In seinem Erinnerungsbuch "Im Etablissement der Schmetterlinge" erzählt Hans Werner Richter eine merkwürdige Geschichte. Er hatte in Berlin eine Fernsehdiskussion zu leiten über den 20. Juli 1944, den Tag des mißglückten Attentats auf Hitler, und fünf Schriftsteller, darunter Heinrich Böll, sollten erzählen, was sie an diesem Tag erlebt und gemacht hatten. Richter erkundigte sich vorher, was jeder ungefähr sagen werde, und Böll bot, wie Richter empfand, "eine besonders reizvolle Geschichte" an, die in einem Lazarett in Rumänien spielte, wo er als Verwundeter behandelt wurde und nebenbei illegal Wehrmachtshosen an rumänische Zivilisten verkaufte.

Als dann die Kameras liefen, erzählte Böll eine ganz andere Geschichte. Die starke Ich-Bezogenheit, erinnerte sich Richter, sei weggeblendet und Böll selbst nun nicht mehr der Handelnde gewesen, der sich ein wenig bloßstellte und ironisierte. "Ich hörte ihm betroffen zu und alle anderen wohl auch", schreibt Richter, "denn ich hatte vorher einigen bereits erzählt, welch wundersame, humorvolle und selbstkritische Geschichte wir von Heinrich Böll hören würden. Nun war sie mehr oder weniger belanglos, und ich war enttäuscht. Als wir dann, ein oder zwei Stunden später, in meiner Wohnung saßen, fragte ich ihn, warum er denn nicht die Geschichte erzählt habe, von der ich so angetan gewesen sei, und nun verblüffte er mich ..., denn er antwortete: ,Ich werde mir doch nicht meine Biographie verderben.' Das war mir unverständlich. Konnte man denn selbst schon zu Lebzeiten seine eigene Biographie zurechtschneidern, hier und da verfeinern und sie unter Umständen so manipulieren, daß sie keine dunklen, schadhaften Stellen mehr aufwies?"

Ich war gewarnt, als ich mich entschloß, noch einmal das Territorium von Heinrich Bölls Werk und Leben abzuschreiten und seine Biographie zu schreiben, und ich bin während meiner Recherchen auch immer wieder auf von Böll zu Lebzeiten gesperrtes Terrain gestoßen, das nach seinem Tod von der Familie vermint wurde zum Schutz des "Guten Menschen von Köln" und seiner unter Denkmalschutz gestellten Biographie. Seine Lebensschrift zu entziffern, bin ich ein wenig geübt: 1975 habe ich für das Gesprächsbuch "Drei Tage im März" mit ihm zum ersten Mal den Zusammenhang zwischen seinem Schreiben und Leben zu eröffnen versucht. Auch später bin ich immer mal wieder Bölls Spuren nachgegangen, so auf einen toten jüdischen Friedhof in einem abgelegenen Eifeldorf die Geschichte der Juden in diesem Dorf hatte er Ende 1982, Anfang 1983 nachrecherchiert.

Die Art, wie sich Böll mit den verfolgten Juden identifizierte, nährte bei mir die Vermutung, er selbst habe sich damals auch als potentiell Verfolgten gesehen. Er wurde natürlich auch verfolgt seit Erscheinen seines Spiegel-Artikels "Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?" im Januar 1972. Damals wurden Böll und seine Familie als Sympathisanten der Terroristen gehetzt ihm als einem angeblich geistigen Vater der Terroristen wurden Morddrohungen ins Haus geschickt. Böll selbst hat die Chronik der Ereignisse nur für die Monate Mai und Juni 1972 so aufgestellt:

"Am 15. Mai, dreieinhalb Monate nachdem ich mein letztes Wort über die Baader-Meinhof-Problematik gesagt hatte und die Polemik für abgeschlossen hielt, wurde in einem Fernsehkommentar des Bayerischen Rundfunks mein Name als einziger im Zusammenhang mit den ersten Bombenanschlägen genannt. Am 26.

Mai erklärte der Bundestagsabgeordnete der CDU Friedrich Vogel mich, indem er sich der Ausdrucke "die Bölls und Brückners" bediente, zum intellektuellen und ideologischen Helfershelfer des Terrors und forderte unsere Isolierung.

Am 7. Juni, als im Bundestag die Debatte über innere Sicherheit stattfand, war ich zwischen 11 und 16 Uhr mit meinem Auto unterwegs und hörte auf verschiedenen Sendern Nachrichten ich hörte fünfmal meinen Namen, nicht im Zusammenhang mit irgendwelchen literarischen Querelen, sondern im Zusammenhang mit der inneren Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland.

Vielleicht versteht man, daß ich keine Lust hatte, in ein Café oder Restaurant zu gehen, statt dessen zu einer Bekannten ging, deren Haus ich passierte, und sie bat, mir einen Kaffee zu machen. Als ich dort in die Küche trat - es muß gegen 18.30 Uhr gewesen sein -, hörte ich wieder meinen Namen im obenerwähnten Zusammenhang. Immerhin hatte ich Gesellschaft bekommen: Günter Grass, Martin Walser und andere wurden nun ebenfalls genannt.

Vielleicht versteht man, daß ich, als ich gegen 20 Uhr wieder zu Hause bei meiner Frau war, keine Lust mehr hatte, Nachrichten zu hören oder fernzusehen, und daß ich mich ungefähr so fühlte, wie sich John Dillinger seinerzeit gefühlt haben muß."

Sechs Tage vorher, am 1. Juni - es war der Tag, an dem Andreas Baader und Holger Meins in Frankfurt festgenommen wurden und in der ganzen Bundesrepublik Großrazzien gegen andere Terroristen liefen -, klingelten Beamte der Dürener Polizei an der Tür von Bölls Landhaus in Langenbroich.

Böll hat in einem Brief an den damaligen Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, in dem er um Aufklärung bat, die Aktion beschrieben. Ungefähr zwölf bis fünfzehn schwerbewaffnete Beamte, teils in Zivil, teils in Uniform, hätten sein Haus umstellt, seien in seinen Garten eingedrungen und hätten sich - wie er später von Dorfbewohnern erfahren habe - zu einem Sicherheitskordon gestaffelt, der sich bis zum zwei Kilometer entfernten Nachbardorf hingezogen habe. Zwei Kriminalbeamte hätten um Einlaß gebeten und ihn aufgefordert, ihnen seine Gäste vorzuführen.

Böll muß in dieser Polizeiaktion einen Anschlag der Bundesrepublik gegen seine Person gesehen haben, denn er ließ einen Hinweis auf die Aktion sogar in seiner Werkausgabe drucken. Hatte er in seinem Brief an Genscher von zwölf bis fünfzehn schwerbewaffneten Polizisten gesprochen, so sind es im Text der Werkausgabe nur noch sechs Polizisten, die er gesehen hat, wobei er allerdings hinzufügte, nach Beobachtungen der Dorfbewohner seien es doch zwölf bis zwanzig Beamte gewesen. Bölls etwas komischer Vorschlag: "Einigen wir uns auf acht bis neun."

Das wollte ich aber doch genauer wissen. Merkwürdigerweise hat damals nämlich niemand den Einsatzbefehl der Dürener Polizei nachrecherchiert. Geleitet wurde die Aktion vom damaligen Chef der Dürener Kriminalpolizei, Helmut Conrads. Nach erteilter Aussagegenehmigung durch den Dürener Oberkreisdirektor war Conrads, seit vielen Jahren im Ruhestand, sofort zu einem Gespräch bereit. Er erinnert sich heute noch genau.

Einige der am 1. Juni 1972 bei den Razzien entkommenen Mitglieder der Baader-Meinhof-Bande waren angeblich in einem Wagen in Wittlich in der Südeifel gesehen worden, mit Fahrtrichtung Nordeifel. Daraufhin erreichte die Polizei Düren vom nordrhein-westfälischen Innenministerium über das Düsseldorfer Landeskriminalamt der Befehl, in der gesamten Nordeifel eine Ringfahndung aufzubauen. Conrads, begleitet von einem Beamten des Landeskriminalamtes, hatte sich als Leiter der Aktion in einem Wagen in Untermaubach, in der Nähe von Langenbroich, postiert, als ihn über Funk die Meldung erreichte, "da sei ein Taxifahrer gekommen, der berichtet habe, daß er am Dürener Bahnhof einen Mann und eine Frau aufgenommen und nach Langenbroich zum Herrn Böll gefahren habe. Unterwegs hätten die beiden sich unterhalten über Baader und Meinhof und Ensslin - die seien ihm verdächtig vorgekommen."

Es wird wahrscheinlich so gewesen sein, daß sich im Kopf des Taxifahrers die Radiomeldungen über die Frankfurter Festnahmen und die Flucht anderer Terroristen sowie die Gespräche seiner Fahrgäste vermischt hatten, so daß er bei einem der Polizeiposten anhielt und meinte, seine Beobachtung mitteilen zu müssen.

Diese Meldung erreichte nun Conrads. Er kannte die Pressekampagne gegen Böll im Gefolge seines Spiegel-Artikels, die darauf hinauslief, Böll unterstütze geistig Terroristen. "Es kann ja sein", sagte sich Conrads, "daß die Terroristen glauben, daß der Böll ihnen hilft, und deshalb den Versuch machen, durchzubrechen. Also habe ich gedacht: Geh mal hin zu dem Böll, und der Mann vom Landeskriminalamt hat sich mir angeschlossen. Auf dem Grundstück Bölls waren außer mir und diesem anderen Beamten keine weiteren Polizisten, weder Kripo noch uniformierte Polizei - Böll hat ja behauptet, auch Schutzpolizei sei auf seinem Grundstück gewesen. Wir haben dann geläutet, Bölls Frau hat aufgemacht, und wir haben gesagt, ob wir mal ihren Mann sprechen könnten. Der Herr Böll kam, sehr freundlich, und ich sagte - ich erinnere mich wirklich gut: ,Herr Böll, Sie haben sicherlich gehört, was da los ist mit Baader-Meinhof in Frankfurt.' - ,Ja', sagte er, ,das haben wir mitbekommen. Wir sind allerdings jetzt beim Kaffee.' Dann habe ich gesagt: ,Sie haben eben zwei Besucher empfangen. Würden Sie uns bitte Ihre Gäste vorstellen.' - ,Aber selbstverständlich', sagte Böll, ,kommen Sie herein ...

Das ist der Professor Spaemann und seine Frau.' Ich sagte zu Herrn Spaemann: ,Würden Sie sich bitte ausweisen.' Er gab mir seinen Personalausweis, und ich sagte: ,Vielen Dank.' Da hatte ich den Namen für meinen Bericht. Ich sagte nochmals: ,Danke, die Sache ist damit erledigt, ich entschuldige mich.' Das war alles. Nachträglich glaubte ich vom Hammer getroffen zu werden, als ich in der Presse die Schauermärchen las von ,Hausdurchsuchung' und ,Polizisten mit Maschinenpistolen auf dem Plumpsklo' und dann einen Tag später die Kopie des Böll-Briefes hatte."

Es war die Kopie des Böll-Briefes an Genscher, geschrieben unter dem Briefkopf "Präsident des Internationalen PEN-Clubs". Geschockt vom Inhalt des Briefes und vom riesigen Presseecho, das durch eine auszugsweise Verbreitung des Briefes durch die Deutsche Presse-Agentur ausgelöst worden war, rief Conrads Böll an: "Ich sagte: ,Herr Böll, was haben Sie denn da geschrieben?'

- ,Ach ja, Herr Conrads', sagte er, ,das ist mir vor Ärger so in die Maschine geflossen.' Ich muß konzedieren, daß Böll aus seiner Sicht gar nicht so unrecht hatte daß er sich verfolgt fühlte und glaubte, die Aktion sei eine von Politikern inszenierte Intrige ... Die volle Verantwortung für die Aktion trage aber ich, niemand hat mir gesagt, ich solle mal zum Böll gehen ... Dann hat Böll in dem Gespräch, wo ich mich bei ihm beschwerte, mir gesagt: ,Herr Conrads, ich habe auch nicht geahnt, was ich da anstelle. Aber morgen oder übermorgen habe ich im Fernsehen ein Interview, da werde ich das korrigieren und mich entschuldigen.'"

Als das Interview lief, in der ARD-Sendung "Monitor", hörte die Dürener Polizei, wie Böll gefragt wurde: "Vor wenigen Tagen wurde Ihr Haus von schwerbewaffneter Polizei umstellt, und Ihre Gäste wurden überprüft. Diese Aktion werteten Sie als merkwürdig, gruselig und lächerlich zugleich." -

"Ja", bestätigte Böll. "Aber muß man solche Aktion nicht dulden, wenn es darum geht, Terroristen, Kriminelle zu fassen?" - "Ich habe die Aktion ja geduldet", antwortete Böll. "Ich habe den Beamten Einlaß gewährt, beziehungsweise meine Frau. Ich habe auch keinen Grund, mich über die Beamten zu beklagen. Ich möchte das ausdrücklich betonen. Ich möchte auch einen Terminus zurücknehmen, den ich in dem Brief an Herrn Genscher benutzt habe.

Ich habe gesagt, ich wäre aufgefordert worden, meine Gäste vorzuführen. Das trifft nicht zu. Ich bin aufgefordert worden, sie vorzustellen. Das wollen wir klären, weil das Wort ,vorführen' einen anrüchigen Geschmack hat. Mein Haus ist auch nicht durchsucht worden, wie ich in einigen Pressemeldungen gehört und gelesen habe. Das wollen wir klären. Ich habe mich ja zur Verfügung gestellt. Nur beim Nachdenken über diesen Vorgang sah ich einen Zusammenhang mit den Verdächtigungen und Denunziationen, wie sie seit Januar 1972 gegen mich laufen. Deshalb bat ich um Aufklärung."

Nach meinem Gespräch mit Conrads schrieb ich Heinrich Bölls Witwe Annemarie einen Brief. Ich teilte ihr mit, daß ich durch die Aussagegenehmigung für Conrads nun auch Zugang habe zu der Dürener Polizeiakte, in der sich laut Conrads eine Kopie sowohl des Böll-Briefes als auch der Antwort von Genscher befänden, und daß ich den Böll-Brief gern einmal im vollen Wortlaut lesen würde. Sie habe aber sicher Verständnis, schrieb ich weiter, daß ich auf den Böll-Brief ungern in einer Polizeiakte stoßen würde lieber hätte ich ihn aus ihren Händen.

Welcher Mythos soll da geschützt werden?

Auf meinen Brief erhielt ich überraschenderweise eine Antwort vom Dürener Oberkreisdirektor, der mir mitteilte, daß er aufgrund einer Intervention des Böll-Sohnes René die Aussagegenehmigung für Conrads zurückgezogen habe. Zu spät natürlich, weil Conrads seine Aussage bereits gemacht hatte. Interessant aber, daß ein Oberkreisdirektor aufgrund solcher Intervention sofort die Aussagegenehmigung zurückzieht. Was wollen die Erben verhindern? Welcher Mythos soll da geschützt werden?

Böll war in jenen Jahren der Terrorismusdebatten nicht nur der Verfolgte.

Geht man seinen Spuren nach, trifft man ihn zu den überraschendsten Zeiten an den überraschendsten Orten. Als die Geiseln der von Terroristen entführten Lufthansa-Maschine Landshut in Mogadischu befreit wurden, saß Böll, zusammen mit Siegfried Lenz und dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, bei Helmut Schmidt im Bundeskanzleramt. Und daß Böll nach der Polizeiaktion in Langenbroich nicht an den eigentlich zuständigen damaligen NRW-Innenminister Willi Weyer schrieb, sondern gleich an Hans-Dietrich Genscher, lag vermutlich einfach daran, daß Böll Genscher persönlich kannte.

Genscher hatte auf dem Höhepunkt der Terrorismusdebatten auf Vorschlag des SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner Böll zu einem Gespräch in sein Privathaus nach Bonn-Bad Godesberg eingeladen. Am Anfang des Gesprächs, berichtet Genscher in seinen Erinnerungen, sei man in den Ansichten weit auseinander gewesen. Böll habe um Verständnis für die moralischen Motive von Ulrike Meinhof und ihren Mitstreitern geworben er teile sie. "Wehner verfolgte die Unterhaltung mit großer Aufmerksamkeit", schreibt Genscher.

"Mit viel Verständnis für Böll, aber mit einem klaren Bekenntnis zur freiheitssichernden Aufgabe des Staates griff er sparsam und in der Wortwahl vorsichtig in die Unterredung ein. Am Ende hatte ich den Eindruck, eines der wichtigsten Gespräche in meinem Leben geführt zu haben."

Man konnte die Terroristen vielleicht wie Böll verstehen als Leute, die sich empörten gegen die Gewinn- und Konsumgesellschaft und deren Entfremdungsstrukturen. Und die Basis solcher Empörung lag in den ersten Nachkriegsjahren. In dieser Zeit wurzelte auch die Empörung Bölls - es war zugleich seine Glanzzeit als Schriftsteller.

In diesen ersten Nachkriegsjahren gründet Bölls Identität als Schriftsteller.

Auch seine moralische Autorität erklärt sich aus dieser Frühzeit: Während die Deutschen sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzten, indem sie die Trümmer aufräumten, verteidigte er die Trümmer, denn zum einen waren die Trümmer das kaputtgegangene Falsche, zum anderen war der Versuch, sich in den Trümmern einzurichten, das noch nicht besudelte Recht, sich ein Eigentum zu verschaffen mit einem Bett, einem Herd und einem Kochtopf. An diesen frühen Schreibmotiven hat er immer festgehalten.Von daher wundert es heute nicht mehr, daß Böll seit den siebziger Jahren zunehmend umstrittener wurde, als seine Werte schon beinahe außer Sicht geraten waren, er aber um so heftiger auf ihnen beharrte - wie in seinem Spiegel-Artikel über Baader-Meinhof. Woran sich Böll auch in diesem Artikel wieder erinnerte, das war für die meisten schon Vergangenheit, fern und ohne Relevanz. Aber gerade darauf pochte Böll, daß die Vergangenheit noch Relevanz habe auch in der Diskussion über Baader-Meinhof.

"Ich halte es für psychologisch aussichtslos", so lauten die entscheidenden Sätze Bölls, "Kleinbürgern, Arbeitern, Angestellten, Beamten (auch Polizeibeamten), die vom Erlebnis zweier totaler Inflationen geschreckt sind, ihren relativen Wohlstand ausreden zu wollen ... Und hat je einer die jüngeren Polizeibeamten darüber informiert, auf dem Hintergrund welcher Polizeigeschichte sie ihren Beruf ausüben, oder sind die jungen Juristen alle darüber informiert, auf dem Hintergrund welcher Rechtsgeschichte sie ihren Beruf ausüben? ... Für einen so abscheulichen Satrapen wie Baldur von Schirach, der einige Millionen junger Deutscher in die verschiedensten Todesarten trieb und zu den verschiedensten Mordtaten ermutigte, gab es Gnade. Ulrike Meinhof muß damit rechnen, sich einer totalen Gnadenlosigkeit ausgeliefert zu sehen.

Baldur von Schirach hat nicht halb so lange gesessen, wie Ulrike Meinhof sitzen müßte ... Wieviel junge Polizeibeamte und Juristen wissen noch, welche Kriegsverbrecher, rechtmäßig verurteilt, auf Anraten Adenauers heimlich aus den Gefängnissen entlassen worden sind? Auch das gehört zu unserer Rechtsgeschichte und läßt Ausdrücke wie Klassenjustiz gerechtfertigt erscheinen ..."

Das sind die Voraussetzungen von Bölls Artikel: Rückblick auf den Faschismus, auf die Situation im Jahr 1945. Diese Situation hat er in seinem ganzen Werk zu konservieren versucht. Dabei tauchte für ihn irgendwann das Problem auf, daß er plötzlich ein berühmter Mann war, an den alle möglichen Anliegen herangetragen wurden, die er auch erfüllen wollte. Dabei muß es für ihn manchmal schwierig gewesen sein, den moralischen Anspruch, den die ganze Welt an ihn und er selbst an sich stellte, zu vereinbaren mit dem, was ursprünglich sein einfaches franziskanisches Ich war. Es gibt ein Muster in Lebensläufen von Menschen wie Böll: Wenn sie durch einen geschichtlichen Wandel in veränderte Lagen kommen, ohne daß ihre innere Lebensbewegung ganz mitschwingt, versuchen sie, sich dagegen abzusetzen und in der Reservatio zu leben. Es entsteht eine Differenz zu dem, was allgemein gelebt wird, nach der anfänglich eher dichten Identität mit dem Gelebten - was auch die bleibende Überzeugungskraft der frühen Arbeiten Bölls erklärt.

Ein Repräsentant der Nachkriegszeit, der in der Reservatio gelebt hat - das erklärt Bölls Sprengkraft, aber auch seine Zerrissenheit, seine Widersprüche und die Selbstentfremdung, in die er zuletzt hineingetrieben wurde. Als er in die Terrorismusdebatten der siebziger Jahre eingriff, war das ein verzweifelter Versuch, den verloren geglaubten und auch tatsächlich verlorenen Boden unter den Füßen wiederzufinden - in einem Gefühl der Vergeblichkeit: als ob sich die Welt von ihm abwende und umgekehrt er selber mit dieser Gesellschaft, wie er sie in seinem Roman "Frauen vor Flußlandschaft" dargestellt hat, auch nichts mehr zu tun haben wollte.

Gestorben ist Heinrich Böll in tiefer Depression

Böll muß gegen Ende seines Lebens geahnt haben, daß er eine vergehende und teilweise schon vergangene Welt beschrieben hat. Gestorben ist er in tiefer Depression, von der mir alle Zeugen berichtet haben, die ich befragt habe. Er hatte es zwar geschafft, den Mythos seiner Familiengeschichte zu verteidigen, indem er daraus Literatur machte - und er hat die Geschichte der Welt erzählt, indem er die Geschichte seiner Familie und ihrer Privatmythologien erzählte. Aber es war ihm nicht gegeben, diesen Mythos zu durchschauen und zu ihm auf Distanz zu gehen. Er war ein Schriftsteller, der seine Subjektivität pflegte und einem starken Ich-Ideal folgte - was ihn vermutlich dazu brachte, schon zu Lebzeiten seine Biographie schützen zu wollen.

Erich Kock, in den sechziger Jahren Bölls Sekretär und bis zum Tod mit ihm befreundet, also unverdächtig jeder Polemik, hat in seiner Erinnerungsschrift "Der Zorn des Mitleids" darauf hingewiesen, daß man Böll nicht als "Heiligen" hochzustilisieren brauche. "Er hatte seine Anfechtungen bodenloser Rechthaberei, der Wut, der Voreingenommenheit, der einseitigen Parteinahme, auch der Eitelkeit. Ich meine jedoch, daß er sich dessen bewußt blieb und sich jeweils zu korrigieren verstand."