Der Vormieter von Talland House in St. Ives hatte "nie etwas von dem verdammten Weib gehört", lernte aber schnell, diejenigen zu verabscheuen, die auf ihren Spuren reisten: Amerikaner im Wohnzimmer, Australier im Bad, Japaner auf der Terrasse, sobald er die Türen offenstehen ließ. Und alle wollten den geweihten Boden betreten, den der Mann eigensinnig als den seinen betrachtete. Auf diese Weise erfuhr er, daß das Weib Virginia Woolf hieß und angeblich eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts war.

Als kleine Virginia Stephen habe sie aus diesem Fenster über die Bucht zum Godreavy- Leuchtturm geblickt, im Garten mit ihrer Schwester Vanessa gespielt, sagt der Mann, und alles in allem sei er, mit Verlaub, ein literarischer Banause und ein ungastlicher Klotz. Mrs. Bedford, eine muntere blonde Dame, die Talland House heute mit ihrer großen Familie bewohnt und Teile des Obergeschosses an Feriengäste vermietet, hat hingegen gelernt, mit den "Woolfies" zu leben. Sie entschuldigt sich sogar für den Zustand des Rasens und die zusammengehackte Buddleia neben der Gartenbank, als eine 37köpfige deutsche Reisegruppe über sie hereinbricht. "Wir versuchen,das Haus wieder so hinzukriegen, wie Virginia Woolf es gekannt hat", sagt sie und blättert im Wohnzimmer ihr scrapbook auf, in das sie Kopien von Photos eingeklebt hat: hier eine Ecke vom Kamin - leider nicht mehr im Original vorhanden -, dort ein Stück Tapete mit Zweigen und Blättern, Hintergrund für ein langes, stilles Mädchengesicht mit verhangenen Augen.

Talland House ist in den letzten hundert Jahren so oft umgebaut worden, daß allenfalls die Gartentreppe, auf der Henry James fürs Album posierte, als gesicherter Schauplatz gelten darf. 1893 gaben die Stephens das Haus auf, nachdem ihnen das neue "Porthminster Hotel" die Aussicht aufs Meer und damit den Spaß an der Sommerfrische in Cornwall verdorben hatte.

Virginia Woolf, ihre Familie und Freunde haben in Südengland markantere Spuren hinterlassen als die unscharfen Assoziationen in Talland House. Aber wer heute in geschlossener Formation ihren Spuren folgt - vom Londoner Stadtteil Bloomsbury bis nach Land's End im Westen -, muß viele Woolf-lose Meilen hinter sich bringen.

Deshalb steuert der Reisebus unterwegs Stationen an, die zwar nichts mit der Frau zu tun haben, jedoch die notwendige Erleichterung mit literarischer Kurzweil verbinden: Daphne du Mauriers Sekretär, Schreibmaschine und Pfefferminzbonbons (Marke Fox Glacier Mint) im "Jamaica Inn" von Bolventor; Dartmoor, wo Sherlock Holmes den Hund der Baskervilles zur Strecke brachte; die elegant geschwungene Hafenmauer von Lyme Regis, the Cobh, auf der Jane Austen spazierenging und John Fowles die Geliebte des französischen Leutnants absetzte. Dagegen ist Stonehenge - eher stumm und gänzlich aus dem Rahmen fallend - schon wegen seiner Lage an der A 303 touristisch zwingend.

Am Winchester College hat immerhin ein Woolfscher Neffe studiert, den sie um dieses Privileg heftig beneidete. Die Reisenden staunen die jungen Scholaren in wehenden Talaren wie Historiendarsteller an. Der Rest ist sowieso 16. Jahrhundert: die Kreuzgänge, die katzenkopfgepflasterten Innenhöfe und spannendicken eichenen Tischplatten im Speisesaal. Frauen sind hier nach wie vor nicht zum Studium zugelassen.

Knole, heute zerstört von Staub und Zeit, diente als Kulisse für "Orlando"

Wenn sich der Weg allerdings zu lange hinzieht und die 37 Passagiere über Gang und Rückenlehnen hinweg einander wieder einmal beteuern, daß sie sonst nie, nie! in dieser Form verreisten und so ein Haufen Leute im Grunde unerträglich sei, hilft nur noch ein Cream Tea im Garten des "Northover Manor Hotels" in Ilchester: Tee und Scones mit doppeltdicker Sahne und Erdbeermarmelade.

Gestopft und wunschlos überstehen dann auch die Damen mit den hochgestellten Hemdblusenkragen den Endspurt bis Sussex. Südlich von London, in Sussex und Kent, liegen die Stätten, die Virginia Woolf im späteren Leben kannte, so authentisch bewahrt, wie ein Ort, den unzählige Blicke abgeweidet haben, nach achtzig Jahren noch sein kann; keine frische Zwiebel, aber unter dem Einmachglasdeckel noch immer von unverwechselbarem Aroma.

Da ist Monk's House, Woolfs ländliche Klause in Rodmell, wo sie über zwanzig Jahre lebte, schrieb und schließlich den Tod suchte. Charleston Farm House, das glückliche Chaos ihrer Schwester Vanessa Bell. Sissinghurst, der Turm und Garten der Freundin und Geliebten Vita Sackville-West. Und schließlich Schloß Knole, wo Vita geboren wurde und das Virginia als Kulisse für die ersten Kapitel von "Orlando" wählte, der fiktiven Biographie einer Jünglingsfrau, in der Vita sich wiedererkannte.

Knoles düstere Prunkräume gehen in Fransen, zerstört von Staub, Licht und Zeit; die Brokatsäume aufgelöst, der Flitter verschossen, und im Schlafzimmer des venezianischen Botschafters ist ein Geruch hängengeblieben, wie er Orlando aus den Röcken Elisabeths I. entgegenwehte, als er ihr kniend die Waschschüssel reichte.

Virginia Woolf hat den Süden Englands und die Sussex Downs geliebt, diese rollenden grünen Hügel, über die Wolken wie geblähte Segel ziehen, die Heckenwege und ausladenden alten Eichen. Ein Wunder ist, daß man diese Landschaft - kehrt man seinem monströsen Fahrzeug erst einmal den Rücken noch immer annähernd so sehen kann, wie Virginia sie sah: die Luft blank gefegt vom Seewind, die Häuser in ihren Nestern aus Rosen, Glyzinien und Kletterwein alt geworden, Moos auf Mauern, Patina auf Ziegeln. Eine graue Steinbrücke buckelt über den Fluß. In den Gärten blühen die Stockrosen. "Wie himmlisch mir all die Düfte & Farben & reinliche Leichtigkeit des Lebens erscheinen - und es in Wirklichkeit ja auch sind", schrieb Vanessa im Jahr 1936.

Ihren Himmel auf Erden, Charleston Farm House, hatte sie zwanzig Jahre zuvor mit Ehemann Clive Bell, ihrem zeitweiligen Liebhaber und lebenslangen Gefährten Duncan Grant, ihren Kindern und Freunden bezogen. "Es dient offenbar einem Paar, das unzählige Tiere hält, als Wochenendbehausung", hatte Virginia sie gewarnt, "und die meisten Zimmer werden ausschließlich von Tieren genutzt." Kein Gas, kein Strom, keine Heizung, nur kaltes Wasser, dafür ein leckes Dach ... Doch Vanessa, der Malerin, erschien das abgeschiedene Bauernhaus aus dem frühen 18. Jahrhundert so reizvoll wie eine "leere Leinwand", auf der sie und Duncan Grant "a little housepainting" veranstalten konnten. Mauern, Türen, Betten, Regale, Paravents, die Holzkiste und die Wäschetruhe wurden bemalt; was kühn und zufällig aussieht, ist delikat und effektvoll plaziert.

Im Flur die pulvergrauen Wände, und hinter den Türen tobt eine heitere Orgie in Ornament und Abbild: Senfgelb, Pflaumenblau, Rostrot, grünstichiges Schwarz, verwaschenes Oliv und dazu ein wenig humoristische Augentäuscherei. Mollige Jünglinge lehnen schmachtend an einem Sockel, der die Kaminnische im Studio bildet, ein Hund bewacht Vanessas Schlaf, über die Tischplatte reitet Arion auf einem Delphin, und von der "phantastischen Note" des Gästezimmers hoffte die Malerin, daß "kein Besuch so lange bleiben wird, bis sie ihm auf die Nerven geht".

Bloomsbury, diese heterogene Clique aus Künstlern und Intellektuellen, die sich jeden Sommer in Charleston traf, hatte sich zu Beginn des Jahrhunderts am Londoner Gordon Square zusammengefunden. Sie verfügte weder über eine Satzung noch über eine eigene Philosophie. Verbalradikal, elegant und ironisch, fühlten sich die Freunde allein Vernunft und Schönheit, Wahrheit und Freimut verpflichtet.

Für die beiden Miss Stephen, die im Muff der letzten hundert Jahre erzogen worden waren, flog in Bloomsbury ein Fenster auf. Es wurde nicht nur über Doppelmoral und Sex gesprochen, man stritt und liebte auch kreuz und quer. Aus Liebenden wurden Freunde, aus Freunden Liebhaber, und trotz fortgesetzter Provokation blieben sie sich auf wundersame Weise zugeneigt und treu: die Woolfs, die Bells, Duncan Grant, die Stracheys, die Partridges, Maynard Keynes, Roger Fry, Desmond MacCarthy, E. M. Forster, T. S. Eliot ... "Die Atmosphäre in Charleston scheint geladen mit Katastrophen, die niemanden aus dem Gleichgewicht bringen", schrieb Virginia Woolf, die gelegentlich die neun Meilen von Rodmell herübergeradelt kam. "OUT!" hatte Vanessa an die Auffahrt genagelt, als die Besucher sie zu überrennen drohten, aber das galt natürlich nicht für die zweite Bienenkönigin in diesem Schwarm.

Charleston in seinen "wechselnden Schattierungen eines alten Chamäleons" (Quentin Bell) ist wie ein Geisterhaus, so präsent und spannungsgeladen, als habe gerade jemand den Pinsel hingelegt, die Teetasse abgesetzt, den Korbstuhl über den Kies gezogen: Vanessa in Schürze und Espadrilles, die das Mehl für die Scones durch ihre langen Finger rinnen läßt, Maynard Keynes, aus London zurück, im Anzug Unkraut jätend, Lytton Stracheys Vorlesestimme und eine maliziöse Bemerkung von Virginia. Der Duft nach Äpfeln und Zigaretten, Toast und Terpentin, sonnenwarme Ziegelmauern, halbnackte Kinder im Ententeich, Strohhüte, Hosen, die von alten Krawatten zusammgehalten werden, Schreiben, Malen, Freiheit, Unordnung, Lachen und Reden, Reden - über sich und die Welt, Gott und die anderen.

"Virginias Redekraft war erstaunlich", schrieb Frances Partridge. "Sie wirkte wie ein Holzstoß, der plötzlich Feuer fing. Sie entflammte in einer Fülle von Worten und Phantasien und Späßen. Es gab viel Gelächter und Witze ..." Im benachbarten Berwick - ein weiterer Ort von zeitloser, träumender Schönheit haben Bell und Grant 1942 die kleine Kirche St. Michael and all Angels ausgemalt: Verkündigung, Christi Geburt, Kreuzigung und Himmelfahrt. Ein toleranter Bischof hatte ihnen den Auftrag für die Fresken erteilt. Die Gemeinde hingegen war nicht durchweg begeistert. Hatte man diese Künstler jemals zuvor in der Kirche gesehen? Das Ergebnis bleibt ein wenig verstörend. A little churchpainting.

Engel umschwirren den Auferstandenen wie die Nixen eines Wasserballetts ihren Trainer. Eine halbe Drehung: Und was ist von dem Augenaufschlag des Gekreuzigten zu halten? "Wir sehen keine Spur des Leidens im Gesicht des Herrn", sagt der Reverend Peter Smith, der für die Woolfies seine Kirche jeden Tag geöffnet hat (Lichtschalter links neben der Tür). "Christus trägt den Kopf erhoben und hält seine Arme wie ein betender Jude ausgestreckt. Das Modell, der Künstler Edward Le Bas, war stundenlang in dieser Haltung an einer Staffelei festgebunden worden." Was der Reverend nicht sagt, tratscht die Führerin in Charleston weiter: "Edward war stundenlang in dieser Haltung mit Whiskey abgefüllt worden."

Die Klause in Rodmell - ein Haus für zwei Gespenster

Monk's House in Rodmell erscheint neben Charleston streng und still; ein Haus für zwei Gespenster. Leonard und Virginia Woolf hatten es 1919 kurz entschlossen gekauft. Es war niedrig, dunkel, kalt, feucht, wie diese bezaubernden englischen Cottages das so an sich haben, und das Plumpsklo stand draußen im Lorbeergebüsch. Doch trotz des mangelnden Komforts war es ein guter Platz, um die Füße gegen die Kamineinfassung zu stemmen, Grammophonplatten zu hören und Bücher ohne Ende zu lesen, wie Virginia an Ethel Smyth schrieb. Monk's House ist mit Bildern Vanessa Bells ausgestattet, mit Stoffen, Kacheln und Keramik, die sie und Grant entwarfen, aber sein vorherrschender Eindruck ist grün - Virginia Woolfs Lieblingsfarbe, von der sie sich nur ungern abbringen ließ.

Ein kleiner grasbewachsener Abhang scheint das Haus in der Senke mit grünem Licht zu füllen; ein Regenwald hat den Wintergarten in tropfender Üppigkeit verschlungen, resedagrün sind Wände und Fensterrahmen im Wohnzimmer, und auf der Fensterbank steht Woolfs paperweight, eine grüne Birne aus Glas. Charleston und Monk's House wurden über viele Jahre nur in den großen Ferien bewohnt; und so scheint ein immerwährender Sommer in den Erinnerungen und auf den alten Photos zu herrschen, richtiger kreidiger Sommer, vor dem man in die Kühle des Hauses flüchtete.

Doch so, wie freie Liebe und schrankenlose Toleranz der Bloomsburianer einer freundlichen Täuschung gleichkamen, war auch der Sommer in Sussex oft eine prekäre Idylle. Vanessa Bells Sohn Julian fiel im Spanienkrieg; für Virginia Woolf brachte jedes neue Buch den Absturz in den Wahn mit sich. Als die Woolfs 1940 in London ausgebombt wurden, zogen sie ganz nach Rodmell. Ein Jahr später ging Virginia in die Ouse, die Taschen mit Steinen beschwert. Ihre Asche und die ihres Mannes Leonard ist im Garten beigesetzt. Die Büste unter dem Feigenbaum scheint zu der Hütte am Ende des Gartens hinüberzusehen, in der sie schrieb.

Da ist nicht viel: ein Tisch mit Petroleumlampe, ein spindeliger Stuhl, Zigaretten, Brille, hellblaues Manuskriptpapier, triviale, persönliche Dinge, die eine scheinbare Annäherung versprechen. Die Neugierde auf die Wohnstätten berühmter Männer und Frauen sei "nur dann legitim, wenn das Haus eines großen Schriftstellers oder die Landschaft, in der es liegt, unserem Verständnis seiner Bücher etwas hinzufügt", hatte Virginia 1904 geschrieben, als noch kein Leser ihren Namen kannte. Man muß weder Talland House noch Gordon Square, noch Monk's House gesehen haben, um Woolfs Romane zu verstehen, aber selbst sie fand eine kleine Bezauberung verzeihlich. Aus ihrer Werkstatt konnte sie im Sommer durch die Glastüren in den Schatten einer Eßkastanie treten. Ein Photo zeigt sie dort im Kreis ihrer Freunde, eine hagere Frau im Liegestuhl mit Sonnenhut und übereinandergeschlagenen Beinen, die unendlich großen Füße stehen quer unter ihrem Rock hervor. Heute haben sich die Woolfies dort niedergelassen mit dem Lächeln der glücklich Angekommenen im Gesicht.