Wer Propaganda verabscheut, hat die von der Bundesregierung lancierte Kampagne schon lange satt: Immer wenn ein sportliches Großereignis bevorsteht, muß die deutsche Öffentlichkeit gewärtig sein, von einem gerade prominenten Zeitgenossen mit dem Appell "Keine Macht den Drogen" malträtiert zu werden. Zur Zeit ist Michael Schumacher im Propagandaeinsatz, der Protagonist einer riskanten Extremsportart.

Würde die Kampagne "Keine Macht den Drogen" ein Produkt verkaufen, dann ließe sich ihr Erfolg am Verhältnis von Umsatzentwicklung und Werbeaufwand darstellen. Da aber nicht eine Ware vertrieben sondern eine Botschaft vermittelt werden soll, lassen sich Erfolg oder Mißerfolg nur schwer bestimmen. Einzig der Bekanntheitsgrad des Slogans kann gemessen werden: Von hundert Deutschen sollen mehr als achtzig den Spruch "Keine Macht den Drogen" als Zeitungsanzeige, Fernsehspot, Bandenwerbung oder Plakataushang schon einmal wahrgenommen haben.

Doch ist auch die Botschaft angekommen? Wirkt sie präventiv? Geht der Drogenkonsum zurück? Steigen weniger Jugendliche neu ein? Darauf gibt es keine eindeutigen Antworten. Die unvermindert hohe Zahl von Drogentoten, das Aufkommen immer neuer Drogen - Ecstasy, Crack, Ice -, die steigende Risikobereitschaft jugendlicher Drogenkonsumenten lassen eher darauf schließen, daß die Botschaft ins Leere gesendet wurde. Ganz im Dunkeln tappt die Wirkungsforschung allerdings nicht. Präventionsfachleute wissen heute ziemlich genau, was nicht ankommt, nicht gekauft wird und nicht funktioniert: Doppelmoral.

An Zweideutigkeit und Doppelmoral dürfte jedenfalls die Schweizer Volksinitiative "Jugend ohne Drogen" gescheitert sein. Diese von einer Psychosekte und der konservativen Schweizer Volkspartei (SVP) ergriffene Initiative, die ein totales Drogenverbot und die Einstellung der medikalisierten Heroinabgabe forderte, wurde im September vergangenen Jahres mit überwältigender Mehrheit von den Schweizern zurückgewiesen. "Jugend ohne Drogen"? Der Subtext drängte sich auf: Jugend ohne - Erwachsene mit Drogen.

Die Alten dürfen saufen, die Jungen dürfen nicht kiffen

Fast alle von Werbeleuten ausgedachten Kampagnen, die ein komplexes gesellschaftliches Phänomen auf einen Slogan oder eine Parole zu reduzieren versuchen, transportieren derartige heimliche Botschaften, die das Gemeinte und Gewollte unterminieren - oft mit unfreiwilliger Komik. Erfinder solcher Slogans unterschätzen die Phantasie der Menschen und deren Rebellion gegen allzu plumpe Manipulationen. Eine Parole wie "Keine Macht den Drogen" provoziert unweigerlich Gegenparolen wie "Keine Nacht ohne Drogen" oder "Keine Macht den Doofen" - und schon ist die Werbewirkung neutralisiert.

Eine Präventionskampagne, die sich ausschließlich an Jugendliche wendet und das Suchtverhalten der Erwachsenen ignoriert, die konsequenterweise die legalen Drogen der Alten nicht thematisiert und nur die illegalen der Jungen ins Visier nimmt, hätte schon in den sechziger Jahren keine Chance gehabt.