Als Heiner Müller starb, ging ein sehr tiefer Seufzer durch die Welt und endete in Berlin. An seinem Grab im Schnee entbot immense Prominenz den allerletzten Gruß Susan Sontag war aus New York angereist, Andrej Bitow von Rußland her, Rolf Hochhuth und György Konrád trafen sich auf dem Dorotheenfriedhof, umgeben von Unzähligen mit Rang und Namen, seltener mit Macht.

"Die Macht weint nicht", lautet eine Zeile von ihm. Der Büchner- und Kleistpreisträger, der mit dem Staatspreis der DDR geehrte Dichter, geboren in Sachsen, junger Soldat im Volkssturm, Theaterautor und Lyriker, zeitweise ausgeschlossen aus dem Schriftstellerverband seines Landes, starb 1995.

Unmittelbar vorausgegangen waren die Jahre seines größten Ruhms: Theaterfestivals zu seinen Ehren, Portraits in allen Medien, Interviews sonder Zahl. Für einen Dichter, der wirken will ("Ich würde mich heute nicht anders verhalten", gab er zur Entgegennahme des Nationalpreises der DDR zu Protokoll. "Es ist wichtig, daß meine Sachen zur Wirkung kommen, nicht, daß ich den edlen Ritter spiele"), hatte er das Wichtigste erreicht, schier unbegrenzte Aufmerksamkeit. Sein Wort war in aller Ohr.

Aber auf keiner Goldwaage. Denn es waren auch Worte darunter, die man nicht gerne zweimal hören wollte: daß "Hiroshima die jüdische Rache für Auschwitz" sei, war eines davon. Heiner Müller durfte mehr verheerenden Unsinn reden, als Ernst Jünger, Gregor Gysi und Hermann Kant jemals zusammen Kluges von sich gaben, und doch wuchs seine Bedeutung als Deutschlands einiger Dichter - oder deshalb.

Gerade die Kurzschlüssigkeit seines Denkens, die beiläufige Verkettung von Stalin und Hitler zu Hölderlin, von Preußen, Weimar und Napoleon, von großen Männern und todbringenden Maschinen, das ganze Faszinosum - daß es eines war, hat sein Erfolg als Dramatiker bewiesen - einer Blutwurst namens Geschichte, zu der ein jeder seinen Senf geben kann, machte aus Heiner Müller den Intellektuellen, den die verunsicherte Gesamtrepublik seit 1989 dringend brauchte. Ein Dissident für alle Fälle, eine tröstliche Verkörperung des Trotzdem für die Avantgarden in West und Ost: listig und vage und eben darin souverän.

Seither ist es ziemlich leise geworden. Ein Rechtsstreit um "Germania 3.

Gespenster am Toten Mann" wegen allzu ausgiebiger Brecht-Zitate, entschieden zu Ungunsten von Müllers Erben, liegt gerade zwei Wochen zurück es gab keine Diskussion und nicht die matteste Erhebung.