Wäre noch ein Beleg dafür nötig gewesen, daß etwas mit dem deutschen Ausbildungswesen nicht stimmt, dann präsentierte ihn kürzlich die IG Metall.

Pünktlich zum Auftakt der neuen Gesellenprüfungen veröffentlichte die Gewerkschaft eine Übersicht, wonach die Durchfallquoten in den Metall- und Elektroberufen des Handwerks "alarmierende" Ausmaße erreicht haben.

Die Zahlen schwanken je nach Kammerbezirk, die Tendenz indes läßt sich kaum leugnen. In Düsseldorf fiel knapp die Hälfte der angehenden Radio- und Fernsehtechniker durch. In Koblenz blieben 46 Prozent der Prüflinge für Zentralheizungs- und Lüftungsbau nach dreieinhalbjähriger Lehrzeit ohne Gesellenbrief. Und im Rhein-Main-Gebiet wurden 40 Prozent der Maschinenbaumechaniker disqualifiziert. Bundesweit liegen die Durchfallquoten für diese Berufe bei 20 bis 32 Prozent.

Weniger klar als die dürren Daten ist, was daraus folgt. In einem Punkt, so scheint es, ist für die Beteiligten in Betrieb, Berufsschule und Gewerkschaft die Schuldzuweisung eindeutig: Das Hauptproblem liegt nicht beim Handwerk, sondern bei den allgemeinbildenden Schulen. Der Berufsnachwuchs werde immer schlechter aufs Arbeitsleben vorbereitet. "Viele können nur noch mit dem Taschenrechner rechnen", klagt Bernd Ehinger, Vizepräsident für den Zentralverband des Elektrohandwerks (ZVEH).

Doch das Argument von der schlechten Vorbildung der angehenden Handwerker nennt wohl nicht die ganze Wahrheit. Ein Indiz dafür sind die vergleichsweise niedrigen Durchfallquoten in der Industrie. Sie liegen bei den Mechanikern und Elektronikern zwischen sechs und zehn Prozent. Da Auszubildende der Industrie in der Regel den größeren Teil ihrer Zeit in der Lehrwerkstatt verbringen, könnte die Folgerung für das Handwerk immerhin lauten: Mehr Berufsschulunterricht und überbetriebliche Ausbildung sorgen für bessere Ergebnisse.

Solche Erkenntnisse stellen die Branche jedoch vor einen Widerspruch. Gerade das Handwerk ficht seit Jahr und Tag dafür, daß die Lehrlinge mehr im Betrieb mitarbeiten, weil nur so ein ausreichendes Lehrstellenangebot zu gewährleisten sei. "Da prallt tatsächlich zweierlei aufeinander", hat Wilfried Rohlje, Vorsitzender des Metallhandwerks, erkannt. Seine Überlegungen gehen in eine andere Richtung: Die Erstausbildung müsse inhaltlich gestrafft werden. Wie man komplizierte CNC-Maschinen steuert, das könnten Mechaniker auch später in der Weiterbildung lernen. "Wichtig ist, daß sich die jungen Leute mit ihrem Beruf erst einmal identifizieren können." Und zwar durch praktische Arbeit im Betrieb.

Wer dergleichen fordert, gerät leicht in den Verdacht, er wolle Lehrlinge vor allem als billige Hilfskräfte beschäftigen. Eine Verlagerung von Lehrinhalten aus dem Pflichtprogramm in die Weiterbildung könnte allerdings dem Umstand Rechnung tragen, daß neben den Anforderungen der Betriebe auch die Begabungen der Lehrlinge sehr unterschiedlich sind - Unterschiede, die gerade in technikintensiven Berufen zunehmend ins Gewicht fallen.