Medina, 15 Uhr, wolkenlos. Die Moschee im gleißenden Licht eines Märznachmittags. Dann wird es plötzlich dunkel. New York, 11.20 Uhr, das Paramount-Gebäude matt glänzend unterm Regenhimmel. Wir würden es aber gern bei Sonnenschein sehen. Eine Minute später liegt es im Licht eines Frühsommertags von Midtown Manhattan, und noch immer ist es 11.20 Uhr vormittags. Eine weitere Minute vergeht: Berlin, 16.37 Uhr, an einem Tag im Mai, der noch in der Zukunft liegt. Nur das Licht dieses fernen Nachmittages ist schon gegenwärtig und beleuchtet vor unseren Augen den Plenarsaal des neuen Bundestagsgebäudes. So also könnte es dort aussehen.

Dann schaltet Christian Bartenbach den Strom ab. Die Sonne erlischt, und es ist wieder Aldrans kurz nach 17 Uhr, an einem Wintertag. Also dunkel, wie wir wissen, aber nicht sehen können, denn wir befinden uns in einem fensterlosen Kellerraum. Über uns eine Kuppel von sechs Meter Durchmesser mit einem großen Parallelstrahler, der eben noch die Sonne war, umgeben von fünfhundert computergesteuerten Halogenscheinwerfern. Vor uns im Halbdunkel, in der normalen elektrischen Beleuchtung, steht auf einem Tisch der zum Bundestag umgebaute Berliner Reichstag - im Maßstab von 1 : 20 verkleinert. Gleich daneben erhebt sich das Paramount-Gebäude am Broadway samt der Subway-Station gegenüber. Und selbst bis zur Moschee von Medina sind es nur ein paar Schritte.

Am künstlichen Himmel dieses Kellers im Bergdorf Aldrans bei Innsbruck kann Christian Bartenbach das Tageslicht an jedem beliebigen Punkt der Erde, zu jeder Stunde, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit erzeugen. Weil Sonnenstand und Erdachse Konstanten der Ewigkeit sind, braucht er bloß einen Computer mit den Daten von Längen- und Breitengrad, Uhrzeit sowie den meteorologischen und atmosphärischen Gegebenheiten des Augenblicks zu füttern - und könnte jedes zu einem Modell verkleinerte Eigenheim unter dem tropischen Licht auf Sumatra betrachten. Gäbe der Licht-Tüftler auch noch die Lage der Außenmauern zur Himmelsrichtung an und den Winkel der Fensteröffnungen zur Umlaufbahn der Sonne, so würden auch Möbel, Teppich und Tapete in diesem fremden Licht erscheinen. Einmal angenommen, Fenster und Raumgröße des Hauses sollen auch auf Sumatra bleiben, wie sie sind - dann müßten die Bewohner wohl andere Gardinen aufhängen. Denn das Licht verändert einen Raum. Wie, das muß man mit eigenen Augen gesehen haben. Kein Computer, keine Formel kann seine Wirkung beschreiben, das "visuelle Erscheinungsbild", wie Christian Bartenbach es nennt.

Deshalb steigen sie in Bartenbachs Keller hinab, die Bauherren von Parlamentsgebäuden, Bürohäusern, Museen, unterirdischen Bahnhöfen, die Vertreter der Bundesbaubehörde und der Paramount-Gesellschaft in New York. Im Lichtlabor lassen sie sich vorführen, wie ihr Gebäude am vorteilhaftesten und zweckmäßigsten zu beleuchten sei. Die Abgesandten des Königs von Saudi-Arabien etwa begutachteten das künstliche Himmelslicht auf dem Vorplatz der Moschee von Medina, das sich der König von Bartenbach erbat: Die Pilger sollten unter riesigen Schirmen auf dem Vorplatz vor der Sonne geschützt sein - und dennoch das Gefühl haben, unter freiem Himmel zu beten.

Neunzig Prozent der weltweit angewandten Techniken, Gebäude mit Tageslicht zu beleuchten, stammen aus dem Lichtlabor des 67jährigen Christian Bartenbach. Ein mittelständisches Unternehmen, Jahresumsatz zehn Millionen Mark, rund sechzig Beschäftigte, die jedes Jahr achtzig bis neunzig Projekte fertigstellen. Manche innerhalb von vier Wochen, ein Vorstandszimmer beispielsweise. Andere erstrecken sich über acht bis neun Jahre wie der Bonner Plenarsaal. Bezahlt wird nach einem in der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure festgelegten Prozentsatz der Herstellungskosten.

Meistens schicken die Bauträger nur die Pläne des bereits fertig entworfenen Gebäudes. Dann kann Bartenbach anhand der Grundrisse, Schnitte, Gebäudestruktur nur noch die wirkungsvollste Beleuchtung suchen. Einige Architekten freilich planen von Beginn an gemeinsam mit dem Lichtlenker. Günter Behnisch etwa, mit dem Bartenbach beim Entwurf des Bonner Plenarsaals zusammengearbeitet hat. Für solche Architekten ist Licht eine immaterielle Bausubstanz.

Neben den Naturgesetzen der Physik herrscht in Christian Bartenbachs Arbeit ein Gesetz, das höchste Subjektivität und größte Allgemeingültigkeit zusammenfaßt: Die Dinge sind nicht nur das, was sie sind, sondern auch das, als was sie uns erscheinen. Sozusagen ein Relativitätsgesetz des Lichts, das Physik und Metaphysik vereint. Und am reinsten erscheinen sie uns in der natürlichsten aller Lichtquellen - im Licht des Tages.