Algier/Tizi-Ouzou

Sie wolle die Orte des Massakers filmen, sagt die skandinavische Fernsehreporterin bei ihrer Ankunft in Tizi-Ouzou, und eine Überlebende interviewen, die vergewaltigt worden sei und Englisch spreche. "Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Madame", entgegnet der Chef des Empfangskomitees im stacheldrahtbewehrten Hof des Gouvernements. "Hier in Tizi-Ouzou hat es keine Massaker gegeben - Hamdulillah, Gott dem Allmächtigen sei Dank!"

Aber die Reporterin läßt nicht locker. "Ich kenne die Taktik der algerischen Behörden, alles zu leugnen und herunterzuspielen, aber mich können Sie nicht täuschen. Ich bin sicher, daß es ein Massaker gegeben hat." Doch auch der Mann beharrt: "Sie irren sich, Madame. Oder möchten Sie vielleicht, daß wir Ihnen zuliebe ein Massaker veranstalten, damit Sie live darüber berichten können?"

Tizi-Ouzou ist die Hauptstadt der Kabylei. Die zerklüftete Bergregion östlich von Algier ist eine Hochburg des Berbervolks, das der französischen Kolonialherrschaft ebenso hartnäckig trotzte wie der Gleichschaltung durch die Einheitspartei FLN und den Infiltrationsversuchen durch Terror- und Mordkommandos der islamistischen Terrorgruppen GIA (Groupe Islamique Armé) oder AIS (Armée Islamique de Salut). Massaker mit Hunderten von Toten hat es hier nie gegeben, wohl aber Bombenanschläge und nächtliche Überfälle, gegen die sich die örtliche Bevölkerung von Anfang an entschlossen zur Wehr gesetzt hat.

Ich frage den Vorsitzenden der demokratischen Oppositionspartei RCD (Rassemblement pour la Culture et la Démocratie), die den bewaffneten Widerstand in den Dörfern organisiert, warum die Kabylen gegen das Virus des Terrorismus weitgehend immun geblieben sind. "Das Virus ist atypisch", sagt Doktor Lounabuci, Arzt und Soziolinguist, "wie der Aids-Erreger paßt er sich seiner Umgebung an, was es so tödlich macht. Anfangs hat die AIS nur Soldaten und Polizisten ermordet, dann auch Ärzte, Lehrer, Gewerkschafter, Journalisten und Intellektuelle. Jetzt schlachtet die GIA an Stelle von Hammelherden die Bewohner entlegener Dörfer ab. Denn jeder, der vom Islamismus abweicht, hat für sie sein Leben verwirkt. Der Nährboden für Terroristen sind unterentwickelte Gebiete, in denen es eine Identitätskrise gibt. In einer traditionellen Gesellschaft mit historisch gewachsener Identität haben sie kaum eine Chance."

Das Parteibüro der RCD liegt in einem heruntergekommenen Plattenbau am Stadtrand von Tizi-Ouzou. An die Tür hat jemand eine arabisch geschriebene Todesdrohung geheftet. Daneben hängen Aufrufe zum Protest gegen den Mord an Nachef Kamel, der drei Tage zuvor auf der Polizeiwache erschossen worden ist.

Anders als früher werden Übergriffe von Polizisten nicht mehr automatisch von der Regierung gedeckt die Beamten müssen sich vor Gericht verantworten. "Es war schon immer gefährlich, Kabyle zu sein", sagt Doktor Lounabuci. Er wurde 1980 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er sich für die Rechte der Berber eingesetzt hatte, die einst mit Gewalt islamisiert worden sind.

Staatsgründer Ben Bella hatte Algerien per Dekret dem arabischen Kulturkreis zugeschlagen. Noch 1995 wurde ein Seminar zur Kultur der Kabylen in Batna verboten. "Die Sprache ist ein Herrschaftsinstrument", sagt der studierte Linguist. "Das Arabische ist für viele Algerier eine Fremdsprache, genau wie das Französische, auf dessen zentralisiertem Modell der algerische Staat beruht. Aber die Photokopie ist immer schlechter als das Original. Um das Französische aus den Köpfen zu verbannen, wurde Englischunterricht propagiert, nur die Berbersprache blieb weiterhin verboten. Inzwischen hat sich die Lage entspannt, Kabylei-Kulturvereine und Schulunterricht auf Tamazight sind erlaubt, wenn auch nur auf freiwilliger Basis. Wir Kabylen sind die Kurden Algeriens."

Fahrt nach Beni Doual, einem Bergdorf im Hinterland von Tizi-Ouzou. Während im "Dreieck des Todes", der Küstenebene zwischen Algier und Blida, die Mandarinen und Orangen geerntet werden, liegt auf den Hängen des Atlas noch Schnee. In den Tälern blühen Mandel- und Kirschbäume, und Schafhirten blicken kopfschüttelnd unserem Minibus nach, der, eskortiert von sieben Landrovern der Gendarmerie, mit Blaulicht und Martinshorn in das verschlafene Dorf einfährt. Die Gendarmen springen mit gezückten MPs heraus und sichern die Straße. Verdächtig aussehende junge Männer werden mit Bruderkuß umarmt und dabei nach Waffen abgeklopft. Frauen müssen ihre Handtaschen öffnen, nur die gaffenden Kinder bleiben unbehelligt. Unser Ziel ist ein Haus hinter einer Mauer, das Lounès Matoub, dem populärsten Protestsänger der Kabylei, gehört.

Der Hausherr erscheint in einer Art Skianzug, über den er eine Strickjacke gezogen hat, und bittet die Besucher hinein. Lounès Matoub sieht leidend aus, seine Augen sind müde.

Im Wohnzimmer hängen über dem Kamin Trophäen und Photos von Musikfestivals, ein Bild zeigt Lounès Matoub Arm in Arm mit dem Dalai Lama. Der Sänger gehört zu jenen Künstlern und Intellektuellen, die beide Höllen Algeriens - das totalitäre Regime und den islamistischen Gottesstaat - am eigenen Leib erfuhren. Am 9. Oktober 1988, als die Jugend für Bildung, Brot und Arbeit auf die Straßen ging, wurde er beim Verteilen von Flugblättern in Tizi-Ouzou von einer Polizeipatrouille mit fünf gezielten Schüssen niedergestreckt. "Es war ein Mordversuch." Er öffnet den Reißverschluß seines Skianzugs und zeigt mir die Narben am Bauch nur durch ein Wunder hat er überlebt.

Am 25. September 1994 wurde er aus einem Café von islamischen Terroristen verschleppt. Einige seiner Entführer konnte er an ihren Stimmen erkennen.

"Die meisten von ihnen sind verirrte Schafe, arbeitslose Analphabeten, die zum Töten gedrillt worden sind. Da sie keinen Emir bei sich hatten, wußten sie anfangs nicht, was sie ohne Befehl von oben mit mir anstellen sollten."

Ein islamisches Gericht verurteilte ihn zum Tode, vor allem wegen seiner Lieder, die, wie jede weltliche Musik, als haram, als sündig galten. Zwei Wochen wartete er in einem feuchten Erdloch auf seine Hinrichtung und starb, wie er sagt, mehrere Tode. Dann ließen ihn seine Entführer frei. Er war das einzige Opfer einer Fatwa in Algerien, das der Todeszelle der Terroristen entkommen ist. Sein Leben verdankt er spontanen Protestdemonstrationen, auf denen Tausende von Menschen in Tizi-Ouzou und anderswo seine Freilassung forderten und seinen Entführern Blutrache schworen, falls sie ihm ein Haar krümmen sollten. Allein die Angst vor dem Volkszorn habe die Islamisten zum Einlenken bewegt.

"GIA und AIS sind für mich eins", fügt Lounès Matoub hinzu, der dem RCD nahesteht und, wie alle Mitglieder dieser Partei, einen Dialog mit den Terroristen ablehnt. Dahinter steckt auch die Angst, daß das bankrotte Regime, um sein Pfründensystem zu retten, noch einmal auf Kosten der Demokraten einen faulen Kompromiß mit den Islamisten schließen könnte. Deren gemäßigter Flügel ist schon jetzt an der Regierung beteiligt. "Es gibt keine gemäßigten Islamisten, sowenig wie es gemäßigte Terroristen gibt. Sie unterscheiden sich in den Methoden, aber kaum im Ziel: In einem islamischen Gottesstaat, wie ihn die einen herbeibomben, die anderen auf legalem Weg herbeiführen wollen, wäre für Künstler wie mich kein Platz. Wir Kabylen haben eine lange Tradition der Toleranz, für die wir notfalls mit der Waffe in der Hand eintreten."

Lounès Matoub hat sich eine abgesägte Schrotflinte zugelegt, um sein Haus bis zur letzten Kugel zu verteidigen. Er haßt den totalitären Staat und macht ihn für die Krise verantwortlich, die das Ergebnis einer verschleppten Demokratisierung sei. Er haßt die Polizei, die ihn zum Krüppel geschossen hat. Zugleich lehnt er ausländische Einmischung ab und unterstützt die Armee im Kampf gegen den Islamismus, der die Grundlagen des Zusammenlebens bedroht.

"Die wirksamste Hilfe für Algeriens Demokratie", sagt Lounès Matoub beim Abschied, "sind nicht wohlfeile Ratschläge oder wohltätige Almosen, sondern das Verbot aller GIA- und AIS-Aktivitäten in Europa, insbesondere in Großbritannien und Deutschland."