Bislang ging es zu wie auf einer Einbahnstraße. Seit den fünfziger Jahren, als erst Italiener, dann Spanier, Türken und Portugiesen mit Blumensträußen am Bahnhof begrüßt wurden, floß ein steter Strom von Arbeitskräften nach Deutschland. Inzwischen haben die Deutschen mit einer hohen Arbeitslosigkeit zu kämpfen, während die Nachbarn laufend neue Jobs produzieren: In der Schweiz, in Luxemburg, Großbritannien und Österreich läuft es schon seit längerem rund, und in den vergangenen Monaten meldeten auch Dänen, Norweger und Niederländer neue Traumdaten: Deren Arbeitsmarkt ist leer geräumt. Viele Unternehmen wissen nicht, wie sie ihre Jobs besetzen sollen - und suchen immer öfter im Ausland.

Angesichts von knapp fünf Millionen Arbeitslosen hierzulande bleibt vielen Deutschen nichts anderes übrig, als Weißwurst und Schwarzbrot hinter sich zu lassen, wenn sie arbeiten wollen. "Mit Glück hätte ich in Deutschland nach dem Studium gerade mal einen Halbtagsjob bekommen", sagt Bodo Günther. Statt dessen ist der 29jährige, der in Gießen Medizin studiert hat, seit eineinhalb Jahren Assistenzarzt in einem 120-Betten-Krankenhaus auf der norwegischen Insel Stord, eine Stunde Autofahrt südlich von Bergen. Und wenn alles nach Plan geht, arbeitet er in vier Jahren als Oberarzt. Er ist mit einer Norwegerin verheiratet, in sein Deutsch hat sich bereits ein kleiner norwegischer Akzent eingeschlichen. Er will bleiben. Allein Freunde und Familie in Deutschland vermißt er mitunter. "Aber mit Auto und Flugzeug bin ich da auch in fünf Stunden", sagt er.

In Norwegen sind Arbeitskräfte derzeit ein höchst knappes Gut. Mit rund 50 000 neuen Jobs im laufenden Jahr rechnet Erik Martinson, stellvertretender Generaldirektor der norwegischen Arbeitsbehörde. Bei einer Arbeitslosigkeit von weniger als vier Prozent sind die aus den eigenen Reihen nur schwer zu besetzen. "Mit Hausfrauen, Flüchtlingen und Sozialhilfeempfängern werden wir höchstens 35 000 zusammenbekommen", weiß er. Die Experten von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben die norwegische Regierung erst im Februar gewarnt: Wenn das so weitergehe, würden die Arbeitnehmer ihre starke Position ausspielen und höhere Löhne durchdrücken - mit bösen Folgen für die Preisentwicklung. Außer 700 weiteren Medizinern braucht das Land Ingenieure, Leute für die Baubranche und die Fischindustrie - rund 15 000 insgesamt.

Um die Ärzte kümmert sich sogar die Regierung selbst. Sie organisiert Informationsabende in ganz Europa und finanziert einen dreimonatigen Sprachkurs für die Erwählten. Dabei haben Deutsche besonders gute Karten, denn "unsere Sprache ist für sie relativ einfach zu lernen", sagt Martinson.

Schon seit 1994 werden europaweit Jobs vermittelt

Um die Jobs in den anderen Branchen konkurrieren die Deutschen mit dem Rest Europas. Hier bemühen die Nordländer, ebenso wie die anderen boomenden Volkswirtschaften rund um Deutschland, zunehmend das Eures-Netzwerk der Europäischen Kommission. Seit 1994 gibt es diesen European Employment Service - ein europäisches Arbeitsamt. Die Arbeitsverwaltungen aller EU-Mitgliedsstaaten und Norwegens tauschen untereinander die freien Stellen aus und geben sie in ihr System ein. Eures-Berater, 200 europaweit, 42 allein in den großen sowie den grenznahen deutschen Ämtern, informieren den europaweit Arbeitssuchenden. Der Deutsche konkurriert dann mit dem Italiener oder Spanier um einen Ingenieurjob in Norwegen oder den Niederlanden. Allzu häufig tut er es allerdings noch nicht. "Leute aus anderen Ländern sind eher bereit, ihren nationalen Arbeitsmarkt zu verlassen, wenn es schlecht aussieht", hat Detlef Hein beobachtet, Eures-Projektleiter in der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit.

Für Patrick Schwarz sah es zwar nicht gerade schlecht aus, besonders gute Perspektiven hatte er aber auch nicht. Der 25 Jahre alte Bibliothekar arbeitete in einer Forschungsbibliothek in Karlsruhe, allerdings nur mit befristetem Vertrag. Den hat er jetzt zwar auch - dafür aber kann er Auslandserfahrungen sammeln. Seit August vorigen Jahres arbeitet er in Zwijndrecht nahe Rotterdam für die Firma DMP, die für Bibliotheken Zettel-Kataloge digitalisiert. "Der Lohn ist zwar etwas niedriger, aber das muß man wohl in Kauf nehmen", sagt er. Eigentlich war er nur gekommen, um "mal im Ausland zu arbeiten". Er überlegt, ob er nicht vielleicht ganz bleiben will.