Es kann davon ausgegangen werden, daß die neun engbeschriebenen Seiten, in denen die RAF ihre Auflösung erklärt, "echt" sind: unnachahmlich jener gewundene, leere, zugleich feige als auch hochfahrende Ton der Selbstkritik.

Da bedauern die Verfasser ihre "manchmal mit demonstrativ kalter Konsequenz betriebene Politik" in den achtziger Jahren. Sie spielen unter anderem auf die Ermordung des amerikanischen GI Edward Pimental 1985, nur weil man seine Ausweispapiere brauchte, und auf den Tod Gerold von Braunmühls an, der sterben mußte, nur weil er als Beamter Teil der "imperialistischen" deutschen Außenpolitik war.

Dies ist eine makabre Prosa aus dem politischen Jenseits, eine Selbstbeurkundung nach dem politischen Tod, getragen vom Geist der deutschen Bürokratie, der eine Geschichte nicht mit einem menschlichen Wort, etwa einem Wort der Reue, schließen kann. Sondern es wird die Akte RAF von ihr selbst geschlossen. Was war jetzt der Anlaß für die Auflösung, nachdem zwei Jahrzehnte lang wirklich alle sinnvollen Momente des Aufgebens mißachtet wurden?

Zunächst bleibt nur eine Art Aufatmen. Die Peinigung durch diese Sprache, diesen Terror der Abstraktion, in der Mord zur Phrase und die Phrase zum Mord wurde, ist nun vielleicht vorbei. "System", "Mensch", "Befreiung", "Gewalt", Worte, ausgelaugt von jeder sinnlich-zivilen Wirklichkeit, sie kehren zurück.

Auch der Jargon gehört dazu. Immer wieder betonen die Autoren, mit diesen oder jenen Zielen seien sie "nicht durchgekommen" - die Wirklichkeit der Menschen als stumpfer Realitätswiderstand.

Wenn es noch ein Thema der Auseinandersetzung gibt, dann dies: Der Anspruch der RAF, ihre Geschichte nun bewußt zu beenden, muß mit Schärfe zurückgewiesen werden. Dieses Recht hat sie nicht. Politische Gruppen müssen ihre Aktionen zwar allein verantworten, sind aber nicht allein Herr ihrer Geschichte.

Das Auflösungspapier zeigt noch einmal, wie sehr die Illegalität zur geschlossenen Anstalt wurde, in der ein anderes Zeitmaß und eine andere Realität zählt. Selbst die "Sackgasse", in der sie sich sehen, klingt wie eine Fiktion, getrennt von der Wirklichkeit wie durch eine Aquariumwand.