Einen Dschungelfilm für sich paarende Känguruhs" hörte der eine, "Musik für einen Elefantenfriedhof" der andere, und der dritte legte nach: "der Klang eines Koksschnupfers". Was Musiker und Kritiker so in Wallung brachte, waren Tonschwaden und Rhythmen, die der ehedem hochverehrte Trompeter seit 1969 seinen Hörern zumutete und jährlich verschärfte: ,The electrifying Mr. Miles Davis' und der Jazzrock.

Alte Narben, und fast vergessen, würde "Panthalassa" die schlummernden Geschichten nicht neu umspülen. Scheinbar ein Sakrileg nach Jazzmaßstäben, eine Neubearbeitung von Miles-Davis-Stücken aus den Jahren 1969 bis 1974, eine CD (und Platte), eine "Reconstruction & Mix Translation" des weißen Produzenten und Avantgardebassisten Bill Laswell.

Vergißt man den Melancholie-Knopf im Ohr, öffnet "Panthalassa" neue Türen. Laswell komprimiert aus drei Alben - "In A Silent Way"(1969), "On The Corner"(1972) und "Get Up With It"(1974) - vier Medleys von jeweils fünfzehn Minuten Dauer. Ein Katechismus des elektrischen Miles, der vor allem eins zeigt: Die Botschaft klang melodischer und differenzierter, als der Jazzfan dachte, zukunftsträchtiger und aufregender, als der Popfreund ahnt.

Aaah! In a silent way, der tragende Kathedralensound des Synthesizers, das träumerische Gitarrenmotiv, der wärmende Baßton, it's about that time, was sich da behutsam ins Ohr schleicht ist Wohlklang, dreißig Jahre später, Balsam, nicht Leichenschändung einer Mumie. Und doch regt sich Mißtrauen: War die Suite "In A Silent Way/It's About That Time/Shhh-Peaceful" nicht beinahe vierzig Minuten lang? Und jetzt fünfzehn! Wo ist der Rest? Wo sind die statischen Lyrismen von "Agartha"? Auf fünf Minuten Prélude eingedampft! Ist das erlaubt? What Have They Done To Your Song, Miles? Doch davon später, Produzent Bill Laswell war nicht der erste, der seine manipulierende Hand ans ,Original' legte.

"Jetzt finden sie plötzlich, ,Bitches Brew' sei ein gottverdammtes Meisterwerk, aber, zum Teufel, damals haßten sie es. Jazzrock, du meine Güte!" krächzte Miles Davis 1986 mit dieser heiseren, stimmbandbeschädigten Stimme und lag damit nicht falsch. Die musikalische Gewissenserforschung bringt es ans Licht: Wer den lyrischverhangenen Trompetenton bei "Birth Of The Cool", in "Round' Midnight" und "All Blues" oder im "Fahrstuhl zum Schafott" liebte, der hatte keinen Platz für das radikal-rhythmische "On The Corner". Wo sich das "Concierto De Aranjuez" auf dem Plattenteller drehte oder "Porgy And Bess" und "Miles Ahead", da suchte man vergeblich nach der brodelnden Soundküche von "Agartha".

1969 bis 1975 bedeutete für die meisten Formlosigkeit, elektrisch verstärkte Instrumente (wah-wah!), Black Flower-Power, Hippie-Klamotten und afroindischsüdamerikanische Trommelorgien. Unter vierzehn veröffentlichten Miles-Davis-Platten fanden sich zehn Doppelalben, oft Live-Mitschnitte mit Titeln wie "Teil 1", "2", "3", "4" oder "Mittwoch", "Donnerstag", "Freitag", "Samstag". Da mußte man nicht reinhören, da wußte man, was einen erwartet. Armer Hörer, böser Miles.

Der schwarze Revolutionär im Ferrari war es leid, die immergleichen Formen auszufüllen: vom Thema über die Soli zum Thema. Oder die Arbeitsteilung von Begleitung und Solist, von Rhythmus und Melodie. Und da der Free Jazz dem Davisschen Pop-Ästhentum zutiefst zuwider war, kreierte er seine Mischung aus Chaos und Ordnung, aus Gefühl und Härte.