die zeit: Anfang der achtziger Jahre schrieben Sie, daß sich die Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen auflöse und die Kindheit wieder verschwinde.

Stimmt Ihre These noch?

Neil Postman: Mehr denn je. Früher blieben Teile der Erwachsenenwelt den Kindern verborgen. Diese Entwicklung lösen Fernsehen und Computer auf. Weil Fernsehen keine Ausbildung erfordert, ist der gesamte Inhalt der Erwachsenenwelt jedem zugänglich. Und wenn die Kultur keine Geheimnisse vor den Kindern bewahren kann, ob medizinische, politische oder sexuelle, läßt sich etwas wie Kindheit auch nicht bewahren. Ohne Geheimnisse wird der ganze Sozialisationsprozeß der Kinder lächerlich. Denn der bedeutete ja die graduelle Offenbarung der Geheimnisse.

zeit: Allem Anschein nach lernen Kinder heute auch alle Geheimnisse von Brutalität und Kriminalität kennen. Nicht nur die Zahl jugendlicher Übergriffe steigt, auch die Methoden gleichen sich denen der Großen an - bis zum Terrorismus auf den Schulhöfen.

Postman: Das ist in der Tat auch eine Folge dieses Prozesses. Gewalt von Kindern und Erwachsenen läßt sich immer weniger voneinander unterscheiden.

Aber nicht nur die. Gleiches gilt für die Unterhaltung, für die Kleidung, für die Krankheiten. Vor vierzig Jahren gab es in Amerika so gut wie keine Kinder, die von Drogen abhingen oder an Sexualkrankheiten litten. Heute nimmt das zu. Es gab mal eine Zeit, da galt als kriminelles Kind, wer Zigaretten rauchte.

zeit: Das Fernsehen können wir nicht abschaffen. Folgen aus Ihrer Analyse andere Vorschläge, um Kinderkriminalität zu vermindern?

Postman: Die Vereinigten Staaten verzeichnen da einen Rückgang. Das liegt aber an der Demographie: Derzeit gibt es weniger junge Menschen. Doch in zehn Jahren dürften die Raten wieder steigen, weil mehr Kinder zu erwarten sind.

zeit: Eine kleine Verschnaufpause. Was schlagen Sie aber darüber hinaus vor - welche Maßnahmen in Politik und Schule können das Erwachsenwerden der Jugendkriminellen aufhalten?

Postman: Ich bezweifle, daß sich das Verschwinden der Kindheit verhindern läßt. In den USA können Eltern nun per V-Chip den Zugang ihrer Kinder zu Angeboten im Computernetz kontrollieren. Und in Ansätzen bestimmen wir, was Kinder im Fernsehen sehen dürfen. Aber das sind keine ernsthaften Hürden. Wir bewegen uns zurück zu mittelalterlichen Formen sozialer Organisation. Das ist nicht das Ende westlicher Kultur. Aber bestimmte Werte, die wir mit Kindheit verbinden, werden an Bedeutung verlieren: Unschuld etwa oder völlige Aufgeschlossenheit.

zeit: Vergessen Sie nicht die Eltern, die einiges dagegen tun können?

Postman: Eltern können diese Entwicklung aufhalten, ja. Aber dafür müssen sie erst einmal zu Hause sein. Und sie müssen wirksam das Ausmaß beschränken, in dem ihre Kinder sich den elektronischen Medien aussetzen. Das ist ein Akt der Rebellion gegen die Kultur. Und immer weniger Eltern vermögen diese Art Einfluß auszuüben.

Die Fragen stellte Uwe Jean Heuser

Neil Postman: Das Verschwinden der Kindheit, S. Fischer, Frankfurt a. M.

1983