Sie waren Spitzenagenten der DDR-Staatssicherheit: der verstorbene Günter Guillaume, der Spion, über den Willy Brandt stürzte. Oder Rainer Rupp, der zwölf Jahre lang wichtige Nato-Geheimnisse verriet und noch heute im Gefängnis sitzt. Die Prozesse, in denen sie wegen schweren Landesverrats zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, machten Schlagzeilen. Daß außer ihnen noch Tausende von Stasi-Agenten in der Bundesrepublik spionierten und intrigierten, von denen viele bis heute nicht enttarnt sind, ist weniger bekannt.

Die Zahl der Agenten läßt sich nur schätzen. Zu viele Akten sind nach der Wende, sogar noch zu Zeiten der Regierung von Lothar de Maizière, vernichtet worden - vor allem die der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), die die wichtigsten Spione führte.

Die zentrale Personenkartei F 16, die sechs Millionen Namen von Tätern und Opfern, In- und Ausländern enthält, ist längst noch nicht ausgewertet. Auch der Vergleich einer einprozentigen Stichprobe dieser Karteikarten mit der Vorgangskartei F 22 half noch nicht viel weiter. Erst die Sichtung der dazugehörigen Akten ergab Anhaltspunkte, aus denen sich eine Zahl von rund 17 000 Stasi-Mitarbeitern in der Bundesrepublik hochrechnen ließ. Aber Tausende von Agenten der HVA sind dabei noch nicht erfaßt. Nach Berichten einzelner Stasi-Offiziere hat die HVA bei ihrer Auflösung noch eine Million Karteikarten von Tätern und Opfern gefleddert.

Weitere Hinweise liefern Spezialkarteien. So gibt es eine Straßenkartei F 78 mit Adressen, jedoch ohne die Namen der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) in West-Berlin sie enthält mehr als 1300 Karten, ist aber offenkundig nicht vollständig. Ein Jahresarbeitsplan der Aufklärungsabteilung in der Berliner Bezirksverwaltung enthält die Decknamen und Tätigkeiten von 65 IMs und 32 Kontaktpersonen: "IM Bremen, Hochschullehrer, FU", "IM Controletti", Zahnarzt", "IM Friedemann, Angestellter, Senat" oder "IM Bank, Elektriker, Bundesdruckerei". Einige dieser IMs konnten enttarnt werden: "Delphin" war Bauunternehmer und CDU-Funktionär, "Purzel" eine SPD-Politikerin und "Ludwig" der ehemalige Sprecher der Alternativen Liste, Dirk Schneider.

Aus diesen und anderen Unterlagen ergibt sich, daß mindestens 20 000 Personen in der Bundesrepublik für die Stasi arbeiteten, womöglich noch mehr. Seit 1991 wurden von der Bundesanwaltschaft 2797 Ermittlungsverfahren gegen Bundesbürger eingeleitet. Davon endeten 261 mit rechtskräftigen Verurteilungen, es gab drei Freisprüche, 760 Einstellungen zum Teil gegen hohe Geldbußen. Bei den übrigen Fällen fehlte der hinreichende Tatverdacht, oder sie waren verjährt. Lediglich schwerer Landesverrat ist noch nicht verjährt. Daß die Stasi flächendeckend arbeitete, ergibt sich aus der Kartei der "Feindobjekte" F 17. Sie enthält 20 370 Dienststellen, Institutionen, Organisationen, Verbände, Telephonanschlüsse und Autokennzeichen.

Besonders brisant, aber als Verschlußsache (VS) für Forschung und journalistische Recherche nicht zugänglich, ist ein Konvolut von Unterlagen mit rund 2000 Namen, das aus Beständen des sowjetischen KGB über "befreundete Geheimdienste", also wohl die amerikanische CIA, an das Bundesamt für Verfassungsschutz und die Gauck-Behörde gekommen ist. Sie ermöglichten die Enttarnung von hochrangigen Agenten der HVA. Dazu gehörte Rainer Rupp mit dem schönen Decknamen "Topas", der sich 1968 anwerben ließ und erst Mitte 1993 aufflog.

Die gleichen Quellen führten auch zur Verhaftung des Leiters der politischen Redaktion und früheren Brüsseler Korrespondenten des Deutschlandfunks, Gerhard Fleischle. Er soll gleich nach der Gründung des Senders im Jahre 1961 von der Staatssicherheit angeworben worden sein. Sender mit gesamtdeutschem Programmauftrag und ausführlicher DDR-Berichterstattung wie Deutschlandfunk, RIAS und Deutsche Welle waren bevorzugtes Ausspähungsobjekt der Stasi. So wurde im Februar 1996 bekannt, daß der kurz zuvor verstorbene Berliner Bürochef der Deutschen Welle, Karl-Heinz Maier, vermutlich als "IM Komet" mehr als dreißig Jahre lang Informationen an die HVA lieferte.