Hitler the Killer ist nur ein Junge. Er ist elf Jahre alt und lebt in Liberia. Eigentlich heißt er Abraham. Als er sieben Jahre alt war, kamen Männer und gaben ihm ein Gewehr und den Namen Hitler the Killer. Vier Jahre lang war er Soldat. Ein guter Soldat, sagt Colonel Mother Blessing. "Wenn ich sage, geh und töte, tötet er." Abraham schätzt, daß er zehn Menschen erschossen hat. Manchmal befahl ihm Colonel Mother Blessing, Männern die Augen herauszuschneiden. "Ich habe das getan", sagt Abraham. Kinder seien die besten Soldaten, sagt der Colonel.

Zu sehen ist das auf einem Video, gedreht im Auftrag des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK). Sobald irgendwo Krieg ausbricht, werden die Delegierten des IKRK losgeschickt, um den Opfern zu helfen und dafür zu sorgen, daß die Genfer Konventionen eingehalten werden, die Spielregeln des Krieges. Dabei treffen die Delegierten immer häufiger auf Kinder wie Abraham, Kinder, die nichts wissen von Genfer Konventionen, nichts wissen von Moral und Werten, Kinder, die Augen herausschneiden, wenn ein Colonel das befiehlt.

Beim IKRK trifft man Leute, die haben sechs Kriege erlebt

Dies ist ein Grund dafür, weshalb das IKRK in den neunziger Jahren in eine schwere Krise rutschte. Auf die neuen Kriege waren die Delegierten nicht vorbereitet. Bosnien, Ruanda, Liberia, Tschetschenien - das große Schlachten, die Wiederkehr der Konzentrationslager, der ethnischen Säuberungen, chaotische Kriege, deren Opfer vor allem Zivilisten waren. Für die Organisation war das ein Schock, man spürt es noch immer. Und sie ist dabei, sich zu ändern, um mit den veränderten Kriegen zurechtzukommen. Ein Kulturbruch steht bevor.

Avenue de la Paix in Genf, die Straße des Friedens: eine alte Villa, eine Büroschachtel jüngeren Datums, eine Holzbaracke - das Hauptquartier des IKRK ist nicht gerade organisch gewachsen. Kleine Büros, ein bißchen Ortskassenatmosphäre, und die steht in merkwürdiger Spannung zu dem, was in den Köpfen der Mitarbeiter gespeichert ist. Hier trifft man auf Leute, die haben fünf, sechs Kriege erlebt, die haben sich mit Karadzic Schreiduelle geliefert und Greuel gesehen, die CNN niemals zeigen würde. An kaum einem anderen Ort ist so viel Wissen über bewaffnete Konflikte versammelt wie hier.

Als Doris Pfister, kriegserfahren aus Sri Lanka und Israel, von den Heckenschützen hörte, die in Sarajevo Jagd auf Zivilisten machten, dachte sie: "Das ist doch verboten." Der Satz mag naiv klingen, aber er markiert das Selbstverständnis des IKRK. Nicht Krieg ist verboten, sondern Unmenschlichkeit im Krieg. Die Genfer Konventionen fordern anständigen Umgang mit Gefangenen oder Verwundeten und verbieten den Kampf gegen Zivilisten.

Also machten sich Doris Pfister und ein Kollege auf den Weg, um das Treiben der Heckenschützen zu beenden. Sie suchten ein Argument, eine Botschaft, die einen Sniper davon abhalten könnte, auf Frauen oder Kinder zu schießen. Sie recherchierten, wer die Heckenschützen sind, wie sie leben, warum sie töten. Dann brachen sie ihr Projekt ab. Doris Pfister sagt dazu einen Satz, der so traurig ist wie kaum ein anderer, einen Satz über den Zustand der Welt: "Wir haben keine Botschaft gefunden." Es gab kein Argument, für das die Sniper zugänglich gewesen wären. Frauen und Kinder hatten ihrer Ansicht nach unbedingt den Tod verdient.