Heinrich Binder ist loyal, kaisertreu und hat einen Hang zum Fabulieren.

Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges verfaßt er für das liberale Berliner Tageblatt Artikel, als die Oberste Heeresleitung ihm im Herbst 1914 die Erlaubnis erteilt, zur Berichterstattung an die Westfront zu gehen. Dort bewährt er sich bald auf das vaterländischste als eifriger Zeuge belgischer Greueltaten, die nie stattgefunden haben und deren Schilderung einzig dazu dient, deutsche Massaker an der belgischen Zivilbevölkerung zu legitimieren.

Ein Jahrzehnt nach Abschluß des Versailler Friedensvertrages macht sich Binder daran, in dem Buch "Spionagezentrale Brüssel" den "Kampf der deutschen Armee mit der belgischenglischen Spionage" zu veröffentlichen. Darin spielt ein elektrisch geladener Zaun eine wichtige Rolle, ein von den Deutschen gespannter "Todesdraht": "Vor dem Spion lag Dunkel und Schweigen. Er zog die Gummimütze über die Ohren, griff zu seiner Isolierschere und sprang in atemloser Spannung auf den Todesdraht zu. Er durchschnitt die beiden senkrechten Verbindungsdrähte, bog die Enden blitzschnell nach oben und unten und schlüpfte hindurch."

Als habe er dem belgischen Agenten bei seiner Arbeit über die Schulter geblickt, beschreibt Heinrich Binder die Flucht des berüchtigten Pieter Devos, der ob seiner feuerroten Mähne den Spitznamen "roter Schinderhannes" trägt. Ein tollkühner Spion, der jedes noch so unüberwindbar scheinende Hindernis bewältigt. Und um welch ein Hindernis es sich hier handelt!

"Neunundneunzig Kilometer engmaschiger Hochspannungsdraht, mit fünfzigtausend Volt geladen, von Doel bis nach Sluis an der holländischen Provinz Zeeland führend! Nachts umspielten ihn riesige Scheinwerfer. Alle hundert Meter patrouillierten deutsche Grenzposten mit scharfen Sinnen, den Finger am Abzug. - Ach, der Todesdraht! Hunderten von verwegenen Spionen, armseligen Deserteuren und Überläufern hat er grauenvollen Verbrennungstod gebracht.

Sobald sich ein Opfer gefangen hatte, das, schwarz verkohlt, mit verkrampften Händen in dem Draht hing, läutete ein Signalwerk über die ganze Front und rief Tag und Nacht den deutschen Grenzschutz zum Auslösen des Opfers und zu erhöhter Wachsamkeit herbei."

Ein Starkstromzaun, gespannt entlang der Grenze zwischen dem von Deutschland besetzten Belgien und den neutralen Niederlanden? - Selbst Erste-Weltkrieg-Experten schütteln den Kopf. Nie gehört. Ist der Todeszaun also bloß eine Erfindung Binders, fiktiver Stoff, aus dem Landserträume gewebt werden?

Viel ist heute nicht übrig von diesem Zaun, doch daß es ihn gegeben hat, belegen über hundert Photos, eine Handvoll Dokumente, verstreut in deutschen und belgischen Archiven, die eine oder andere Erzählung aus dem Grenzgebiet und ein verstecktes Mahnmal in der Nähe des Aachener Dreiländerecks. Aus diesen Relikten und Quellen läßt sich ein Gebilde rekonstruieren, das sich in zwei Punkten von den Angaben Heinrich Binders unterscheidet: Der Zaun erstreckte sich entlang der gesamten Grenze zwischen Belgien und den Niederlanden (war also fast doppelt so lang, wie Binder angibt) - insgesamt rund 180 Kilometer zog er sich von Vaals bei Aachen bis hinauf in die Gegend von Brügge an die Nordseeküste. Die 50 000 Volt Stromstärke, die Binder annimmt, sind hingegen mit Sicherheit Propaganda zur Steigerung deutschen Ingenieurruhms. Rund zweitausend Volt dürfen als realistisch betrachtet werden. An der tödlichen Wirkung des Zauns änderte das nichts.

Die Deutschen überziehen Belgien mit Massakern

Wie aber kam es überhaupt zur Errichtung dieses Sperrwerks? Das kleine Belgien war das große "Problem" des Schlieffenplans. Ein schneller Sieg über den "Erbfeind Frankreich" sollte den Rücken freimachen für den Krieg gegen Rußland, das nur langsam Truppen mobilisieren kann - so hatte es bereits 1905 Alfred Graf von Schlieffen im Falle des Zweifrontenkriegs taktisch festgelegt. Schlieffen war ein Jahr vor Kriegsausbruch gestorben, doch sein Plan lebte weiter in den Köpfen des deutschen Generalstabs. Um den nördlichen Armeeflügel Frankreichs umfassen und Richtung Schweiz drängen zu können, entscheiden sich die deutschen Militärs, durch Belgien zu marschieren - mit oder ohne Zustimmung von dessen Regierung. Als diese Zustimmung ausbleibt, fallen deutsche Truppen am 4. August 1914 in Belgien ein, drei Tage nach der Kriegserklärung an Rußland. Die Deutschen haben bewußt geltendes Völkerrecht verletzt, aber sie rechnen dennoch nicht mit Widerstand - es ist klar, daß die belgische Armee gegen das übermächtige Reich in offener Schlacht hoffnungslos unterlegen ist.

Doch die zuvor als Praliné-Soldaten verspotteten belgischen Truppen treten nicht als geschlossene Armee auf - sie operieren in kleinen, beweglichen Einheiten, oftmals sind sie mit Fahrrädern unterwegs. Sie verfolgen eine Art Guerilla-Taktik: Aus gut getarnten Verstecken beschießen Scharfschützen Aufklärungseinheiten, unterbrechen Nachrichtenverbindungen und verunsichern so stetig den Eindringling. Die Deutschen wiederum schlagen erbarmungslos zurück. Massenerschießungen und willkürliche Vergeltungsmaßnamen sollen die Belgier einschüchtern: In Löwen werden 209 Zivilisten erschossen, darunter 21 Frauen und 11 Kinder. In Andenne fallen 211, in Tamines 250 Menschen einem Erschießungskommando zum Opfer. Die Militärzensur in der gleichgeschalteten deutschen Presse läßt gezielt Berichte über den sogenannten "Franktireurkrieg" in Belgien veröffentlichen - Greuelmärchen von soldatenschlachtenden Zivilisten. Die Massaker sollen als Vergeltungsmaßnamen gerechtfertigt werden, hierzu dient die Hetze der Presse.

Heinrich Binder und seine Kollegen fügen sich als willige Werkzeuge der deutschen Propagandastrategie. Am 26. September schreibt Binder im Berliner Tageblatt einen Artikel über die Zerstörung Dinants, einer belgischen Kleinstadt: Die Bürger Dinants hätten in "toller Vermessenheit" zusammen mit der Bürgerwehr und französischen Soldaten die deutschen Truppen überfallen.

Als Augenzeuge dieser angeblichen Überfälle war Binder nicht am Ort - er schreibt seinen Artikel mehr als einen Monat nach dem Massaker. Wie die anderen Kriegsberichterstatter auch leben seine Beiträge von den Informationen, die ihm die Militärzensur überläßt. Am 24. August werden 672 der rund 6000 Einwohner Dinants erschossen, darunter Kleinkinder und Greise.

Überfälle, Partisanenkämpfe ziviler und paramilitärischer Freischärler hat es nachweislich weder in Dinant noch in einer anderen belgischen Stadt gegeben.

Die Barbarei der deutschen Truppen überzieht in den ersten Kriegswochen ganz Belgien. Viele Belgier sehen in der Flucht über die Grenze die einzige Chance, dem Morden zu entkommen. Junge Männer versuchen, sich über die neutralen Niederlande nach England und weiter nach Frankreich durchzuschlagen, um sich dort den kämpfenden belgischen Einheiten anzuschließen. Seit Ende 1914 schwillt der Strom der Kriegsfreiwilligen an.

Von den deutschen Truppen ist das stark bewaldete und sumpfige Grenzgebiet zwischen Schelde und Maas kaum zu überwachen. Auch der florierende Schmuggel zwischen Holland und Belgien und die zunehmende Spionage können nicht verhindert werden. Dies sind die Gründe, warum deutsche Militärs über eine effektivere Methode der Grenzsicherung nachdenken. Es ist die Geburtsstunde des "Todeszauns".

Die Idee stammt von einem ehemaligen Hauptmann namens Schütte, Hilfsoffizier in einem Nachrichtenbataillon. Das Generalgouvernement in Brüssel nimmt den Vorschlag Anfang 1915 auf, und bereits kurz darauf beginnen die Arbeiten entlang der Grenze.

Quittungen und Rechnungen sind die einzigen Zeugen der Bauphase zum Beispiel ein Zahlungsbeleg aus dem Gemeindearchiv Neerpelt in der Provinz Limburg im Nordwesten des Landes, ausgestellt von der Gemeinde über die Lieferung von 1300 Pfählen zum Bau eines Grenzzauns: Dem Forstarbeiter Peter Oeyen wird bestätigt, daß er aus der Gemeindekasse "123 franken 38 centiemen" erhält - "auf Anweisung der deutschen Autoritäten". Es gehört zur bitteren Erfahrung des besetzten Landes, daß die Belgier Material und Arbeiter zum Bau der neuen Grenzsicherung zur Verfügung stellen müssen. Sie werden gezwungen, ihr eigenes Gefängnis zu bauen. Zwar erhalten sie für ihre Arbeit Lohn, doch nicht von den Deutschen, sondern aus den Gemeindekassen.

Die Arbeiten ziehen sich über Frühjahr und Sommer hin. Im Herbst erst steht der Zaun auf der gesamten Länge unter Strom - das heißt, der Zaun besteht genaugenommen aus drei Zäunen: Zwei sind ganz gewöhnliche "Kuhwiesenzäune", ohne Strom. Sie dienen dem deutschen Landser als Schutz vor einer versehentlichen Berührung des "eigentlichen", etwa zwei Meter hohen elektrischen Zauns, der zwischen den beiden verläuft. Dazu Alarmdrähte und Suchscheinwerfer.

Die für damalige Verhältnisse ungeheure Menge Energie bezieht das Sperrwerk entweder aus Fabriken in der näheren Umgebung oder aber von Petroleumgeneratoren in Schalthäusern, die im Abstand von einigen hundert Metern entlang des Zaunes errichtet werden. Dort sitzen auch die Wachmannschaften. Zu Fuß oder auf Fahrrädern patrouillieren die Grenzposten die drei bis vier Meter breiten Wegen entlang. Alex Vanneste, Dekan der Universität Antwerpen, kennt die alten Trampelpfade. Beim gezielten Spaziergang findet er auch heute noch Reste zerbrochener Keramik-Isolatoren, Drahtstücke und die zertrümmerten Dachschindeln der Schalthäuser.

Nicht über seine akademische Profession geriet Alex Vanneste an den Todesdraht - er lehrt französische Grammatik und Linguistik. Der Großvater seiner Frau war im Ersten Weltkrieg Schmuggler und Spion. Mehrfach mußte er den Zaun überqueren. So erfuhr Vanneste erstmals von der alten Grenzsperre und begann, Materialien über den "Todesdraht" zu sammeln. Bald mußte er feststellen, daß er der einzige Mensch war, der sich je wissenschaftlich des Themas angenommen hat. Auch belgische Historiker schenkten bis dato diesem bizarren Kapitel keine Beachtung - und das in einem Land, in dem die Verbrechen der Deutschen von 1914 bis 1918 penibel aufgearbeitet worden sind.

So durchstöberte Alex Vanneste Gemeindearchive, auch Privatsammlungen, durchpflügte die Akten, fand vergilbte Zeitungen, Photoalben und holte nach, was seine Kollegen bislang versäumt hatten.

Im Stabhochsprung über das Sperrwerk

Die Frage zu beantworten, wie viele Menschen am Zaun ums Leben gekommen sind, ist sehr schwierig - zumal die Toten von den Deutschen "beseitigt" wurden.

Für eine kleine Region hat Alex Vanneste die Zahl der Opfer möglichst genau untersucht. Das Ergebnis hat er hochgerechnet über den gesamten Verlauf der Grenze: Rund dreitausend Menschenleben habe der Zaun gefordert, schätzt er vorsichtig - die Zahl der lebend gefangenen Grenzgänger nicht mitgerechnet.

Sie wurden erst später gehenkt.

Da der Zaun auch quer durch Ortschaften verläuft, kommt es in der ersten Zeit zu Unfällen aus Unwissenheit. Elektrizität ist in der ländlichen Grenzregion Belgiens ein weitgehend unbekanntes Phänomen die meisten Gemeinden werden erst Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges an das allgemeine Stromnetz angeschlossen. Den Zaun umgibt etwas Geheimnisvolles, Mystisches.

Dennoch reißen die Versuche nicht ab, über die Grenze in die Niederlande zu gelangen. Einer, der es versucht, ist Pierre Wolgarten, ein junger Mann aus dem deutschsprachigen Welkenraedt, nahe der deutschen Grenze. An einem Abend im Frühjahr 1916 stirbt er am Zaun. Ob er am Draht verbrannte? Ob er erschossen wurde? Niemand kann das mehr sagen - namenlos verscharrt wurde er im Aachener Stadtteil Laurensberg. Von seinem Tod haben die Wolgartens erst nach dem Krieg erfahren. Zehn Tage zuvor war seinem Bruder die Flucht gelungen, gemeinsam mit einem Freund. Sie gelangten nach Frankreich und meldeten sich dort als Kriegsfreiwillige.

An die Geschichte dieses Grenzganges kann sich sein Sohn Franz gut erinnern: Belgische Landwirte hatten Löcher und Durchgänge in Hecken geschnitten, hatten "rein zufällig" auf den Wiesen nahe dem Zaun alte Fässer liegengelassen, in denen Boden und Deckel fehlten. Die Patrouillengänge der Deutschen galt es genau abzupassen, dann steckten sie binnen Sekunden das Faß durch die Drähte - und hindurch ging es auf die andere Seite.

Neben dieser Methode lassen sich die Belgier zahlreiche andere Hilfsmittel einfallen: Die Flüchtlinge schnallen sich isolierende Porzellanteller unter Knie, Hände und Füße und robben so unter dem Draht hindurch sie entwickeln ein klappbares Holzgestell, mit dem sie die Drähte auseinanderbiegen Spione und Schmuggler werden in Gummianzüge mit Kapuze verpackt Kriegsfreiwillige versuchen sich im Stabhochsprung andere schneiden mit isolierten Zangen die Drähte durch.

Je länger der Zaun steht, desto professioneller werden die Techniken, ihn zu überwinden: Erfahrene Grenzgänger, sogenannte passeurs, führen ganze Gruppen Fluchtwilliger über den Zaun, bestechen Grenzposten mit Schmuggelware.

Insbesondere Gebiete, in denen der Zaun - um Baukosten zu sparen - nicht exakt dem Grenzverlauf folgt, hinter der künstlichen Begrenzung also noch ein Stück Belgien liegt, entwickeln sich zu Flucht-, Schmuggel- und Spionagezentren. Die Folge: Die Deutschen verlegen den Zaun bis exakt an die Grenze, was in der typisch deutschen Gründlichkeit dazu führt, daß es Gebäude gibt, die regelrecht in zwei Hälften zerschnitten werden.

Doch auch diese radikale Maßnahme nützt wenig: Gegen das heimliche Hin und Her bleiben die Grenzer nahezu hilflos - zumeist bestehen die Wachtruppen aus Reserveregimentern älteren Jahrgangs und aus ausgelaugten Frontsoldaten, die für zwei Wochen auf Erholung in der Etappe sind.

Alex Vanneste glaubt, daß die "Effektivität" des Zauns in keinem Verhältnis zum Aufwand stand - er habe den Grenzübergang erschwert, viele Menschen seien daran umgekommen, aber er habe den Strom von Flüchtlingen lediglich schmälern, nie aber stoppen können.

Nach Kriegsende wird das Sperrwerk rasch demontiert, entweder unter Kontrolle der Gemeinden oder direkt von den Bauern, die Stacheldraht und Pfähle gut gebrauchen können. 1920 läßt Graf D'Oultrement in Sippenaeken am Dreiländereck ein Denkmal für die am Zaun Gefallenen errichten. Er hatte hier, auf seinem Landgut, während der Kriegsjahre Freiwillige versteckt und im Stabhochsprung ausgebildet.

In der Erinnerung der belgischen Bevölkerung lebte der Zaun noch bis in die sechziger Jahre fort - es gab Zeitungsartikel, in denen vom "Heldenmut" der belgischen Freiheitskämpfer die Rede ist, die den Zaun mutig überwunden haben. Abenteuer von wackeren Spionen, ganz im Stile Heinrich Binders geschrieben - natürlich aus belgischer Sicht -, erschienen in Lokalblättern und heimatgeschichtlichen Abhandlungen. Dann geriet er in Vergessenheit.

Erst seit kurzem rührt sich wieder etwas: Der Historiker Herbert Ruland aus dem ostbelgischen Eupen sucht nach Menschen, die noch etwas über den Zaun wissen, Kinder von Kriegsflüchtlingen und Schmugglern. Alex Vanneste aber will seine gesammelten Recherchen über den großen Zaun im Herbst dieses Jahres in Buchform veröffentlichen: Über tausend Seiten Manuskript liegen in seiner Schublade. Im Herbst werden es dann sieben Jahre sein, die er als Wissenschaftler auf den Spuren dieses merkwürdigen Bauwerks verbracht hat.

Das ist doppelt so lange, wie der Zaun existierte - der erste Todesstreifen der deutschen Geschichte.