschaft. Gleichviel, ob die Täter einer Armee oder Miliz, einer Terrorbande oder Sekte angehören, hinter der Grenze festigt sich ihr Zusammenhalt. Die Solidarität der Schlächter beruht nicht auf dem Prinzip des Helfens und Teilens, sondern auf der Erfahrung gemeinsamen Quälens und Tötens. Die Blutschuld verteilt sich auf alle Schultern, so daß keiner sie mehr zu spüren bekommt. Der Exzeß verwirklicht eine der ältesten Formen menschlicher Communitas: das Töten zu gemeinsamer Hand. Sein Fanal aber ist das Feuer, diese gefräßige, alles verheerende Macht, in dessen Widerschein sich die Mördergemeinschaft selbst anbetet. In der Nacht zum 5. Januar 1998 fiel ein Kommando über das algerische Bergdorf Had Chekala her. Nachdem die Täter, wie gewohnt, viele Bewohner mit Äxten und Messern niedergemetzelt hatten, setzten sie das Dorf in Brand. Mehr als hundert Menschen verbrannten in den Häusern, nicht wenige bei lebendigem Leib.

Die Einsicht, daß die Verwandlung von Menschen in Massenmörder nur geringe Überwindung kostet, kommt wenig gelegen. Sie widerspricht trügerischen Hoffnungen und selbstgefälligen Überzeugungen. Deutsche Zuschauer, obwohl zur Zeit Einwohner eines industrialisierten Landes mit rechtsstaatlicher Verfassung, haben am wenigsten Grund, die Mordbrenner, die nur ein paar Flugstunden entfernt ihr Unwesen treiben, für eine fremdartige, gar atavistische Spezies zu halten. Lediglich zwei Generationen ist es her, daß deutsche Schlächter und ihre Helfershelfer in Ost- und Südeuropa einmarschierten und Massaker verübten, in der Uniform des Staates, ausgerüstet mit Gewehren, Handgranaten, Sprengladungen, Hanfstricken und Messern.

Wolfgang Sofsky ist Autor des Buches "Traktat über die Gewalt", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1996, 240 S., 34,- DM