Es ist nicht leicht, ein Genie zu sein in Hollywood. Wer gegen das Gewissen der Industrie auf seinem eigenen besteht, wer Bildergeschichten erfindet, statt sie unter Anleitung zu produzieren, erklärt sich für vogelfrei. Sein Kredit verfällt, sein Name wird gebrandmarkt, sein Werk den Augen der Mitwelt entzogen. Die großen Filmstudios, damals im Vollbesitz ihrer Macht, haben dieses Strafgesetz vor Zeiten an Orson Welles exekutiert.

Aber auch in den neunziger Jahren trägt der Fluch der Traumfabrik noch Früchte. Wie rasch ist beispielsweise der Ruhm eines Steven Soderbergh verblaßt, der vor acht Jahren die Hoffnungen des amerikanischen Kinos verkörperte! Heute arbeitet Soderbergh, wenn er nicht gerade die Mittel für seinen nächsten Low-Budget-Film zusammenkratzt, als Skriptdoktor für Warner, Universal oder Paramount. Nach "Sex, Lügen und Video" wollte er davonfliegen das System hat ihn an die Werkbank zurückgeholt.

Das soll Quentin Tarantino nicht passieren. Seine Karriere, hat Tarantino vergangenes Jahr dem New York Times Magazine verraten, sei auf Dauer angelegt, mindestens für die nächsten vierzig Jahre. Darum habe er den Wünschen seiner Gemeinde, die nach "Pulp Fiction"-Aufgüssen dürstete, nicht nachgegeben und stattdessen "Jackie Brown" gedreht, einen "ruhigen" Film.

Denn: "Da draußen gilt jetzt jedes dritte Drehbuch als ,tarantinoesk' ... ich bin schneller zu einem Adjektiv geworden, als ich dachte."

Eine abstrakte und kulinarische Willkür beherrscht die Filmstories

In Tarantinos erstem Spielfilm "Reservoir Dogs" gibt es eine Einstellung, die ohne viele Umstände klarmacht, was "tarantinoesk" bedeutet. Ein paar Gangster haben sich nach einem mißlungenen Coup in einer Lagerhalle versammelt. Einer von ihnen, Mr. Blonde (Michael Madsen), beginnt damit, einen Polizisten zu foltern, der bei dem Überfall gefangen wurde. Aber vorher schaltet er das Radio an. In "K-Billys Hitparade der siebziger Jahre" läuft ein alter Song von Stealer's Wheel: "Stuck in the Middle with You". Zu den Tönen der Musik tritt Mr. Blonde auf den Polizisten zu und schneidet ihm ein Ohr ab. Dann übergießt er den Zuckenden mit Benzin und zündet ein Streichholz an.

Zwischendurch singt er den Text des Liedes mit: "Clowns to the left of me, jokers to the right ..." Dazu tänzelt er. Das ist der Tarantino-Touch.